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„Ich muss jeden Tag weinen“

Ein Jahr nach dem Unfall auf der „Todeskreuzung“ Velten „Ich muss jeden Tag weinen“

Andreas Ziemer hat mit das Schlimmste erlebt, was einem Menschen passieren kann. Seine Frau ist vor einem Jahr bei einem Unfall in Velten (Oberhavel) ums Leben gekommen. In der MAZ spricht er darüber, wie es ihm geht und warum er mit der Justiz hadert.

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Andreas Ziemer verlor vor einem Jahr seine Frau Heike durch einen Verkehrsunfall. Er ist enttäuscht von der Justiz.

Quelle: Helge Treichel

Velten/Leegebruch. Auch ein Jahr nach dem traumatischen Unfalltag ist Andreas Ziemer fassungslos. Der 55-jährige Leegebrucher hadert mit dem Schicksal – und mit der Justiz. Trotz psychologischer Betreuung war er seitdem nie wieder auf der Veltener „Todeskreuzung“, auf der am 12. Juni 2014 seine Frau Heike starb. Zu intensiv, zu schmerzlich sind die Erinnerungen, zu grausam die Bilder in seinem Kopf.

Ziemers haben in der gleichen Firma gearbeitet

Dabei führt sein Arbeitsweg über diese Kreuzung von Breiter Straße und Rosa-Luxemburg-Straße. Es ist der selbe Weg, den auch seine Frau Heike seit 15 Jahren mit dem Fahrrad ins Veltener Gewerbegebiet nutzte. Immer mit Helm, immer auf Nummer sicher. An ihren Fahrrädern sind sogar Spiegel montiert. Beide waren in der selben Firma tätig. Sie im Kundendienst, er seit 18 Jahren in der Werkstatttechnik. Meistens fuhren sie gemeinsam zur Arbeit, jedoch nicht an diesem Tag. Andreas Ziemer musste einen Bandscheibenvorfall auskurieren. Deswegen war auch ihre Hochzeitsreise storniert, die sie sonst eigentlich schon angetreten hätten. Eine unglückliche Verkettung von Zufällen. „Unglücklicher geht’s gar nicht“, sagt Andreas Ziemer. „Das reicht fürs ganze Leben.“

Am Unfalltag führte eine Umleitung über die Unglücksstelle

Der 12. Juni war ein schöner Sommertag. Alltag. Heike Ziemer war am Morgen pünktlich zu Hause losgefahren, ihr Fahrrad war frisch repariert. Auf Firmenkosten war das Tretlager gewechselt worden. Beste Voraussetzungen für eine sichere Fahrt. Doch kurz nach 7 Uhr bekommt Andreas Ziemer einen Anruf aus der Firma. Eine besorgte Nachfrage, wo Heike bleibt. Und der Hinweis, dass es an der Veltener Kreuzung einen Unfall gegeben haben muss, da es eine Umleitung gab. „Da wusste ich Bescheid, ich bin gleich im Auto hingefahren“, sagt Andreas Ziemer. Der Rest ist für ihn ein Albtraum, der bis heute andauert.

Am Unfallort erkennt er ihre Handtasche, ihr „zermanschtes Fahrrad“ unter dem fast 40 Tonnen schweren Sattelzug und erleidet einen Schock. Immer wieder hat er das Bild vor sich, wie er im Streifenwagen sitzt – die Unfallstelle genau vor sich.

Ziemer ist von Polizei und Justiz enttäuscht

Seitdem wuchs seine Enttäuschung über Polizei, Staatsanwalt und Richter. Warum waren die Sachen seiner Frau beschlagnahmt worden, aber nicht das Handy der Lkw-Fahrers, der sogar noch mit seinem Betrieb telefonieren durfte? Warum gab es keine öffentliche Gerichtsverhandlung? Warum wurde ihm so die Möglichkeit genommen, als Nebenkläger aufzutreten? Warum hat sich weder der Fahrer noch dessen Firma je bei ihm gemeldet? Warum wird der Fahrer behandelt wie ein Tomatendieb? Warum gab es für ihn als Hinterbliebenen des Opfers kein Einspruchsrecht gegen das Urteil, sondern nur für den Angeklagten? All diese Fragen lassen Andres Ziemer nicht los. Der Fahrer ist für ihn der „Mörder meiner Frau“. Seine Strafe jedoch sei nicht einmal als „Denkanstoß“ geeignet.

