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Trauer und Gewalt

Nora Darwich verewigt das Martyrium ihrer syrischen Landsleute Trauer und Gewalt

Hände strecken sich aus der Menge empor. Es sind lauter Menschen, die sich um einen in Tücher gehüllten Toten drängen. Mit dieser schwarzweißen Tuschzeichnung, erst vor wenigen Tagen fertiggestellt, will Nora Darwich einen syrischen Teufelskreis zeigen. Eine Spirale aus Trauer, Gewalt und neuer Trauer.

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In ihren Bildern verarbeitet die Künstlerin aus Syrien auch Geschehnisse in ihrer Heimat.

Quelle: Fritz Hermann Köser

Bergsdorf. Die Hände stehen für Bewegung, für Hoffnung, für Freude, letztendlich für Leben, erklärt die syrische Künstlerin. So tanzen und singen die Leute, wenn sie einen Märtyrer zu Grabe tragen. Sie trauern, aber sie feiern ihn auch. Doch nicht selten schießen Scharfschützen des Assad-Regimes dann wahllos in die Menge – sogleich gibt es erneute Opfer. Der Konflikt zwischen Regime und Rebellen lässt sie auch fernab der Heimat nicht los, er ist das tragende Motiv ihrer Werke.

Die junge Frau mit den schwarzen kurzen Haaren steht neben einer Staffelei in dem gewaltigen Atelier ihres Domizils im Bergsdorfer Ortsteil Zehdenick. Die Liebe hat sie hierher verschlagen, seit Februar 2012 ist sie mit dem Künstler Fritz Best verheiratet. Der hatte sie während eines Projekts in Damaskus über einen gemeinsamen Freund kennengelernt.

Seit 2012 lebt sie in Bergsdorf. Sie fühlt sich wohl in dem kleinen Ort mit seiner idyllischen Umgebung, dem nahen See, den vielen Wäldern. „Im Sommer ist das wie Urlaub“, sagt sie. Ihr Deutsch ist auffallend gut, mit leicht französischem Akzent.

Auch mit den als eher verschlossen geltenden Brandenburgern kommt sie inzwischen gut zurecht. Anfangs war es nicht ganz einfach, Freundschaften zu knüpfen. Die Leute seien zwar nett, aber reserviert, sagt sie. Ungewohnt für sie, die sich als spontan und kommunikativ bezeichnet.

Nora Darwich ist in Damaskus aufgewachsen und lebt heute im Zehdenicker Ortsteil Bergsdorf.

Quelle: Fritz Hermann Köser

Die Kunst hilft, das Eis zu brechen. Gerne lädt das Paar Interessierte zu sich ein, zum „Tag der offenen Tür“, oder anderen Veranstaltungen. Einmal zeigten sie syrische Filme, servierten dazu Spezialitäten wie Fatteh, Fladenbrotstücke mit Olivenöl und Kichererbsen vermengt, und Nüsse. Die Gäste, Bergsdorfer und Besucher aus der Umgebung, revanchierten sich mit Äpfeln aus dem Garten und selbst gemachter Marmelade. Eine Geste, die sie auf angenehme Weise an ihre Heimat erinnerte. Und wie neugierig die Deutschen doch waren. Die haben sich sehr für Syrien interessiert, sagt die 35-Jährige.

Ähnlich aufgeschlossen seien auch die Einwohner der syrischen Hauptstadt, ihrer alten Heimat. Damaskus, die Millionen-Metropole. Ein Moloch, aber nicht anonym. „Man fühlt sich dort nie alleine“, sagt sie. Vor allem nicht im Zentrum. Wie in einem Dorf, sagt sie. Um in ihr Atelier zu kommen, nahm sie extra einen Umweg durch die Altstadt mit ihren engen Gassen, kleinen Geschäften und dem intensiven Duft nach Gewürzen. Ihr tägliches Ritual. Überall und mit jedem könne man dort ein Schwätzchen halten, die Leute seien freundlich und hilfsbereit. Da werde sogar der anfangs fremde Taxifahrer bald zum großen Bruder. Die Künstlerin spricht von einer großen Familie, aber auch von einer gewissen sozialen Kontrolle, von manchen Abhängigkeiten, die dadurch entstehen.

Kurz nach ihrer Ankunft in Deutschland vor zwei Jahren, war sie noch einmal in ihrer Heimat, für eine Woche. Mehr nicht. Zu gefährlich, auch wenn der Bürgerkrieg in den deutschen Medien kaum noch stattfindet, er von anderen Konflikten wie dem Tauziehen um die Krim verdrängt wurde.

Mit Freunden und Verwandten hält sie über Facebook und telefonisch Kontakt. Als ich kürzlich mit meiner Mutter sprach, hörte ich im Hintergrund Bomben fallen, berichtet sie. Inzwischen hat auch die Mutter das Land verlassen, lebt nun in Frankreich, woher ihre Großmutter stammt.

Dennoch, ich fühle mich als Syrerin, bekräftigt sie. Sie ist Muslimin, aber nicht strenggläubig. Moscheebesuche und Kopftücher spielten für ihre liberale Familie keine Rolle. In Syrien gehe es mit seinen vielen Religionen toleranter zu als etwa in Ägypten, sagt sie. Dennoch bleibe der Islamismus eine Problem. Das Regime spiele auf perfide Weise mit ihm, es brauche die Fanatiker, die Dschihadisten, um seinen Kampf gegen jegliche Opposition zu rechtfertigen. Entweder wir oder ein Gottesstaat, laute das Motto.

Nicht nur gegenüber dem Westen. Auch viele ihrer Freunde seien nur deshalb Assad-Anhänger. Das gehe soweit, dass das Militär die Extremisten bewusst nicht bombardiere. Vor der Religion seien nur religiöse, aber keine politischen Treffen erlaubt gewesen. So gingen viele Bürger zu den religiösen Scheichs, um mit ihnen über Werte zu diskutieren.

Auf diese Weise treibe das Regime zunehmend eigentlich säkular eingestellte Bürger in deren Hände. Nora Darwich musste beobachten, wie immer mehr Nachbarinnen in ihrem Wohnblock plötzlich Kopftuch trugen. Zum Schluss waren meine Mutter und ich die fast Einzigen, die darauf verzichteten, sagt sie.

Die Künstlerin besuchte eine Privatschule, „dröges, stures Auswendiglernen“, die starke Hand des Staates fühlte sie auch dort. Jeden Morgen Appell. Strammstehen, in Militär-Uniform. Hatte man ein Teil vergessen, musste man über den Schulhof krabbeln. Auf dem Bauch. „Assad für immer“, skandierten die Schüler. Was soll das bloß?, fragte sie sich. Als ihr Lehrer Beitrittsformulare für die Baath-Partei verteilte, weigerte sie sich. Ihre Mutter hatte ihr dazu geraten. Der Lehrer war entsetzt. Schreib, du bist positiv-neutral eingestellt, wenn du schon nicht eintreten willst, bat er sie. So geschah es. Doch keine Parteijugend bedeutete auch Verzicht auf Ferienlager und sonstige Aktivitäten. Wenigstens blieb ihr so ein langweiliges Fach erspart: Parteikunde.

Von Fritz Hermamm Köser

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