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Oberhavel Projekt für junge Drogenkonsumenten
Lokales Oberhavel Projekt für junge Drogenkonsumenten
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00:33 22.07.2015
Seit mehr als 20 Jahren arbeitet Andrea Wulsten in der Drogenhilfe des DRK. Quelle: Foto: Privat
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Hennigsdorf

Andrea Wulsten ist seit mehr als 20 Jahren in der Drogenhilfe tätig und arbeitet seit Jahren in der Drogenberatungsstelle des Deutschen Roten Kreuzes. In der Beratungsstelle in Hennigsdorf wurde jetzt ein neues Projekt initiiert.

MAZ:
Worum handelt es sich bei diesem Projekt?

Andrea Wulsten: Es handelt sich um eine neue Selbsthilfegruppe für junge Drogenkonsumenten. Der Gesprächskreis heißt „New way no drugs“.

Was ist das Neue oder Besondere an dieser Gruppe?

Wulsten: Zum einen, dass die Zielgruppe junge Drogenkonsumenten sind. Und zum anderen, dass die Teilnehmer teilweise noch voll im Drogenmilieu stecken. In unserer DRK-Drogenberatung treffen sich seit Jahren Selbsthilfegruppen. Eine hat im letzten Monat sogar ihr 20-jähriges Bestehen feiern können. Traditionell werden die Selbsthilfegruppen nach einer Entwöhnung zur Stabilisierung besucht und genutzt. Die Klienten haben in der Regel bereits einen Entzug hinter sich und sind clean bzw. trocken. Die jungen Leute in dieser neuen Gruppe stecken noch voll in der Abhängigkeit. Der Gesprächskreis ist praktisch ein zusätzliches Angebot und dass es so gut angenommen wird, darüber freuen wir uns sehr.

Wie ist dieser Gesprächskreis entstanden?

Wulsten: Mein Kollege und ein ehemaliger Klient von mir, Frank Bierwagen, haben das Projekt initiiert und konzeptionell vorbereitet. Wie gesagt, Frank war ein Klient von mir. Er war Polytoxikomane, also mehrfach abhängig. Seit mehreren Jahren ist er mittlerweile clean. Wir sind immer in Kontakt geblieben. Frank hat selbst Gruppenerfahrung und er wollte sich unbedingt engagieren. Jetzt leitet er die Gruppe und ist der Ansprechpartner. Am 28. April war das erste Treffen, die Probephase ist vorbei. Der Gesprächskreis ist sehr gut angelaufen. Die Leute kommen und bleiben. Überraschenderweise funktioniert es.

Warum kam ein solches Projekt für Jugendliche nicht schon früher zustande?

Wulsten: Wir hatten das schon früher probiert, aber man braucht ein richtiges Zugpferd dafür.

Und Frank Bierwagen ist so ein Zugpferd?

Wulsten: Ja, das ist er definitiv. Er hat eine sehr lange Drogengeschichte hinter sich, ist sehr authentisch, offen und sehr zuverlässig. Er ist ein rockiger Typ, fährt selber Motorrad. Und Frank hat ein großes Herz für Jugendliche, junge Leute und Menschen generell. Suchthilfe ist immer Beziehungsarbeit! Und Frank kann in Beziehung gehen und Vertrauen schaffen. Bei Sucht geht es häufig um ganz intime Dinge, um Gefühle, um Komplexe und Versagen bis hin zu Kriminalitätserfahrungen ... Die Drogenabhängigen haben oft einen gewaltigen Leidensdruck, sie haben Ängste und Schuldgefühle oder fühlen sich von Familie und Freunden unter Druck gesetzt. Erfolgreiche Drogenhilfe lebt vom Beziehungsaufbau. Und dafür hat Frank ein Superhändchen.

Wie seid ihr an die Jugendlichen ran gekommen?

Wulsten: Die beiden haben Klinken geputzt und Flyer verteilt. Sie sind in die Krankenhäuser auf die Entgiftungsstationen gegangen und haben für das Projekt geworben. Die Zusammenarbeit mit den Kliniken könnte noch besser laufen. Aber teilweise haben sie ihre Patienten schon zu uns geschickt. Oder die Jugendlichen haben durch Mundpropaganda von der Gruppe erfahren.