Das Urteil des Amtsgerichts Oranienburg erging im Februar in Form eines Strafbefehls: Vier Monate Freiheitsentzug, für zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Der Tatvorwurf: fahrlässige Tötung.

Ziemers Anwalt erhebt Vorwürfe gegen Ermittler

Das Amtsgericht folgte damit dem Antrag der Neuruppiner Staatsanwaltschaft, erläutert Anwalt Bernd Engel, Rechtsbeistand von Andreas Ziemer. Für ihn ist fahrlässige Tötung allerdings ein Tatbestand, der in einem öffentlich Strafgerichtsverfahren geklärt werden sollte. Nur so kenne er das auch aus seiner 30-jährigen Berufspraxis in Berlin. Ein solches Verfahren hätte die Möglichkeit geboten, offene Fragen zu klären. Zum Beispiel hatte sich der Lkw-Fahrer im bereits erwähnten Telefonat laut Polizei auch zum Unfall geäußert. Dass der Gesprächspartner nicht vernommen wurde, „halte ich für ein Manko“, sagt Bernd Engel. Das gelte ebenso zu möglicherweise bereits während der Fahrt geführten Telefonaten. Dann wäre unter Umständen die Grenze zur groben Fahrlässigkeit oder Leichtfertigkeit erreicht worden.

Unfallstelle ist nicht vermessen worden

Ein weiteres Manko aus Sicht des Anwalts: Die Unfallstelle ist nicht aus der Luft vermessen worden. Mit Hilfe von kleinen Drohnen sei das in Berlin Gang und Gäbe. Dies sei um so bedauerlicher, weil die Kreisverwaltung von Anfang an höchstes Interesse an den Ermittlungsdaten hatte. Es ging um den Vorwurf einer fehlerhaften Radwegeführung. Dies allerdings wurde im Dekra-Gutachten nicht bestätigt. Danach hätte der Kraftfahrer die Radlerin mit einem Blick in den Seitenspiegel sehen können – „und müssen“, betont der Anwalt. Diese Feststellung im Gutachten stehe „im krassen Widerspruch“ zu einer Äußerung des Fahrers gegenüber seinem Anwalt. Er hatte beteuert, an dieser Ampelkreuzung, die er seit 15 Jahren kenne, bei stockendem Verkehr mehrmals in den Rückspiegel zu schauen, weil er sich der Gefahr bewusst sei.

Der Berliner Anwalt Bernd Engel vertritt Andreas Ziemer, den Mann des Unfallopfers

Der Berliner Anwalt Bernd Engel vertritt Andreas Ziemer, den Mann des Unfallopfers.

Quelle: Helge Treichel

Anwalt: „Ziemer wurde bei Aufklärung im Regen stehen gelassen“

Laut Dekra-Auswertung des Kontrollgeräts hatte der Fahrer seinen beladenen Lastwagen 35 bis 40 Meter vor der Kreuzung aus dem Stand auf 22 bis 23 km/h beschleunigt, um dann ohne Pause mit 16 bis 19 km/h nach rechts abzubiegen und dabei die Radfahrerin zu überrollen. „War er dabei abgelenkt? Diese offenen Fragen hätte man öffentlich zur Sprache bringen und beantworten können“, sagt Bernd Engel. Bei der Aufarbeitung habe „die Justiz ihren Beitrag nicht ausreichend geleistet“. Auf seine entsprechende Beweisanregung habe die Staatsanwaltschaft nicht geantwortet, sondern ohne jeglichen Hinweis überraschend den Strafbefehl beantragt. Dass dieser Fall so geräuschlos abgehandelt wurde, unterscheide ihn von anderen vergleichbaren. Erst Recht wegen der Brisanz der Kreuzung in der öffentlichen Wahrnehmung. Und der Anwalt stellt klar: Es gehe nicht um die Frage, ob die Rechtsfolge angemessen ist. „Ein Menschenleben wird man durch ein Urteil ohnehin nicht ausgleichen können.“ Falsch gelaufen sei vielmehr, „dass man Herrn Ziemer bei der Aufklärung so hat im Regen stehen lassen“.

