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Oranienburgs erstes Denkmal galt einer Frau

Bemerkenswerte Denkmalgeschichte Oranienburgs erstes Denkmal galt einer Frau

Im 19. Jahrhundert wurden vielerorts Denkmäler für große Männer errichtet, nicht so in Oranienburg. Die Bürgerschaft widmete das erste richtige Denkmal der Namenspatronin der Stadt – Louise Henriette von Oranien, die im 17. Jahrhundert Kurfürstin von Brandenburg war.

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Das Louise-Henriette-Denkmal vor dem Schlosspark-Portal, dargestellt in einer zeitgenössischen Lithographie. Es wurde am 18. Juni 1858 eingeweiht, später in den Park verlegt.

Quelle: Bodo Becker

Oranienburg. Das Aussehen des Schlossplatzes im 19. Jahrhundert wäre ohne seine Denkmäler nur unvollständig beschrieben. National- und Kriegerdenkmäler hatten Hochkonjunktur, denn sie waren Ausdruck eines sich entwickelnden deutschen Nationalbewusstseins.

Anlässe kriegerischer Art gab es für die Aufstellung von Denkmälern genug. Zur Erinnerung an die Befreiungskriege hatte man sich in Oranienburg jedoch mit einer Friedenseiche auf dem Schlossplatz begnügt. Darum ist es schon bemerkenswert, dass die Bürgerschaft der Stadt ihr erstes Denkmal – sehen wir einmal von der zeitweiligen Aufstellung des Standbilds für den ersten Preußenkönig 1701 ab – einer Frau widmete.

Die Kurfürstin rückt wieder ins öffentliche Bewusstsein

Unmittelbarer Auslöser war das Erscheinen der Stadtgeschichte Oranienburgs von Pfarrer Friedrich Ballhorn im Jahre 1850, die zugleich die 200. Wiederkehr der Übereignung des damaligen Amtes Bötzow an die noch junge Kurfürstin Louise Henriette, sie war 23 Jahre alt, darstellte. Ballhorns Veröffentlichung im Jubiläumsjahr trug wesentlich dazu bei, die Verdienste der Kurfürstin für Oranienburg wieder in das öffentliche Bewusstsein zu rücken. In Anwesenheit des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. wurde die Grundsteinlegung am 27. September 1850 vollzogen. Die Vossische Zeitung kennzeichnete den Festtag euphorisch als ein „Jubelfest, dessen Andenken sich unauslöschlich fortpflanzen wird.“

Wertvolle Zeugnisse der Stadtgeschichte

Der Standort befand sich 34 Meter vor dem Schlosspark-Portal auf dem Schlossplatz. Im Verlauf der feierlichen Grundsteinlegung versenkte man eine Zinkhülse mit zahlreichen Urkunden, Druckschriften und Münzen im Denkmalssockel. Die zeitgenössischen Dokumente gaben unter anderem Auskunft über die Bevölkerungsentwicklung, das städtische Finanzwesen und die Chemische Produktenfabrik. Als im Sommer 1936 das Standbild in den Schlosspark umgesetzt wurde, fand man die Zinkhülse mit den Dokumenten. Sie stellen wertvolle Zeitzeugnisse zur Stadtgeschichte aus dem Jahre 1850 dar. Ballhorn würdigte in seiner Festrede das Wirken und die Verdienste der Kurfürstin für die Stadt.

Acht Jahre sollten vergehen, ehe die eigentliche Einweihung des Denkmals am 18. Juni 1858 vollzogen wurde. Im Stadtarchiv gibt es noch einige gedruckte Exemplare vom „Programm über die Feierlichkeiten bei der Enthüllung des Louisen-Denkmals“. Ebenfalls die Vossische Zeitung berichtete am 22. Juni in einem ausführlichen Bericht über die Einweihung. Beide Quellen erlauben uns die Geschehnisse vor 140 Jahren lebendig werden zu lassen.

Die Stadt war bunt geschmückt

Häuser und Straßen zum Festplatz hin gaben mit Fahnen, Blumen und Eichenlaub ein buntes Bild ab. Neben den vorherrschenden preußischen Farben Schwarz und Weiß sah man auch das niederländische Orange. Dem standen die festlich gekleideten Einwohner um Nichts nach und schmückten sich zusätzlich mit orangefarbenen Bändchen. Im Festkomitee befanden sich neben Bürgermeister Wilhelm Kahlbaum unter anderem auch Pfarrer Ballhorn und ein Mitglied der heute noch ansässigen Geschäftsfamilie Brückner.