Wie seid ihr an die Jugendlichen ran gekommen?

Wulsten: Das sind junge Leute zwischen 20 und Mitte 30, die die verschiedensten Drogen konsumieren. Sie haben Erfahrungen mit Kokain, Amphetaminen, Cannabis, Opiaten und Alkohol. Viele sind schon mal mit einer Überdosis im Krankenhaus gelandet. Sie kommen hauptsächlich aus Hennigsdorf, Velten und Oranienburg. Die meisten sind von Anfang an dabei geblieben. Jetzt hat sich ein fester Stamm von sechs Drogis gebildet. Es kommen aber immer so zwischen sechs bis zehn Leute.

Und wie läuft so ein Gesprächskreis ab?

Wulsten: Die Themen bringen die jungen Leute selbst rein. Sie unterhalten sich über ihr Leben, ihre Probleme. Eigentlich sind sie soweit, dass sie etwas verändern wollen, aber sie stecken eben noch richtig im Drogenmilieu. Und Frank ist ganz ehrlich und ungeschminkt. Der weiß, wovon geredet wird. Er ist selbst durch mehrere Gruppen gegangen. Und gepaart mit seinem Humor kommt er gut an die jungen Leute ran. Die Mischung aus „Kollege“, Kumpel und Vaterfigur kommt gut an. Er steckt da so viel Herzblut rein. Ich glaube auch, das merken die Leute und fühlen sich dadurch auch sehr ernst genommen. Häufig sind es ja kleine Schritte zur Motivationsänderung bezüglich des Drogenkonsums. Es gibt ja ganz verschiedene Wege, die letztlich in eine Sucht führen können, und genauso viele auch wieder heraus. Die Gruppe kann ein Anfang für die Leute sein.

Die Beratungsstellen des DRK

2014 wurden in der DRK-Beratungsstelle 254 Personen betreut, 180 waren selbst Betroffene, 74 Angehörige (2013: 249 Personen). 53 Prozent der Klienten waren unter 27 Jahren. Sie kamen aus allen sozialen Schichten, bei ALG-II-Beziehern gab es eine Häufung.

Die am meisten konsumierten Drogen im Jahr 2014 waren Cannabis, Opiate, Amphetamine und Alkohol.

Für die DRK-Suchtberatung gibt es derzeit zwei Personalstellen (30 Stunden und 40 Stunden pro Woche).

Die Beratungsstellen sind in

Hennigsdorf: Rathenaustraße 17,  03301/3 97 84 84, dienstags von 13 bis 16 Uhr,

Gransee: Koliner Straße 129, jeden 2. und 4. Freitag von 14 bis 16 Uhr.

Der Gesprächskreis „New way no drugs“ trifft sich jeden Dienstag um 19.30 Uhr in Hennigsdorf. Ansprechpartner ist Frank Bierwagen.

Gibt es irgendwelche Bedingungen?

Wulsten: Jeder kann sich der Gruppe anschließen, der Gesprächskreis ist vollkommen freiwillig. Aber es gibt ein paar feste Regeln. Wer kommt, muss an diesem Tag clean sein. Darf auch nicht gewalttätig drauf sein. Keine Drogen, kein Dealen, auch keine verbale Gewalt und jeder lässt den anderen ausreden.

Wie hat sich der Drogenkonsum allgemein im Landkreis entwickelt?

Wulsten: Die Beschaffung ist ja schon lange kein Problem mehr. Wer etwas will, bekommt es, selbst auf dem kleinsten Dorf. Mein subjektives Gefühl ist aber, dass die Aufklärung ganz gut funktioniert. Ich finde, das Kiffer-Einstiegsalter ist wieder gestiegen und die Anzahl der Missbräuche geht zurück. In den Schulen wird meiner Meinung nach weniger geraucht und gekifft. Aber die Fälle, die zu uns kommen, werden krasser und vielschichtiger. Es gibt inzwischen mehr Doppeldiagnosen, Psychosen kommen immer häufiger dazu.


Von Andrea Kathert

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