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Paten mit viel Herz

Hennigsdorfer Ehepaar „adoptiert“ junge Syrer Paten mit viel Herz

Uta Sachse und Hans Welzel haben drei syrische Asylbewerber unter ihre Fittiche genommen. Sie kümmern sich nach Ferieabend und an den Wochenenden um die jungen Männer, laden sie zu sich nach Hause ein, machen Ausflüge, lernen Deutsch mit ihnen. Die Syrer sind nicht ihre ersten ausländischen Patenkinder.

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Hans Welzel und Uta Sachse spielen mit ihren Schützlingen Achmat, Waseem und Allen (v.l.) oft Jenga. Dabei wird viel gelacht.

Quelle: ENRICO KUGLER

Hennigsdorf. Es begann mit ihrem Urlaub im September in Portugal. Uta Sachse (57) und ihr Ehemann Hans Welzel (55) aus Hennigsdorf sahen die Flüchtlingsströme durch das Land ziehen. Sie beschlossen, zu helfen. Wieder zu Hause, diskutierten sie hin und her, ob sie eine Flüchtlingsfamilie bei sich aufnehmen sollten. Doch sie entschieden sich dagegen: „Wir hätten uns in unserem kleinen Haus nicht mehr frei bewegen können“, sagt Hans Welzel. Im Dezember besuchten sie einen Abend der Willkommensinitiative in der evangelischen Kirche in Hennigsdorf. Und gingen spontan auf einen Tisch zu, an dem drei junge Ausländer saßen. Einige Tage später waren diese drei Syrer schon zu Gast im Hause Sachse/Welzel. „Wir haben gespielt und dabei so viel gelacht, das war wunderbar“, erzählt Uta Sachse.

Sie und ihr Mann haben von „den Jungs“ all das erfahren, was sie täglich im Fernsehen sehen. All die Fluchtbilder können die jungen Syrer auf ihren Handys abrufen. Allen, 22 Jahre, flüchtete aus Damaskus über den Libanon, die Türkei und Griechenland bis nach Deutschland. Achmat, 20, der aus Aleppo stammt und Waseem, 19, der mit seiner Familie in Idleb wohnte, über die Türkei, Griechenland und dann ebenfalls zu Fuß weiter. Achmat und Waseem hatten ihre minderjährigen Schwestern dabei, die jetzt in einem Heim in Borgsdorf wohnen. Die Eltern schickten ihre Söhne mit den Töchtern nach Europa, raus aus den syrischen Kriegsgebieten.

Allen mit  „Mama Uta“, in der Küche

Allen mit „Mama Uta“, in der Küche.

Quelle: ENRICO KUGLER

Die gefährliche Flucht ist überstanden. Im November kamen die jungen Syrer in München und dann in Eisenhüttenstadt an. Nun hat der Alltag im Heim in Bärenklau begonnen. Ein Alltag, der mit Aufstehen, Frühstücken, Spazierengehen im Freien, Deutschunterricht und Fernsehen meist langweilig ist. Das große Heimweh nach der Familie wird mit gelegentlichem Skypen gemildert.

Und natürlich mit dem Kontakt zu Uta und Hans. Die Jungs schreiben täglich mit ihren Handys Nachrichten per Whatsapp und berichten, was sie tun. „Wir waren mit Freunden und die Lage war ernst“, zeigt Hans eine Whatsapp-Nachricht von Achmat und lacht. Er kann die per Online-Übersetzer erstellten Botschaften schon gut deuten. Gemeint war: „Wir haben mit Freunden Jenga gespielt, und es wurde um den Sieg gekämpft.“ In seinen Antworten korrigiert Hans stets falsch verwendete oder geschriebene Wörter und ist damit der tägliche Deutschlehrer. Auch im Hause Sachse wird oft Jenga gespielt. Aus einem Turm mit Holzstückchen ist dabei jeweils ein Stückchen herauszulösen und oben auf die Spitze wieder draufzusetzen, ohne den Turm zum Einstürzen zu bringen. „Achmat kann sich so freuen, das wärmt einem das Herz“, sagt Uta und berichtet von einem Ausflug zu fünft ins „Aquarium“ nach Berlin. Auch dort schaute sich Achmat die Aquarien mit leuchtenden Augen an und zeigt stolz die Fotos davon auf seinem Handy.

Beim Abendessen – es gibt Hähnchengeschnetzeltes mit Reis und natürlich aus Glaubensgründen kein Schweinefleisch – rennen die drei Jungs zwischen Küche und Wohnzimmer hin und her, decken den Tisch und tragen die Schüsseln mit dem Essen auf. Beim Vorbeigehen drückt Achmed „Mama Uta“ kurz an sich. Und Allen, der am besten von den dreien deutsch spricht, erklärt: „Meine drei Lieben sind: Gott, Real Madrid und Hans und Uta“.

