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„Privatschulen sind eine Bereicherung“

MAZ im Gespräch mit Bildungsexpertin Tanja Mayer „Privatschulen sind eine Bereicherung“

Seit September 2012 forscht Bildungsexpertin Tanja Mayer (29) an der Berliner Humboldt-Universität zum Thema Privatschulen. Mit der MAZ sprach sie über Unterschiede und Gemeinsamkeiten von öffentlichen und privaten Schulen.

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Tanja Mayer, Mitarbeiterin der Berliner Humboldt-Universität, beschäftigt sich täglich mit dem Thema Privatschulen.

Quelle: Daniel Berndt

MAZ: Frau Mayer, würden Sie Ihr Kind auf eine private oder eine öffentliche Schule schicken?

Tanja Mayer: Das kann man so pauschal nicht beantworten. Es ist wichtig, dass die Schule zum Kind passt. Das ist weniger eine Frage der Trägerschaft, sondern viel mehr, ob die Schwerpunkte der Schule mit den Interessen des Kindes übereinstimmen und ob die Pädagogik zu dem Lerntyp passt. Auch dass Schüler an Privatschulen bessere Schulleistungen erbringen ist nicht nachgewiesen, laut einer Studie gibt es keinen „Privatschuleffekt“.

Dennoch boomen sie. Vor zehn Jahren besuchten drei Prozent der Brandenburger Schüler eine Privatschule, im vergangenen Schuljahr waren es 27000, das sind 10,3Prozent. Sind staatliche Schulen nicht mehr gut genug?

Mayer: Gute und schlechte Schulen gibt es sowohl bei den staatlichen als auch den privaten Schulen. Tatsächlich gibt es seit der Wiedervereinigung einen starken Anstieg der Zahl privater Schulen. Die Ursachen sind noch nicht hinreichend erforscht, aber zwei Motive zeichnen sich ab: Zum einen zeigt sich, dass mit dem schlechten Abschneiden der deutschen Schüler in der ersten Pisa-Studie Kritik am öffentlichen Schulsystem laut wurde, was auch eine Suche nach Alternativen zur Folge hat. Zudem gibt es in den neuen Bundesländern einen Nachholeffekt: Da im Schulsystem der DDR keine privaten Schulen möglich waren, nutzten Eltern und Initiativen die Möglichkeit nach der Wende, Schulen in privater Trägerschaft zu gründen.

Zahl der privaten Schulen stagniert

Schulen in freier Trägerschaft sind in Brandenburg beliebter denn je. In diesem Schuljahr besuchen rund 21.600 Mädchen und Jungen Privatschulen, das sind dreimal so viele wie vor zehn Jahren. Fünf neue Schulen in freier Trägerschaft wurden zum Schuljahr 2014/2015 genehmigt, in Nauen erweiterte der Leonardo-da-Vinci-Campus sein Ensemble um eine Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe. Allerdings gibt es ansonsten keine neuen privaten Schulen im Havelland. Die Zahl der Einrichtungen sei seit Jahren konstant, sagt Pressereferentin Caterina Rönnert. Den 46öffentlichen Schulen stehen fünf Schulen in freier Trägerschaft gegenüber, drei davon sind auf dem Nauener Leonardo-da-Vinci-Campus untergebracht. Hier finden sich eine Grundschule, ein Gymnasium und die neue Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe. Die anderen beiden Schulen in freier Trägerschaft indes sind Berufsschulen: Die berufliche Schule für Sozialwesen „Sophie Scholl“ in Premnitz mit der Arbeiterwohlfahrt (AWO) als Träger sowie die WWV-Bildungsakademie für Wirtschaft in Nauen.

Auch im benachbarten Landkreis Oberhavel stagniert die Zahl der Privatschulen seit Jahren. Von insgesamt 70 Schulen im Kreis haben zehn Einrichtungen in diesem Schuljahr private Träger. Vier davon sind Grundschulen – die Mosaikgrundschulen in Oranienburg und Hohen Neuendorf, die nach dem Prinzip der Montessori-Pädagogik arbeiten, die reformpädagogische Kinderschule in Oranienburg sowie die Freie Adventsschule Oberhavel, deren Lehrangebot christlich ausgelegt ist. Weitere Schulen in freier Trägerschaft sind die Oberschule „An der Polz“ in Gransee, die Immanuel-Gesamtschule in Oranienburg sowie die St.-Johannesberg-Förderschule der Caritas in der Kreisstadt. Eine berufliche Schule für Gastronomie befindet sich in Gransee. Zudem gibt es zwei private Gymnasien: Das Mosaik-Gymnasium in Oranienburg sowie das Neue Gymnasium in Glienicke. Hier wird klassischer Unterricht in Kursen mit Methoden wie eigenständigem oder fachübergreifendem Lernen kombiniert. pae

Das Land fährt die Zuschüsse für Privatschulen bis 2015 massiv zurück. Ist dann wiederum mit einem Sterben der Privatschulen zu rechnen?

