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Taxi-Nachtschicht ist nicht ungefährlich

Aus dem Leben einer Taxifahrerin Taxi-Nachtschicht ist nicht ungefährlich

Vor 40 Jahren übernahm Ursula Rosche den Taxi-Betrieb ihres Vaters. Er gilt als der älteste in Oberhavel. Die MAZ hat die heute 70-Jährige und ihren Kollegen Uwe Radszuan eine Nacht lang begleitet. Dabei erzählt Ursula Rosche nicht nur von netten Kunden: Während einer Fahrt aus Berlin hatte sie auf einmal eine Waffe am Kopf.

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Kennt ihre Kundschaft: Ursula Rosche (70) fährt nicht mehr oft Taxi, nur für ihre Stammkundschaft setzt sie sich noch ins Auto.

Quelle: Julian Stähle

Oranienburg. Schon ihr Urgroßvater beförderte Menschen von A nach B, allerdings nicht in Deutschland. „Er fuhr eine Droschke in Paris“, erzählt Ursula Rosche. „Das Taxifahren zog sich durch unsere Familie. Ich bin da reingeboren.“ Seit 60 Jahren gibt es den Oranienburger Taxi-Betrieb Rosche, er sei damit der älteste im Kreis, vielleicht sogar in ganz Brandenburg, so Ursula Rosche, die das kleine Familienunternehmen 1977 von ihrem Vater übernahm.

Garstige Männer und blöde Sprüche

Da war sie 31 Jahre alt – und stand mitten in einem von Männern dominierten Arbeitsfeld. „Ich musste mich beweisen“, sagt die heute 70-Jährige. Ihre männlichen Kollegen prophezeiten ihr drei Wochen Durchhaltevermögen, „dann biste wieder weg.“ In der Retrospektive beschreibt Ursula Rosche die Männer als „garstig“, gerade ältere Semester. Blöde Sprüche waren an der Tagesordnung. Ihr Vater habe sie motiviert, weiterzumachen. Ursula Rosche, nicht auf den Mund gefallen ist , biss sich durch.

Ursula Rosche fährt nur noch stundenweise, meist Stammkunden

Ursula Rosche fährt nur noch stundenweise, meist Stammkunden.

Quelle: Julian Stähle

Selbst wenn sie heute nicht mehr ganz so oft fährt, meist nur Stammkunden, die Leidenschaft fürs Fahren sei noch vorhanden. Doch ein prägendes Erlebnis brachte nicht nur die politische und gesellschaftliche, sondern auch die persönliche Wende für die gelernte Industriekauffrau. Bedrohungen – auch mit Messern – kämen schon mal vor in ihrem Metier.

Waffe am Kopf. Lebensgefahr. Schock.

Eine Situation vor mehr als 25 Jahren war anders: „Auf einmal hatte ich eine Waffe am Kopf“, erzählt die Taxifahrerin heute in lakonischem Ton. Berlin. Drei Männer in ihrem Auto. Sie bedrohten sie. Dann – ganz überraschend – die Pistole, direkt an der Schläfe. Lebensgefahr. Schock. „Es war ein einschneidendes Erlebnis.“ Eines, das gut ausging (wenn auch ohne Bezahlung). Eines von vielen.

Eine Rampe für Rollstühle und schwere Kunde

Eine Rampe für Rollstühle und schwere Kunde.

Quelle: Julian Stähle

Das Leben als Taxifahrerin kann aufregend sein, Ursula Rosche nennt es „bunt“, gerade nachts, wenn jeder neue Kunde eine Überraschung parat oder Alkohol intus hat. „Viele Unternehmen fahren nachts erst gar nicht. Uwe fährt aber immer.“

Seit zwei Ewigkeiten kein Silvester gefeiert

Gemeint ist Uwe Radszuan. Der 54-jährige Veltener ist seit 1998 im Betrieb. Besonders beliebt sei er durch seine offene Art bei den Dialyse-Patienten und auch Älteren, die sie bei Bombenentschärfungen evakuieren, so seine Chefin. Kennengelernt hat er sie, als ihr Taxi liegen blieb.

Uwe Radszuan unterstützt Ursula Rosche seit 1998

Uwe Radszuan unterstützt Ursula Rosche seit 1998.

Quelle: Julian Stähle

Er bat Hilfe an, kam ins Gespräch, probierte sich aus, fuhr mit, machte seinen Taxi-Schein. „Man sagt nie nein, wenn einer nachts anruft“, sagt er. „Die Müdigkeit darf dir der Kunde nicht anmerken, wir sind schließlich Dienstleister.“ Auch zu Silvester, wenn er wankende Partywütige nach Hause fährt. Selbst haben er und Ursula Rosche den Jahreswechsel seit gefühlt zwei Ewigkeiten nicht mehr gefeiert.

Für Betrunkene eine Decke im Auto

Hier kommt ein unschöner Aspekt: Betrunkene. „Es gibt eine Beförderungspflicht“, so Ursula Rosche, „und für Betrunkene haben wir eine Decke im Auto.“ Nur wenn absehbar ist, dass der Fahrgast einen Schaden anrichtet, kann er abgelehnt werden. Kurze Strecken hingegen dürfen nicht abgelehnt werden.

Den Talisman schenkten dem Taxifahrer Kunden

Den Talisman schenkten dem Taxifahrer Kunden. Sie brachten ihn aus Amerika mit.

Quelle: Julian Stähle

Jeder Kunde wird gefahren, selbst wenn jemand vom Bahnhof Oranienburg aus keine 500 Meter weiter transportiert werden will. Am Bahnhof steht Uwe Radszuan immer. Die dafür benötigte Konzession muss alle fünf Jahre neu beantragt werden.

Kunde entscheidet selbst, wo er einsteigen möchte

Den Preis der Fahrt bestimmen aktuelle Tarife. „Auch wenn die Ausgaben immer weiter stiegen, stagnierten die Preise sehr lange.“ Erst 2011 und 2015 wurden die Gebühren angepasst. Grundpreis nachts, zwischen 22 und sechs Uhr: 3,30 Euro. Die ersten sieben Kilometer je 1,80 Euro, jeder weitere zehn Cent weniger.

Die beiden sind ein eingespieltes Team

Die beiden sind ein eingespieltes Team.

Quelle: Julian Stähle

Übrigens ist es für Kunden keine Pflicht, ins Taxi, das an erster Stelle am Bahnhof steht, zu steigen. „Das entscheidet jeder selbst, wo er einsteigen möchte.“ Die Taxis von Rosche sind in ganz Oberhavel unterwegs, da greift das Taxameter. „Restliche Strecken wie nach Berlin können auf Verhandlungsbasis entschieden werden“, erklärt die Chefin.

Größter Traum: Taxifahrt nach Paris

Der Konkurrenzdruck sei groß, da müsse jeder sehen, wo er bleibt. „Ohne unsere vielen Krankenfahrten wäre das Gewerbe wohl nicht möglich.“ Bedenken hat sie, sollte die Anbindung zur Gedenkstätte Sachsenhausen verbessert werden, dass weitere Kunden wegfallen.

Einen Wunsch hat Ursula Rosche noch: Es sollte ein Kunde einsteigen, der direkt nach Paris will. Dorthin, wo ihr Urgroßvater vor langer Zeit seine Droschke fuhr und die Taxi-Leidenschaft der Rosches entfachte.

Von Marco Winkler

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