Allen lernt täglich mehrere Stunden lang wie besessen mit Hilfe von Büchern und CDs die deutsche Sprache. Weil er sie schon gut beherrscht, hat er im Heim in Bärenklaus einen „Job“ gefunden – als Dolmetscher. Allen ist so zielstrebig, weil er unbedingt und schnell in Deutschland sein Medizinstudium fortsetzen möchte. Er hat schon als anerkannter Asylbewerber einen Ausweis für drei Jahre erhalten. Die beiden jüngeren Syrer sind noch nicht so weit und zeigen ihre Ausweise, die ihnen eine „Aufenthaltsgestattung“ für drei Monate gewähren.

Asylbewerber in Oberhavel

Internet: Umfangreiches Zahlenmaterial zu Asylsuchenden in Oberhavel hat der Landkreis auf seiner Internetseite unter www.oberhavel.de/Asyl zusammengestellt. Dort kann sich jedermann informieren, zum Beispiel auch über die Zuteilung von Asylbewerbern nach dem Königsteiner Schlüssel.

2015: Danach sind im vergangenen Jahr 2068 Asylbewerber nach Oberhavel gekommen. Die meisten im November, allein in diesem Monat kamen 438 hier an.

Unterkünfte: In einem Diagramm ist abgebildet, wie viele Asylbewerber in den Gemeinden bis zum 31. Dezember 2015 aufgenommen wurden. Die meisten mit 746 Menschen in Oranienburg und mit 542 Menschen in Hennigsdorf. Auch die Unterkunftsarten Gemeinschaftsuntrkünfte, Notunterkünfte und Wohnungen sind auf einer Karte den Kommunen zugeordnet.

Nationalitäten: Die meisten Asylbewerber in Oberhavel kommen aus Syrien, gefolgt von Afghanistan, Pakistan, der Russischen Föderation, Iran, Eritrea, Kamerun, Somalia, Kenia und Albanien.

Alter und Geschlecht: Der Großteil der Asylbewerber ist über 18 Jahre, etwa 73 Prozent von ihnen sind männlich.

Auch Achmat und Waseem wissen, dass die deutsche Sprache ihr Einstieg in ein neues Leben ist. Doch Waseem tut sich schwer mit seinem Deutschunterricht im Gebäudekomplex „Blaues Wunder“ in Hennigsdorf. Er möchte die Sprache von Grund auf erlernen und mit dem ABC anfangen. Er kommt nicht mit und würde am liebsten nicht mehr hingehen. Doch Uta redet ihm gut zu: „Du hast die gefährliche Flucht überstanden und lernst auch deutsch in diesem Unterricht.“ Trotzdem hat sie einen Brief geschrieben an die Deutschlehrerin und bittet um Rückruf, um eine Lösung zu finden. Uta Sachse: „Wir wollen diesen jungen Menschen helfen, ihren Weg zu finden. Wenn sie straucheln, stehen wir ihnen zur Seite. Natürlich nur bis zu einem gewissen Grade. Wir haben eine ganz klare Erwartungshaltung: Wer hier leben will, muss unsere Sprache sprechen, eine Ausbildung absolvieren und arbeiten.“ Und wer hier lebe, ergänzt Uta, müsse auch das andere Frauenbild in Deutschland akzeptieren. Das Thema Übergriffe auf Frauen in Köln wird angeschnitten. „Nicht gut“, sagt Achmed, Waseem und Allen nicken zustimmend.

Uta und Hans ist klar, dass es ihre drei syrischen Jungs schwerer haben, ihren Lebensweg in Deutschland zu beginnen als ein deutsches Kind und doppelt so viel Fleiß aufbringen müssen.

Seit 16 Jahren kümmert sich das Ehepaar Sachse/Welzel um ausländische Kinder in Hennigsdorf. Ein vietnamesisches Patenkind von ihnen studiert heute in China, erzählen sie stolz. Die Ingenieurin bei Bombardier in Hennigsdorf und der Ingenieur beim Schienenfahrzeughersteller Knorr-Bremse in Berlin tun das alles „nicht aus Langeweile“. Oft stehen beide abends nach der Arbeit noch müde am Herd und kochen für ihre Patenkinder. „Wir möchten den Jungs in einem fremden Land Wärme und Geborgenheit geben. Wir selbst ernten Freude und Dankbarkeit. Das bereichert unser Leben“, sagen die beiden Hennigsdorfer.

 

Von Marion Bergsdorf

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