Mayer: Natürlich ist es für die privaten Schulen schwerer, mit den geringeren Zuschüssen zurechtzukommen und vielleicht schafft es auch die eine oder andere Schule nicht. Aber bei dem Andrang halte ich es für unwahrscheinlich, dass mit einem „Sterben der Privatschulen“ zu rechnen ist. Das soll nicht bedeuten, dass die Kürzung zu befürworten ist. Das kann etwa zu höheren Schulgeldern führen, womit der Zugang zu Privatschulen nur den Besserverdienenden möglich gemacht wird.

Das Schulgeld, das Eltern auf Privatschulen zahlen müssen, beträgt zwischen 50und 900 Euro, im Schnitt sind es 135 Euro pro Monat. Schließt das nicht jetzt schon Schüler aus?

Mayer: In vielen bildungsfernen Familien gibt immer noch das Bild einer elitären Privatschule mit horrendem Schulgeld, das sich niemand leisten kann. Viele wissen nicht, dass einige Schulen das Schulgeld an die Einkommensverhältnisse anpassen. Jedoch unterscheiden sich die einzelnen Privatschulen in dieser Hinsicht deutlich. Zudem dürfen sich Privatschulen ihre Schüler auswählen. Hier liegt auch die Vermutung nahe, dass im Zweifel das Kind mit den reicheren Eltern bevorzugt wird.

Zwei Drittel der Privatschulen sind in kirchlicher Trägerschaft. Auf Platz zwei folgen die Waldorfschulen. Darüber hinaus gibt es die Wahl zwischen Montessorischulen, internationalen Schulen und Freien Alternativschulen. Können Sie beschreiben, wie sich der Unterrichtsalltag von dem in öffentlichen Schulen unterscheidet?

Mayer: Die Unterscheidung zwischen öffentlich und privat greift hier zu kurz. Bereits bei evangelischen Privatschulen kann der Unterrichtsalltag sehr verschieden sein. Eine Schule ist zum Beispiel reformpädagogisch ausgerichtet mit Elementen aus dem offenen Unterricht. Eine andere macht „klassischen“ Unterricht, etwa mit Frontalunterricht. Einheitlicher sind die Waldorfschulen, doch bei anderen reformpädagogisch arbeitenden Schulen und den Freien Alternativschulen gibt es unterschiedlichste Ausprägungen – und durchaus auch Pendants im öffentlichen Schulsystem.

Schule mit Sozialarbeit

Linnea Felicia Wilke geht auf die Hennigsdorfer Fontanegrundschule

Torsten Klein und Tochter Linnea Felicia aus Hennigsdorf.

Quelle: Marco Paetzel

Linnea Felicia Wilke hat auf der Fontanegrundschule in Hennigsdorf alles, was sie braucht. Davon ist ihr Vater Torsten Klein überzeugt. „Die Lehrer sind engagiert, und mein Kind lernt gut“, sagt der Hennigsdorfer. Schwächere Schüler bekämen von den Lehrern oft nach dem Unterricht Nachhilfe, zudem kümmert sich Sozialarbeiterin Steffi Nebert um alle Probleme, die Grundschüler haben. Seit Anfang des Schuljahres hat die Stadtverwaltung die Stelle der Sozialarbeiterin geschaffen. „Frau Nebert ist engagiert, hat ein Ohr für alle Probleme und leitet auch eine Kreativ-AG, die meine Tochter besucht“, sagt Torsten Klein, der sein Geld als Fußbodenverleger verdient. Auch die Eltern helfen mit Engagement, das Bild der Schule aufzupolieren. So gab es kürzlich Kurse für Ersthelfer in den Klassen, auch eine Personalchefin aus Oranienburg schaute in der Fontaneschule vorbei, um Bewerbungsgespräche zu simulieren. „Heute muss man sich früh einen Kopf machen, was man mal werden will.“

Von privaten Schulen mit Reformpädagogik, wie Waldorfschulen, hält der Familienvater nicht viel. Ihn stört, dass dort in den ersten Jahren keine Noten verteilt werden. „Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, und wir müssen Schemata erlernen, wie wir Leistung erbringen können“, sagt Torsten Klein. Außerdem findet er Privatschulen zu kostspielig, viele Eltern könnten sich das Schulgeld nicht leisten. „Ich als Selbständiger kann schlecht finanziell vorausplanen, das hängt von den Aufträgen ab“, sagt Klein. pae

Speziell die Waldorfschule ist nicht unumstritten, Gründer Rudolf Steiner sagte 1923: „Die weiße Rasse ist die zukünftige, ist die am Geiste schaffende Rasse.“ Er sprach auch von der „passiven Negerseele“, die „völlig ihrer Umgebung, der äußeren Physis hingegeben“ sei. Findet sich etwas von diesem verschrobenen Weltbild heute noch im Unterricht wieder?

Mayer: Damit wird die Waldorfschule leben müssen. Aber in der Schulpraxis wabert da eher nichts. Für die Eltern, aber auch für viele Lehrkräfte an Waldorfschulen spielen diese „Lehren“ keine Rolle.

Kernstück des Montessori-Konzepts ist der Verzicht auf Noten bis zur 8. Klasse, auch Waldorfschulen vergeben in Unter- und Mittelstufe keine Noten, sitzen bleiben gibt es auch nicht. Können Schüler, die so wohlbehütet sind, in der Ellenbogengesellschaft bestehen?

