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Seine Ziehharmonika brach das Eis

Erinnerung an Kurt Mühlenhaupt Seine Ziehharmonika brach das Eis

Die Schauspielerin Esther Esche las am Sonntag im Bergsdorfer Mühlenhaupt-Museum. Im Mittelpunkt stand das autobiografische Buch „Bolles Reich“ des 2006 verstorbenen Malers und Bildhauers Kurt Mühlenhaupt.

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Esther Esche, Tochter des Schauspielers Eberhard Esche, las aus Mühlenhaupts Erinnerungen.

Quelle: Köser

Bergsdorf. Die Gänse, die friedlich über die Straße watscheln. Die Frauen, die in Kittelschürzen zum Bäcker gehen, mit Schlappen an den Füßen. Eine Fahrt von West-Berlin in die Mark, in die ländliche DDR, das war immer wie eine Reise in die eigene Kindheit, erinnert sich Hannelore Mühlenhaupt.

Vor allem zog es sie und ihren Mann Kurt nach Kraatz nahe Gransee. Dort wohnten Gleichgesinnte, Künstler und Kreative. So wie der Maler und Schriftsteller Gotthold Gloger. Oder der Schauspieler Eberhard Esche. Dessen Tochter Esther las vergangenen Sonntag im Bergsdorfer Mühlenhaupt-Museum aus einem Buch des 2006 verstorbenen Malers, Bildhauers und Schriftstellers. In „Bolles Reich“, liebevoll und farbenfroh illustriert, schildert Kurt Mühlenhaupt die Jahre ab 1990, also jene Zeit, als sich das Ehepaar in Bergsdorf niederließ. Der Saal ist gut besucht. Gelegentlich ergänzt Hannelore Mühlenhaupt die Lesung mit eigenen Erinnerungen.

Eigentlich war ein Umzug in die Mark gar nicht geplant. Doch dann berichtet Gotthold Gloger von einem alten Hof in Bergsdorf, um 1750 erbaut. „Den müsst ihr euch unbedingt ansehen“, hatte er gesagt.

Was das Paar dann erblickte, war nichts weiter als Ruinen. Der Innenhof glich einem Schrottplatz. Ein ausrangierter Autobus, Bleche und Teile von alten landwirtschaftlichen Maschinen, „Säcke voller Kalium und giftiger Chemie“. Am Wohnhaus nagte der Holzwurm. Doch als Hannelore in die Küche kam, war sie verliebt. Dieser gewaltige Herd, dieser herrliche alte Kachelofen. Nach reiflichen Überlegungen war dann auch Kurt einverstanden. Sie kauften das Anwesen.

Mit offenen Armen wurden sie nicht empfangen. „Eure Herrschaft ist wieder da“, hieß es ironisch, wenn das Ehepaar sich blicken ließ. Dabei wohnten die Mühlenhaupts anfangs wenig feudal in einem Zelt, da der Hof noch gar nicht bewohnbar war.

Um sich ins Dorf einzuführen, lud Kurt zu einer Bilderschau ein. Die Skepsis war groß. Sollen wir den ernähren? Oma, geh mal hin. Guck, was der will. So kamen 30 alte Damen. Da er nicht wusste, was er mit ihnen anfangen sollte, griff er zur Ziehharmonika. Die ­Seniorinnen sangen begeistert mit. „Sie sind der Richtige fürs Dorf und für den Kirchenchor“, befanden sie. Sogar kleine Bilder kauften sie ihm ab. Hannelore lebte sich weitaus schneller ein, war bald eine Art örtliche Schreibstube, füllte Formulare aus oder kopierte sie.

Sie waren nicht die einzigen Zugereisten. Arni begrüßte die Bergsdorfer auf seine Weise. Mit seinem Mercedes fuhr er dreimal durch Dorf, die Scheibe heruntergekurbelt, den Ellenbogen weit rausgestreckt. Danach hisste er auf seinem Grundstück die Südstaatenfahne. Die Vegetarier aus Berlin mit ihrem „Körnerfutter“ eckten ebenfalls an. Städter haben oft falsche romantische Vorstellungen vom Dorf und sind dann enttäuscht, sagt Hannelore Mühlenhaupt bei der Lesung. Sie hingegen kennt das Landleben ziemlich genau: „Ich komme von einem Einödhof“.

Von Fritz Hermann Köser

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