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Oberhavel „Unser Doping war die West-Mark“
Lokales Oberhavel „Unser Doping war die West-Mark“
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18:27 24.03.2013
ZEHLENDORF

. Erst nach zwei Stunden sprach der Gast ein sehr poetisches Schlusswort. Eine Lobeshymne auf das Radfahren, bei der der gebürtige Berliner Anleihe bei Goethe nahm, denn sein kleines Gedicht endete mit dem Faust-Zitat: „Hier (auf dem Rad) bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.“

Hans-Jürgen Geschke hält, wie er sagt, eher selten Vorträge. Als der Kulturverein Wensickendorf-Zehlendorf beim früheren Weltklasse-Bahnradsportler aus DDR-Zeiten anfragte, habe er aber nicht lange gezögert. Vermutlich auch deshalb, weil Geschke seit 1973 praktisch gleich um die Ecke wohnt – in Wandlitz, wo er auch einige Zeit ein Fahrradgeschäft betrieb.

Viel hätte nicht gefehlt, und aus dem 1943 in Berlin geborenen „Trümmerkind“ wäre gar kein Bahnradsportler geworden. Zwischen dem 14. und 16. Lebensjahr bestritt der kleine und untersetzte Athlet im Leichtgewicht für die Betriebssportgemeinschaft Motor Ost in Berlin-Friedrichshain neun Kämpfe, gewann fünf, verlor vier. Dann zwang ihn eine Handverletzung, die „Fäustlinge“ an den Nagel zu hängen.

So kehrte denn Hans-Jürgen Geschke zu seiner eigentlichen ganz großen Liebe zurück – dem Radfahren. Schon als junger Bursche hatte er sich immer ein Fahrrad gewünscht. Mit zwölf Jahren sammelte er Altpapier und Flaschen, stellte stundenlang Holzkegel auf, um sich ein paar Pfennige zu verdienen. Als er sich endlich ein gebrauchtes Fahrrad kaufen konnte, wurde es ihm zwei Tage später gestohlen.

Doch das konnte seine Liebe zum Radfahren nicht bremsen. Durch einen Sportsfreund, dessen Bruder beim Radsport war, gelangte er schließlich über die TSG Oberschöneweide 1960 zum TSC Berlin, dem erfolgreichsten Radsportverein der DDR. Noch im selben Jahr fuhr er sein erstes Straßenrennen. „Wie andere Jungen damals auch, hatte mich die Friedensfahrt gepackt“, sagt der 69-Jährige, wenn er heute gefragt wird, warum er sich dem Fahrradfahren verschrieben hat. Allerdings merkten seine Trainer schnell, dass die Zukunft des Radfahrers Hans-Jürgen Geschke eher auf der Bahn liegt. Dort holte der Sprinter und Tandem-Fahrer 1964 sein erstes Meistertrikot.

Es folgten für den späteren Kapitän der DDR-Nationalmannschaft weitere nationale und internationale Titel. Dreimal „M“ steht für die Teilnahmen an Olympischen Spielen – Mexiko, München, Montreal. Nach seinen Erinnerungen befragt, tritt der Sport zunächst in den Hintergrund. Der Anschlag auf die israelische Mannschaft in München 1972 habe ihn schockiert, obwohl Geschke, wie er heute sagt, damals nicht viel mit Politik am Hut hatte. „Wir waren nur weniger Meter vom Quartier der Israelis untergebracht“, erinnert sich Geschke, der damals vom Balkon aus filmte. Erst kürzlich habe dies ein Fernsehteam recherchiert und ihn um die Schmalfilmaufnahmen gebeten.

Nach seiner aktiven Laufbahn studierte Hans-Jürgen Geschke, der Feinblechner gelernt hat, Sport und wurde Trainer. Als Meisterstück aus dieser Zeit bezeichnet er seinen Sohn. Der 27-Jährige ist Radprofi in Holland.

