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„Uns wurde nichts weggenommen“

Bürgermeister im Interview „Uns wurde nichts weggenommen“

2015 war für Filippo Smaldino-Stattaus das Jahr, in dem er sich die Frage stellte, ob er sein Amt als Bürgermeister der Gemeinde Mühlenbecker Land aufgibt. Eine Krebserkrankung und böswillige Reaktionen auf seine Flüchtlingspolitik hatten ihn vor existenzielle Fragen gestellt. Warum er weitermacht und was mit der Notunterkunft passiert, berichtet er im MAZ-Interview.

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Filippo Smaldino-Stattaus zeigt an seinem Schreibtisch Facebook-Fotos von Flüchtlings-Begegnungen.

Quelle: Helge Treichel

Mühlenbecker Land. 2015 war für Filippo Smaldino-Stattaus (SPD) das Jahr, in dem er sich ernsthaft die Frage stellte, ob er sein Amt als Bürgermeister der Gemeinde Mühlenbecker Land nach der halben Amtsperiode aufgibt. Eine Krebserkrankung und die beruflichen Belastungen, die das Bürgermeisteramt mit sich bringt, hatten ihn sein bisheriges Leben auf den Prüfstand stellen lassen. Warum er heute froh ist, weitergemacht zu haben, berichtet er im Interview.

MAZ: Das vergangene Jahr war kein leichtes für Sie. Als sie sich gerade von einer Krebs-Operation erholt hatten, waren Sie und Ihre Familie stark unter Druck. Was war geschehen?

Filippo Smaldino-Stattaus: Wegen meiner Flüchtlingspolitik ist man nicht nur mir vereinzelt sehr herabwürdigend begegnet, sondern auch meine Familie, meine kleinen Kinder wurden belästigt. Das war eine sehr einschneidende Erfahrung. Allgemein stelle ich fest, dass die Menschen schnell dazu neigen, das Glas eher als halb leer anstatt als halb voll zu betrachten. Schnell fallen Beleidigungen und Beschimpfungen insbesondere in den sozialen Netzwerken. Als ich krank war, hatte ich viel Zeit, über die Lebenszusammenhänge und den Sinn des Lebens nachzudenken. Dabei habe ich in Erwägung gezogen, den Beruf des Bürgermeisters mit dem, was die Tätigkeit einem abverlangt, aufzugeben und wieder als Sozialarbeiter beim Jugendamt zu arbeiten.

Warum sind sie geblieben?

Smaldino-Stattaus: Dafür gibt es einen klaren Grund. Zur Kommunalwahl vor anderthalb Jahren hat die SPD plakatiert: gemeinsam mit Filippo. Ich habe intensiv darüber nachgedacht und möchte mich dieser Verantwortung ganz bewusst weiter stellen. In den letzten Jahren haben wir in der Gemeinde Mühlenbecker Land viel erreicht. Gemeinde oder Kommune heißt Gemeinschaft. Alle Akteure, Bürger ebenso wie Kommunalpolitik, Verwaltung, Vereine und Verbände, wir alle bilden eine kommunale Verantwortungsgemeinschaft. Das heißt: Wir alle sind für das Leben vor Ort verantwortlich. Das Gebot der Stunde heißt für mich: Gemeinsam wirken! Außerdem haben mir meine Mitarbeiter im Rathaus das Gefühl gegeben, dass sie an meiner Seite und hinter mir stehen. Das hat mir sehr viel Kraft gegeben

Kürzlich haben Sie mir gesagt, dass ihnen noch etwas anderes sehr viel Kraft gibt...

Smaldino-Stattaus: Richtig! Dass ich jetzt wieder mit sehr viel Herzblut tätig bin, hat auch die Flüchtlingshilfe bewirkt. Die Informationsveranstaltung Anfang Oktober mit 800 Menschen in der Mühlenbecker Gesamtschule hat mich zunächst zweifeln lassen, ob ich als Bürgermeister mit meinen Werten hier noch der richtige bin. Die Stimmung war nicht nur von Ängsten geprägt, sondern von bewusster Stimmungsmache gegen die kommenden Flüchtlinge. Viele Einwohner waren danach erschrocken und haben das Gespräch mit mir gesucht. Zum ersten Mal habe ich erlebt, dass Menschen zu mir gekommen sind und gesagt haben, dass sie stolz auf ihren Bürgermeister und seine Werte sind. Das hat mir Mut und Kraft gegeben. In der Tat, ich stehe für meine Werte ein. Menschlichkeit und Solidarität sind für mich nicht verhandelbar.

Viele Leute sind aktiv geworden und – wie ich auf Facebook sehen konnte – auch Sie persönlich. Was ist passiert, nachdem die bis zu 60 Flüchtlinge in der Schildower Notunterkunft eingetroffen waren?

