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Stillen ist kein natürlicher Instinkt

Oranienburg Stillen ist kein natürlicher Instinkt

Über das Stillen existieren viele Mythen und Ammenmärchen. In Oranienburg (Oberhavel) will die 55-jährige Sylvia Weder genau darüber aufklären und Frauen aufklären und ihnen ein gutes Gefühl geben. Vor rund einem Jahr hat sie einen mutigen beruflichen Schritt gewagt.

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Über das Stillen existieren viele Mythen und Ammenmärchen.

Quelle: Patrick Pleul

Oranienburg. Sylvia Weder will ihren Teil dazu beitragen, dass Eltern und Kinder eine bessere Beziehung zueinander haben. Dabei setzt die 55-Jährige früh an – als Stillberaterin.

„Was, du stillst noch?“ Ein Satz, den Mütter, die ihre Babys lange stillen, häufig hören. Kürzlich flüsterte Sylvia Weder eine Mutter zu: „Ich stille immer noch.“ Alter des Kindes: drei Jahre. „Aus Angst vor Blicken und komischen Reaktionen hat sie es bis auf mir niemandem erzählt“, ist sich die Oranienburgerin sicher. Dabei sei es normal, sein Kind lange mit Muttermilch zu versorgen. Sollte es zumindest.

Sylvia Weder berät nicht nur stillende Frauen, sie bietet auch Babymassagen und Familienberatungen an

Sylvia Weder berät nicht nur stillende Frauen, sie bietet auch Babymassagen und Familienberatungen an

Quelle: Marco Winkler

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und UNICEF empfehlen eine Stilldauer von zwei Jahren und länger. Muttermilch ist nicht nur keimfrei und mit mehr Nährstoffen und Kalorien angereichert als künstliche Nahrung. Muttermilch, mit der Brust eingenommen, sorgt für individuelle Antikörper. „Das Kind überträgt seine Keime beim Saugen auf die Brust, die Mutter bildet dann dementsprechende Antikörper und gibt sie mit der Milch weiter.“

Mutig: Mit Mitte 50 noch einmal neu starten

Sylvia Weder kennt sich aus. Als Krankenschwester arbeitete sie 25 Jahre lange in der Geburtshilfe der Oranienburger Klinik. Sie ließ sich von TV-Nanny Katharina Saalfrank coachen, ist im Netzwerk „Gesunde Kinder“ aktiv. 2015 kündigte sie mit 54 Jahren in Oranienburg ihren sicheren Job. Grund: Differenzen. Unüberbrückbare, wie es bei prominenten Scheidungen oft heißt.

Als Krankenschwester arbeitet sie aber immer noch – im Berliner Kinderintensivdienst. Nebenberuflich hat sie sich seit 2011 ein zweites Standbein als Still- und Laktationsberaterin IBCLC aufgebaut. IBCLC steht für International Board Certified Lactation Consultant (englisch für „international zertifizierte Laktationsberaterin“), das ist der international geschützte Titel für examinierte Still- und Laktationsberaterinnen.

Wissen kompetent vermitteln

Anlass des beruflichen Werdegangs: Die Grundberatung fürs Stillen wird meist im Rahmen der Wochenbettbetreuung durch die Hebammen abgedeckt, aber „oft stoßen sie an ihre Grenzen, weil sie noch weitere Aufgabenfelder haben.“ Dann werden Mütter zu Still- und Laktationsberaterinnen verwiesen. „Hier würde ich mir wünschen, dass die Zusammenarbeit mit den Hebammen intensiver wäre.“

Oft kommen die Mütter zu ihr, wenn es schon spät ist. Wenn die Brustwarzen zu sehr schmerzen, teils schon vernarbt und entzündet sind, die Kinder sich an künstliche Nahrung gewöhnt haben. „Wünschenswert wäre, wenn die Frauen schon während der Schwangerschaft zu mir kommen würden.“ Da haben sie aber oft nur eins im Kopf: Strapazen und Risiken der Geburt. Danach: „Anspruch auf Hebammenhilfe haben alle Frauen vom Beginn der Schwangerschaft bis zum Ende der Stillzeit“, so Sylvia Weder, „doch Hebammen können nicht alles abdecken.“

Hier springt sie ein, vermittelt Wissen. So wissen viele nicht, dass Medikamente, die zwei bis drei Stunden vor der Geburt eingenommen werden, direkt ins noch ungeborene Baby fließen. Auch die der PDA (Periduralanästhesie). Resultat: „Die PDA macht saugschwache Kinder.“

Auch „Flaschenmütter“ sind gute Mütter

Ihre Kurse gibt sie im Oranienburger Hebammenstübchen Central der Hebammen Manuela Minge, Katja Tietsche und Heidrun Vorkel. Die Workshops sind kostenpflichtig. „Noch zahlt die Krankenkasse nicht.“

Aber Sylvia Werder ist sich sicher: Richtiges Stillen braucht Anleitung. Denn es ist kein Instinkt, sondern eine sozial angelernte Fähigkeit, die eine Bindung schafft – zwischen Mutter und Kind. Flaschenmütter – „Auch sie sind gute Mütter“ – müssen da einiges nachholen. Ein Säugling, dem die „Brust gegeben“ wird, hat über 400 Stunden Hautkontakt mit seiner Mutter im Säuglingsjahr.

Auch sollten Mütter mehr auf ihre Kinder hören, ihnen Beachtung schenken. Stillen nur alle vier Stunden? Nein, sagt Sylvia Weder. „Stillen immer nach Bedarf.“ Verhätschelt oder zur Unselbstständigkeit erzogen wird ein Kind, das lange gestillt wird, nicht. „Es baut ein Urvertrauen auf, das für die Entwicklung wichtig ist.“

Mehr über die Stillberatung sowie über Familien- und Kinderkurse unter www.stillberatung-mit-herz.de

Von Marco Winkler

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