Staatsanwalt kontert die Vorwürfe

Diesem Eindruck tritt der leitende Oberstaatsanwalt in Neuruppin entgegen. Es bedürfe keiner öffentlichen Hauptverhandlung, wenn die Beweislage klar ist, sagt Wilfried Lehmann. Nach Abschluss der staatsanwaltlichen Ermittlungen sei ein bestimmtes Strafmaß zu erwarten gewesen. Dieser Urteilsentwurf sei dem Richter vorgelegt worden, und der sei der Auffassung gefolgt. Sofern der Strafbefehl akzeptiert wird, gelte das genauso als Urteil als sei öffentlich verhandelt worden.

„Ich kann das menschlich nachvollziehen“, sagt Wilfried Lehmann mit Blick auf die Frustration von Andreas Ziemer. Häufig würden Angehörige Genugtuung und eine gewisse Sühne erwarten. Das sei jedoch nicht das zentrale Anliegen im Strafverfahren. Es gehe darum, das Maß einer Pflichtverletzung festzustellen. Trotz Mitgefühls sei das Gericht zu Neutralität verpflichtet, wobei zunächst die Unschuldsvermutung gelte. „Das ist für Angehörige oft nicht befriedigend“, so der leitende Oberstaatsanwalt. Zudem würden die strafrechtlichen Sanktionen „den Bedürfnissen der Angehörigen manchmal nicht gerecht“, gibt er zu. Er empfahl den Kontakt zur Opferhilfsorganisation „Weißer Ring“.

Die Feiertage sind am schlimmsten für Ziemer

Andreas Ziemer möchte auf das Schicksal der Hinterbliebenen aufmerksam machen, auf seins und das der beiden gemeinsamen Kinder (24 und 26 Jahre). Und ja, ein strengeres Urteil hätte er für gut gehalten. Unverständlich sei für ihn, dass es nach seiner Information weder einen Führerscheinentzug noch bestimmte Auflagen gab. „Der darf weiter fahren.“

Dankbar ist der Leegebrucher den Mitarbeitern im Oranienburger Krankenhaus. „Die haben mir geholfen, weiter zu leben.“ Anfang Januar war der Witwer erstmals wieder arbeiten. In der ersten Zeit im Betrieb habe er überall ihr Lachen gehört, habe sie überall sitzen sehen. Schlimm sind für ihn auch Feiertage oder Orte gemeinsamer Erlebnisse. „Alles haut einem die Beine weg“, sagt er. „Und weinen muss ich jeden Tag.“

Die Ampelphasen wurden inzwischen verändert

Unmittelbar nach dem tödlichen Unfall hatte der Veltener CDU-Politiker Sven Krein schwere Vorwürfe gegen das Straßenverkehrsamt erhoben: Im Zuge des Radverkehrskonzeptes habe er bereits 2013 auf die Gefahrenstelle hingewiesen, da Radfahrer in einen toten Winkel geleitet würden. Das Dekra-Gutachten bestätigte das nicht.

Die Unfallkommission des Landkreises befasste sich dennoch mit der „Todeskreuzung“: Die Straßenverkehrsbehörde ordnete eine veränderte Ampelschaltung an. Fahrräder bekommen jetzt etwas früher Grün, um nicht mehr zeitgleich mit den Kraftfahrzeugen starten zu müssen.

Von Helge Treichel

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