Mayer: Diese Pädagogik und auch der Verzicht auf Noten und aufs Sitzenbleiben fördern vor allem das Selbstwertgefühl der Kinder, und was noch wichtiger ist: Sie führt zu weniger Angst vor Schule und Versagen! Es ist wichtig, dass Kinder gerne zur Schule gehen und lernen. Zudem gibt es Rückmeldungen zu den Leistungen der Kinder, das sind meist individuelle Einschätzungen ihrer Stärken und Schwächen. Die Lehrkraft versucht, die Schwachstellen und Potenziale ihrer Schüler zu erkennen – was durchaus anspruchsvoller ist als die klassische Ziffernnote.

Klage gegen Kürzungen

Eine Normenkontrollklage gegen die Kürzung der Mittel für Privatschulen hatten Landtagsabgeordnete von CDU, FDP und Grünen eingereicht, derzeit beschäftigt sich das Landesverfassungsgericht mit dem Fall.
Die Landesregierung hatte 2011 beschlossen, die Zuschüsse für Privatschulen zu reduzieren. Bis 2015 bekommen diese Schulen rund 43 Millionen Euro weniger Mittel vom Land.

Demonstrationen von Eltern und Schülern waren die Reaktion. Sie befürchten, dass private Schulen schließen oder das Schulgeld erhöhen müssen.
Die Kläger berufen sich darauf, dass die Privatschulen keine Eliteschmieden für Besserverdiener seien, sondern im ländlichen Raum oft die einzige Bildungseinrichtung in Wohnortnähe darstellten. MAZ

Die Inklusion ist die wohl größte Herausforderung für öffentliche Schulen. Werden private Schulen damit besser zurechtkommen?

Mayer: Das wird man sehen. Inklusive Schulen erhalten größere finanzielle Unterstützung durch die höheren Pro-Kopf-Schüler-Sätze als „normale“ Schulen. Das bietet den privaten Schulen eine gute Grundlage für die Öffnung hin zu mehr Inklusion. Sie könnten Vorreiter in einem Experimentierfeld, gar eine Avantgarde sein.

Glauben Sie, dass Privatschulen auf lange Sicht eine ernste Konkurrenz für öffentliche Schulen sind?

Mayer: Ich sehe keine starke Konkurrenzsituation zwischen öffentlichen und privaten Schulen. Sie unterscheiden sich nicht in Bezug auf die Klassengröße, auch beim Unterrichtsausfall gibt es keine gravierenden Unterschiede. Privatschulen haben wie öffentliche Schulen ihren Platz im deutschen Schulsystem. Insgesamt hat sich auch gezeigt, dass die Innovationen privater Schulen sich auf die öffentlichen Schulen übertragen haben. Früher waren reformpädagogische Konzepte wie Montessori fast ausschließlich auf Privatschulen zu finden, heute bereichern sie auch in öffentlichen Schulen den Alltag. Das öffentliche Schulsystem tut gut daran, Privatschulen nicht als Konkurrenz, sondern als Bereicherung der Schullandschaft anzusehen.

Unterricht für 330 Euro

Privat: Max Bardarsky besucht den Nauener Leonardo-da-Vinci-Campus

Die Falkenseer Bärbel Bardarsky und ihr Sohn Max.

Quelle: Privat

Meistens kommt Max Bardarsky erst gegen 17 Uhr nach Hause. Doch der Zwölfjährige aus Falkensee kennt das gar nicht anders: Seit der ersten Klasse besucht Max den Nauener Leonardo-da- Vinci-Campus. Klar, sagt Mutter Bärbel Bardarsky, hat ihr Sohn einen langen Schultag auf der privaten Ganztagsschule. „Aber die Klassen sind klein, es fällt kaum Unterricht aus, die Lehrer sind engagiert und nehmen die Schüler besser individuell wahr“, sagt die Richterin. Auch Tochter Julia (16) besucht seit der dritten Klasse die Nauener Privatschule. Für ihre Kinder will sie nur die beste Bildung, so Bardarsky. „Die Schule bietet eine gute Mischung aus Leistungsprinzip und Kreativität, die meisten anderen Schulen haben nur eines davon.“

Doch das hat auch seinen Preis. Für Julia werden pro Monat 410 Euro fällig, der Unterricht von Max kostet 330 Euro, als Geschwisterkind bekommt er 25 Prozent Rabatt. Für finanziell Schwächere kann der Betrag angepasst werden. „Die Schule findet da eigentlich für jeden eine Regelung.“

Auch nach dem Unterricht seien ihre Kinder gut aufgehoben, sagt die Richterin. Ihr Sohn spielt in einer AG Fußball und ist Schlagzeuger in der Schulband, die Tochter war bis vor kurzem in einer Schauspiel-AG. „Meine Kinder können Dinge während der Schulzeit machen, die sie sonst nach der Schule in Falkensee sowieso machen würden“, so Bärbel Bardarsky. Beruhigend findet sie, dass es Psychologen und Lerntherapeuten gibt – für den Fall der Fälle. pae

Interview: Marco Paetzel

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