Smaldino-Stattaus: Was dort bis heute passiert ist, ist eine Erfolgsgeschichte! Das macht mich stolz. Es ist ergreifend, dass sich Menschen für Flüchtlinge engagieren, die bisher ehrenamtlich noch nicht in Erscheinung getreten sind. Da ist zum Beispiel eine ganz liebe 53-jährige Bürgerin aus Schildow, die sagt: „Ich kann kein Geld spenden, aber viel Herz!“ Das sind die Diamanten unseres Gemeinwesens, die Menschen mit den leisen Zwischentönen, die das Leben vor Ort so lebenswert machen. Tolle Erlebnisse hatten ich und meine Familie in der Flüchtlingshilfe zwischen Weihnachten und Silvester. Mit vielen Mitstreitern in der Flüchtlingshilfe hatten wir zusammen mit den Flüchtlingen ein tolles Weihnachtsfest. Meine 92-jährige Schwiegermutter, selbst aus dem Sudetenland geflüchtet, hat zum ersten Mal arabisch gegessen – eine tolle Erfahrung für sie. Bei der Gemeinschaftsveranstaltung setzte sich eine ältere Frau aus Syrien zu ihr. Die beiden haben sich prima verstanden und geborgen gefühlt – ganz ohne Worte. Nach den Weihnachtsfeiertagen waren wir gemeinsam Schlittschuh laufen und zu Silvester haben wir mit mehreren Flüchtlingen das neue Jahr gefeiert. Darüber hinaus spiele ich mit meinem Sohn sonntags, organisiert über die SG Schönfließ, beim Begegnungsfußball mit. Ich bin froh, dass mein Körper das nach der Erkrankung schon wieder mitmacht. Die Wochen seit Oktober sind die bewegteste Zeit in meinem Berufsleben. Uns wurde mit den Flüchtlingen nichts weggenommen, sondern, wir haben viel gewonnen. Neue Freundschaften wurden geschlossen, fremde Kulturen wurden uns so nah.

Apropos „wegnehmen“: Gilt noch die Aussage, dass die Notunterkunft im Bürgersaal und der Turnhalle auf drei Monate befristet ist?

Smaldino-Stattaus: Uns wurde mitgeteilt, dass ab 14. Januar alle Bewohner des Bürgersaals und der Einfeldturnhalle, die noch nicht in Wohnungen oder andere Unterkünfte vermittelt wurden, in die Gemeinschaftsunterkunft nach Lehnitz verlegt werden. Familien erhalten eine familiengerechte Unterkunft in Zehdenick. Auf Grund unserer tollen Erfahrungen mit dem ehrenamtlich geführten Begegnungscafé werden wir das Café Welcome in der Schmalfußstraße in Schildow mindestens einmal wöchentlich weiter betreiben. Über die genaue Öffnungszeit wird noch entschieden. Es ist ein Ort der Begegnung geworden, den wir nicht mehr aufgeben wollen. Eine „Piazza italiana“.

Also werden die Gebäude wieder komplett frei?

Smaldino-Stattaus: Ja. Am 19. Januar erfolgt eine Vorabnahme durch die Gemeinde und den Landkreis. Danach wird entschieden, ab wann die Räumlichkeiten wieder für die Öffentlichkeit nutzbar sind. Ich bin froh, dass die Notunterkunft aufgegeben wird, und die Menschen endlich einen würdigen Wohnraum erhalten. Wer einmal auf den schmalen und harten Notpritschen gelegen hat, wird verstehen, wovon ich spreche. Trotzdem fällt uns auf Grund der entstandenen Beziehungen die Trennung schwer. Auf diesem Weg bedanke ich mich noch einmal recht herzlich bei all den ehrenamtlichen Helfern. Perspektivisch brauchen wir in der Gemeinde Mühlenbecker Land sozialen Wohnungsbau. Ähnlich wie in Glienicke geplant, beabsichtigt der Landkreis auch bei uns Sozialwohnungen zu errichten und diesen dann temporär für 120 Flüchtlinge zur Verfügung zu stellen.

Steht schon ein Standort fest?

Smaldino-Stattaus: Um das Projekt in seinem Prozess nicht zu gefährden, kann ich noch keinen konkreten Standort angeben.

Dann heißt es jetzt zunächst, Abschied zu nehmen von den Geflüchteten?

Smaldino-Stattaus: Da die meisten in Lehnitz untergebracht werden, möchte ich von Abschied nicht sprechen. Ich bin mir sicher, die vorhandenen Kontakte, die neu gewonnenen Freundschaften werden weiter bestehen. Wir sind ja nicht aus der Welt. Etwas liegt mir noch sehr am Herzen: Unter den Flüchtlingen befinden sich zwei syrische heranwachsende Brüder, Mohamed, 18 Jahre und Machmud, 15 Jahre, die eine fürsorgliche, liebevolle Familienanbindung brauchen. Wer kann diese beiden lieben Jungen, für die ich mich verbürge und die mir sehr ans Herz gewachsen sind, in seinem Haus, vorzugsweise im Mühlenbecker Land oder in Glienicke/Nordbahn aufnehmen?


Interview: Helge Treichel

Von Helge Treichel

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