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„Seid gute Polizisten und gute Menschen!“

Oranienburg „Seid gute Polizisten und gute Menschen!“

Der Holocaust-Überlebende Michael Goldmann-Gilead sprach über den Eichmann-Prozess. Er besuchte Schüler der Polizeifachhochschule in Oranienburg und beantwortete nach seinem Fragen deren Fragen. Zum Beispiel, wie er aus Auschwitz fliehen konnte.

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Polizeischüler mit ihrem Ehrengast aus Israel und dem Brandenburgischen Ministerpräsidenten.

Quelle: Marion Bergsdorf

Oranienburg. Was gibt ein Überlebender von Auschwitz und späterer Polizist in Israel Brandenburger Polizeischülern mit auf den Weg geben würde? „Seid gute Polizisten, die nach Recht und Gesetz arbeiten und seid gute Menschen.“ Das sagte Michael Goldmann-Gilead einer 25-jährigen Polizeischülerin gestern in Oranienburg (Oberhavel) zur Antwort. Der 92-Jährige war auf Anregung von Ministerpräsident Dietmar Woidke und in Begleitung von Innenminister Karl-Heinz Schröter in die Polizeifachhochschule nach Oranienburg gekommen und berichtete über den Eichmann-Prozess in Israel. Goldmann-Gilead hatte als Polizeioffizier und Assistent des Hauptanklägers gegen den Holocaust-Organisator Adolf Eichmann gearbeitet und berichtete den Polizeischülern davon.

Stefanie Manz fand es bemerkenswert, dass Goldmann-Gilead Polizist geworden war und dieser Job ihm half, seine schlimmen Erlebnisse zu verarbeiten

Stefanie Manz fand es bemerkenswert, dass Goldmann-Gilead Polizist geworden war und dieser Job ihm half, seine schlimmen Erlebnisse zu verarbeiten.

Quelle: Marion Bergsdorf

Ministerpräsident Dietmar Woidke erinnerte daran, dass die Polizeifachhochschule in Oranienburg durch die örtlichen Gegebenheiten eng mit der Geschichte des Nationalsozialismus verbunden sei. Denn sie befinde sich in unmittelbarer Nachbarschaft zum ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen, einem Ort des Mordens und des Verfalls von menschlicher Kultur. Woidke wies außerdem darauf hin, dass die Polizei im NS-Regime ein Instrument der Vernichtung gewesen sei. Deshalb ergebe sich für die Studierenden von heute die bleibende Verpflichtung, „sich von demokratischen Prinzipien leiten zu lassen, um das friedliche Zusammenleben der Menschen in unserem Land zu schützen“.

Der 92-jährige Zeitzeuge Goldmann-Gilead verblüffte die Polizeischüler mit seiner Offenheit. Ob er denn keine Rachegefühle gegen den Verbrecher Eichmann gehabt hätte, wurde er gefragt. „Rache war viel zu banal angesichts der Verbrechen. Ich wollte, dass der Massenmörder Eichmann seine Strafe bekommt. Wir haben ihn bewacht, damit er sich nicht umbringt.“ Goldmann-Gilead weiter: „Auch später in meiner Arbeit als Kripo-Beamter war ich immer für Gerechtigkeit. Ich habe nie einen Verdächtigen als Feind betrachtet.“ Gebannt lauschten die Polizeischüler den Erläuterungen ihres Gastes und erfuhren, dass es den Ermittlern gelungen war, Eichmann der Individualschuld zu überführen. „Er war eben nicht eine kleine Schraube in der Vernichtungsmaschinerie, wie er uns weismachen wollte. Er war eine der treibenden Kräfte der totalen Vernichtung der Juden Europas. Er wollte sogar die Selektion der Arbeitsfähigen in den Lagern unterbinden und war ein Dämon. Selbst SS-Männer fürchteten sich vor ihm.“

Polizeischüler Robert Päschel findet es bedauernswert, dass Israel mit Eichmann nur einen Nazi-Verbrecher zur Verantwortung ziehen und verurtei

Polizeischüler Robert Päschel findet es bedauernswert, dass Israel mit Eichmann nur einen Nazi-Verbrecher zur Verantwortung ziehen und verurteilen konnte.

Quelle: Marion Bergsdorf

Wie Goldmann-Gilead die Flucht aus Auschwitz gelungen sei, wollten die Polizeischüler wissen. Er erzählte, dass er sich gemeinsam mit zwei weiteren Häftlingen beim Todesmarsch im Januar 1945 mit dem Gesicht in den Schnee geworfen und sich tot gestellt hatte. Dann versteckten sich die drei in einer Scheune auf einem Hof. Nach 20 Minuten wurde nach ihnen gesucht. Die Bäuerin sagte den SS-Bewachern, sie habe drei Häftlinge in den Wald rennen sehen. Später am Abend brachte die älteste ihrer drei Töchter den Männern zu essen. Zu diesen drei Töchtern, heute über 80-jährige Frauen, habe er bis heute Kontakt. Er ließ die Familie als „Gerechte unter den Völkern“ anerkennen.

Warum er in Israel zur Polizei gegangen sei, das fragte eine Schülerin. Goldmann-Gilead berichtete, wie ihn ein Dorfältester in Israel Ende 1948 vertreiben wollte und diesen auch ein Zuweisungspapier nicht interessierte. Da habe er sich gesagt: „Wenn das so ist, gehe ich zur Polizei.“ Er wollte für Recht und Ordnung sorgen. Auf der anderen Seite habe ihm diese Arbeit geholfen, seine schrecklichen Erfahrungen zu verarbeiten.

Interessant fanden die Polizeischüler Einschätzungen des Gastes über Adolf Eichmann. Der hatte während des Krieges mal getönt, er werde mit Freuden ins Grab springen in Kenntnis der Tatsache, dass er fünf Millionen Feinde mitreiße. Als er gehängt wurde, „sprang er nicht mir Freude in sein Grab. Er zitterte, konnte sich aber kein Wort der Reue abringen“. Michael Goldmann-Gilead war dabei, als Eichmann hingerichtet und später seine Asche ins Meer geschüttet wurde.

Von Marion Bergsdorf

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