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Sarrazin ist kein Aufreger mehr

Umstrittener Ex-Bundesbanker kommt am Mittwoch nach Oranienburg Sarrazin ist kein Aufreger mehr

Thilo Sarrazin, der für seine steilen Thesen bekannte Ex-Bundesbanker, liest in Oranienburg aus seinem Euro-kritischen Buch. Zum Aufreger aber taugt das nicht mehr. Allein die Linke ist erzürnt: Die Stadt wirbt mit ihrem Logo für den Sarrazin-Auftritt.

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Thilo Sarrazin

Quelle: dpa

Oranienburg. Als der ehemalige Bundesbanker Thilo Sarrazin vor drei Jahren sein Buch "Deutschland schafft sich ab" herausbrachte, schlugen die Wellen der Empörung hoch.

Das Werk, das die Folgen von Geburtenrückgang, wachsender Unterschicht und Zuwanderung aus muslimischen Ländern für Deutschland skizziert, brachte Sarrazin den Vorwurf ein, ein Rassist zu sein und soziale Umstände biologisch zu deuten. Ein Parteiordnungsverfahren gegen das SPD-Mitglied scheiterte, seinen Posten im Vorstand der Deutschen Bundesbank war er jedoch später los. Am Mittwoch liest der 68-Jährige in Oranienburg aus seinem Buch "Europa braucht den Euro nicht". Und kaum ein Lokalpolitiker stört sich daran. Nur die Linke ist verärgert, dass Sarrazin in der Orangerie lesen darf.

Oranienburgs Linken-Chef Enrico Rossius würde es gern sehen, wenn Sarrazin von einer Demo empfangen wird. Doch die wird nicht zustande kommen. Zumindest Flyer will man verteilen. Sarrazins Ausfälle gegen Hartz-IV-Empfänger oder Ausländer sind für Rossius nicht vergessen.

Dass die Stadt Oranienburg mit ihrem Logo Werbung für den Sarrazin-Auftritt macht, ärgert Rossius. Wenigstens aber, so sagt er, habe er erreichen können, dass der Internet-Veranstaltungskalender der Stadt die Lobpreisungen für "einen der profiliertesten politischen Köpfe der Republik" als das kennzeichnet, was sie sind ‒ eine Eigenwerbung des Verlages.

Bundesbank empört

Thilo Sarrazin hat arabischen und türkischen Einwanderern in immer wieder vorgeworfen, sie seien weder integrationswillig noch integrationsfähig. Der Türkische Bund Berlin-Brandenburg stellte daraufhin Strafantrag wegen Volksverhetzung und Beleidigung. Sarrazins früherer Arbeitgeber, die Bundesbank, nannte seine Äußerungen diskriminierend und distanzierte sich ausdrücklich von ihm.
 Die Lesung findet Mittwochabend in der Orangerie des Schlosses Oranienburg statt. Die Veranstaltung beginnt um 19.30 Uhr. Karten sind zum Preis von 19 Euro und 15 Euro (ermäßigt) zu haben.

Bürgermeister Hans-Joachim Laesicke bereitet die Sarrazin-Lesung keine Bauchschmerzen. Sarrazin käme "nicht auf Einladung der Stadt", vielmehr sei der Münchener Verlag an den städtischen Kulturbetrieb TKO herangetreten. "Sollen wir da eine Zensur ausüben?", fragt er. Laesicke wünscht sich eine kritische Auseinandersetzung mit seinem umstrittenen Parteikollegen und ist zugleich gegen eine pauschale Verdammung.

Das hatte Laesicke bereits 2010 deutlich gemacht, als SPD-Chef Sigmar Gabriel ‒ letztlich erfolglos ‒ einen Parteiausschluss des provokanten Bücherschreibers anstrebte. In einem offenen Brief an seinen Parteichef zog Laesicke sogar Parallelen zum Fall Biermann in der DDR. Damals wie heute habe ein Unbequemer seinen Finger in die Wunde der Gesellschaft gelegt.

Das Oranienburger CDU-Stadtverordnete Wolfgang Haedicke würde Sarrazin nicht unbedingt mit dem Liedermacher Biermann vergleichen wollen. Grundsätzlich teilt er aber Laesickes Meinung. "Man sollte sich erst einmal anhören, was Sarrazin zum Euro zu sagen hat", findet Haedicke. Sarrazin habe zwar "nicht mehrheitsfähige Thesen" aufgestellt. Bereichert hätten sie die Diskussion gleichwohl schon. "Man muss auch Meinungen zulassen, die man nicht teilt." René Tausch von den Oranienburger Grünen würde Sarrazin einen Auftritt auch nicht verbieten wollen. "Ich finde es immer gut, wenn über Themen diskutiert wird, die der Gesellschaft auf den Nägeln brennen", sagt er.

Sarrazins Euro-Buch wäre nicht zum Bestseller geworden, wenn es nicht ein öffentliches Interesse an dieser Problematik geben würde. "Wer das leugnet, lügt sich selbst die Taschen voll."

Von Ulrich Bergt und Frauke Herweg

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