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Polizei setzt auf wachsame Nachbarn

Tricks von Einbrechern und Hürden gegen Langfinger Polizei setzt auf wachsame Nachbarn

Statistisch gesehen findet in Deutschland alle zwei Minuten ein Einbruch statt. Wie man sich davor schützen kann, erklärt Präventionsexperte Martin Werner von der Polizeidirektion Nord im MAZ-Gespräch und in einem Vortrag am 22. Oktober in der Oranienburger MAZ-Geschäftsstelle.

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Der Präventions-Experte der Polizei, Martin Werner.

Oranienburg. MAZ: Herr Werner, meine Pflanzen gehen allesamt ein, weil ich nach einer Einbruchsserie in meiner Gegend immer alle Rollläden runterlasse. Ist das übertrieben?

Martin Werner : Vielleicht sollten Sie sich Nachtschattengewächse zulegen (lacht). Auf jeden Fall ist es zu empfehlen, Rollläden als zusätzliche Sicherung zu nutzen. Wichtig ist aber, dass sie nicht ständig unten sind, damit nicht der Eindruck entsteht, da ist überhaupt niemand da. Viel wichtiger ist aber die Grundsicherung bei Fenstern und Türen. Fenster etwa sollten abschließbare Griffe und einbruchshemmende Beschläge haben, auch der Rahmen sollte gut verankert sein, damit man ihn nicht rausdrücken kann.

Welches sind die häufigsten Fehler, die Täter ausnutzen?

Werner : Als Erstes fallen mir da auf Kipp stehende Fenster ein. Für Täter sind das offene Fenster. Ein anderer Klassiker ist der nicht geleerte Briefkasten. In den Sommermonaten haben die Leute außerdem oft mal Türen und Fenstern zum Durchzug geöffnet. Dann geht man kurz zum Nachbarn über und verquatscht sich. Und der Täter kann in dieser Zeit in die Wohnung. Also: Immer Türen und Fenster schließen, auch wenn man nur fünf Minuten weg ist. Man sollte auch darauf achten, ob es an der Hauswand irgendwo Bänke oder Mülltonnen gibt, über die Einbrecher in die Fenster gelangen können.

Alarmanlagen, Sicherheitsschlösser oder Videokameras ‒ Viel Sicherheit kostet auch viel Geld. Was ist da aus Ihrer Sicht die Minimalausstattung?

Werner : Das ist sehr individuell. Bei einer Wohnung im zweiten Stock etwa ist es relativ einfach, da hat man das Hauptaugenmerk auf die Wohnungstür zu richten. Bei einem Einfamilienhaus ist es schwieriger, weil es dort oft mehrere Türen und Fenster gibt. Die sollten schwer zu überwinden sein, wir sprechen da vom Standard der Widerstandsklasse RC2. Aber es können auch kleine Dinge helfen. Gibt es etwa dunkle Stellen am Haus, an denen man beispielsweise an ein Fenster gelangen kann? Da kann man mit Beleuchtung nachhelfen.

Man sieht ja auch immer wieder Schilder mit Aufklebern wie "Wachsamer Nachbar" oder "Wachsamer Hund". Schreckt das noch ab?

Werner : Das kann man alles aufkleben. Das Problem ist nur, dass solche Aufkleber schon an vielen Häusern kleben. Der wachsame Nachbar sollte dann schon wirklich da sein. Eine wachsame Nachbarschaft wäre mir da allerdings noch lieber, zum Beispiel in Form einer Ordnungspartnerschaft.

Was müssten die Nachbarn tun?

Werner : Einfach aufmerksam sein. Wenn man zum Beispiel am Fenster ist und Fremde im Wohngebiet rumlaufen sieht, sollte man einfach Blickkontakt aufnehmen. Auf der Straße könnte man sie auch ansprechen. Ein freundliches "Guten Tag, kann ich Ihnen weiterhelfen?" reicht schon. Ein möglicher Einbrecher muss das Gefühl haben, dass er entdeckt worden ist. Und wenn ihm das in der Straße zwei- oder dreimal passiert, überlegt er sich das vielleicht und fährt in die nächste Gemeinde. Wir werden auch so nicht alle Einbrüche verhindern können. Aber zumindest können wir sie erschweren.

Und wo hat man das höchste Risiko, dass Einbrecher durch die Nachbarschaft spazieren?

Werner : In allen Gemeinden, die am Berliner Rand liegen, wie Glienicke, Birkenwerder oder Mühlenbeck. Natürlich auch Oranienburg, Hennigsdorf oder Velten. Da gibt es jeweils gute S-Bahn-Anbindungen, auch mit dem Auto ist man schnell aus dem Ort raus. Am besten noch auf die Autobahn rauf und weg. Dazu kommt, dass jetzt die dunkle Jahreszeit beginnt, wo es schon in den späten Nachmittagsstunden schummerig wird. Da sind die meisten Leute dann noch auf Arbeit. Und die Einbrecher sind ungestört.

Die Einbruchszahlen im Landkreis steigen. 2012 gab es rund 400 Einbrüche, ein Drittel mehr als im Vorjahr. Woran liegt das?

Werner : Das ist schwer zu sagen, da gibt es viele Gründe. Einer ist sicherlich die Tatsache, dass die Aufklärungsquote ‒ und das gilt für die gesamte Bundesrepublik ‒ sehr niedrig ist. Die Gefahr, bei einem Einbruch erwischt zu werden, ist nicht so hoch. Dies wissen auch die Täter. Wir klären hier nur rund ein Fünftel der Einbrüche auf. Dazu kommt die wirtschaftliche Lage in anderen Ländern. Und es gibt natürlich auch eine Menge Gelegenheitstäter, die durch ein Wohngebiet laufen und mal ein offenes Fenster sehen. Nicht zu vergessen die Beschaffungskriminalität.

Es liegt aber nicht daran, dass viele Bewohner zu leichtfertig sind?

Werner : Nein, die Bürger sind inzwischen aufmerksamer geworden und wollen ihren Teil zur Sicherheit beitragen. Die Polizei alleine schafft das nicht, das hat der größte Teil erkannt. Grundsätzlich kann man sich von zwei meiner geschulten Kolleginnen beraten lassen, die kostenlos das Haus begutachten und Tipps geben. Das wird gut angenommen, wir machen jetzt schon Termine für November.

Interview: Marco Paetzel

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