Das Programm zur feierlichen Einweihung des Denkmals am 18

Das Programm zur feierlichen Einweihung des Denkmals am 18. Juni 1858. Im Stadtarchiv werden einige Exemplare aufbewahrt.

Quelle: Bodo Becker

Am Vorabend des großen Ereignisses veranstaltete die Schützengilde einen Zapfenstreich unter Abfeuern ihrer Kanonen. Derartig militärisch eingestimmt wurden die Oranienburger am eigentlichen Festtag um 5 Uhr mit Trompetenstößen der Schützengilde, dreimaligem Glockenläuten von St. Nikolai und Kanonenschüssen in den Pausen bis 7 Uhr geweckt. Bereits zwei Stunden vor der Enthüllung nahmen die städtischen Honoratioren und geladenen Teilnehmer im Viereck um das Denkmal Aufstellung. Dazu gehörten das Festkomitee, die königlichen Beamten, der Magistrat und die Stadtverordneten, die städtische Geistlichkeit, die geladenen Bürger, die Schützengilde, das städtische Handwerk, die Kinder des Waisenhauses und der ersten vier Klassen der Gemeindeschule. Sie alle sowie die vielen ungeladenen Zuschauer warteten gespannt auf die Angehörigen des preußischen Königshauses.

Bürgermeister Kahlbaum begrüßt die Gäste

Um 11 Uhr war es dann endlich soweit. Hatte sich der König bei der Grundsteinlegung noch selber bemüht, so war nun in Vertretung der Königliche Oberpräsident der Provinz Brandenburg und Staatsminister, Eduard von Flottwell (1786-1865), erschienen. Bürgermeister Kahlbaum begrüßte die hohen Gäste in einer auf dem Schlossplatz errichteten Ehrenpforte. Nach einem kurzen Besuch des Schlosses schritten das Festkomitee und die Ehrengäste zum Denkmal. Weißgekleidete 70 Ehrenjungfrauen und Kinder des Waisenhauses überreichten Festgedichte.

Nach der vom Bürgermeister gehaltenen Weiherede fiel, begleitet vom Donner der Kanonen und unter Hochrufen auf König und Königin, die Hülle. Die Ehrenjungfrauen legten Kränze an den Stufen des Standbildes nieder. Abschließend sangen die Anwesenden unter Musikbegleitung den von der Kurfürstin gedichteten Choral „Jesus meine Zuversicht.“

Geschaffen hatte das Standbild der Bildhauer Friedrich Wilhelm Wolff (1816-1887), der neben monumentalen Tierfiguren auch historische Persönlichkeiten modulierte. Den eigentlichen Zinkguss vollzog der Berliner Eisen- und Zinkgießer Moritz Geiß (1805-1875). Bei Dunkelheit erstrahlten die sonst nur spärlich beleuchtete Stadt und das Denkmal im Licht aufgestellter Laternen und Kerzen. Die Beleuchtung des neuen Denkmalplatzes geschah durch einen extra aus Berlin verpflichteten Illuminateur.

Nationale Emotionen schlugen auch in Oranienburg hoch

Seit diesem Tage blickt die Namenspatronin der Stadt auf das friedliche Treiben ihrer Bürger. Die Friedensjahre waren jedoch gezählt. Der deutsch-französische Krieg von 1870/71 endete mit der Proklamation des preußischen Königs Wilhelm I. (1797-1888) zum Kaiser des Deutschen Reiches am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal von Versailles. Während des Kriegsverlaufs schlugen die nationalen Emotionen unter der deutschen Bevölkerung hoch. Enthusiastisch feierte man die siegreichen Schlachten über den französischen „Erbfeind“. Auf dem Schlossplatz versammelten sich Seminaristen und Bürger der Stadt nach der Bekanntmachung des Sieges über die französischen Truppen bei Sedan, am 1. September 1870, und sangen die „Wacht am Rhein“. Der so genannte Tag von Sedan wurde im Kaiserreich ein Gedenktag, an dem besonders die örtlichen Kriegervereine der Gefallenen gedachten und den Krieg nationalistisch glorifizierten.

Von Bodo Becker

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