Es sei bedauerlich, dass der Sport heute ausnahmslos vom Geld bestimmt wird, sagt Geschke. Die viele Kohle, die heute einige wenige Spitzenathleten verdienen, sollte lieber an der Basis investiert werden. „Von dort rückt zu wenig nach“, sagt er. Deshalb lande das vereinte Deutschland im Medaillenspiegel heute da, wo die Bundesrepublik auch früher immer gelegen habe – „auf Platz 6“. Der Sport in der DDR sei umfänglicher gefördert worden, was auch damit zusammengehangen habe, dass die Leute, die diese Arbeit geleistet haben, davon leben und ihre Familien ernähren konnten.

„Dass bei den Profis im Westen gedopt wird, haben wir immer gewusst“, sagt Geschke. „Allein von Wasser und Brot kann niemand die Berge bei der Tour de France so schnell rauffahren. Bei uns“, so das einstige Bahn-Ass, „war das anders. Wir hatten Zusatzernährungsmittel, an dessen Einnahme im Vergleich zum Westen niemand gestorben ist.“ Auf Nachfrage spricht Geschke von Vitaminen und Anabolika, die zum Muskelaufbau beitrugen. Geschke: „Unser Doping war die West-Mark. Wir wussten, dass es für Reisen ins westliche Ausland acht D-Mark Tagesgeld gibt. Also haben wir uns angestrengt, um zum Auswahlkader zu gehören und unseren Frauen und Kindern daheim von den Wettkämpfen etwas Schönes mitbringen zu können.“

Es grenzt eigentlich an ein kleines Wunder, dass Hans-Jürgen Geschke ins „kapitalistische Ausland reisen durfte. Er hatte nicht nur Westverwandtschaft, sondern auch einen italienischen Vater, der allerdings während des Zweiten Weltkriegs ausgewiesen worden sei. Trotz späterer Nachforschungen, die den Sohn bis nach Sizilien führten, habe er ihn nicht finden können. Das habe wohl auch daran gelegen, dass sein Vater einen Namen hatte, der im Deutschen den Familiennamen Schmidt, Meier oder Lehmann ähnelte. Immerhin aber ist das Geburtslands seines Vater dafür verantwortlich, dass Hans-Jürgen Geschke den Spitznamen „Tutti“ bekommen hat. Bei Rennen in Italien hätten ihn die Leute immer mit „Tutti!“ „Tutti!“ angefeuert, was soviel wie „Alles!“ heißt.

Hans-Jürgen Geschke durfte im Westen an den Start gehen. Dank meiner Leistungen sind die Funktionäre einfach nicht an mir vorbeigekommen“, sagt er. Überdies habe er nie die Absicht gehabt, im Westen zu bleiben. „Ich habe dort viel Reichtum gesehen, aber auch gemerkt, dass man schnell in ein tiefes Elend abrutschen kann, wenn der Erfolg ausbleibt.“

Um junge Leute in Wandlitz davon abzuhalten, ihr Heil in Zigaretten und Alkohol zu sehen, hat Hans-Jürgen Geschke dort nach seiner aktiven Zeit eine Radsportgruppe ins Leben gerufen. Die gibt es inzwischen jedoch nicht mehr. „Die Jugend sitzt heute lieber vorm Computer als auf dem Fahrrad“, sagt er. Viele wollten sich nicht quälen oder Schweiß vergießen.

Und so trifft sich Hans-Jürgen Geschke, der die Woche noch drei- bis viermal aufs Rad steigt, heute vor allem sonntags mit ehemaligen Radsportfreunden. „Interessengemeinschaft“ sagt Geschke dazu. Zusammen strampeln sie regelmäßig um die 100 Kilometer, mal nach Eberswalde und Freienwalde, mal nach Templin.

Um, wie er sagt, „den Alterungsprozess aufzuhalten“, empfiehlt Geschke den Leuten zwei bis dreimal in der Woche aufs Rad zu steigen. Es müsse nicht übermäßig schnell sein, dafür aber ausdauernd, denn erst ab etwa eineinhalb Stunden setze der Fettstoffwechsel ein.

Zum Talk nach Zehlendorf war Hans-Jürgen Geschke allerdings ohne Rad gekommen. Der Radsport ist zwar sein Leben, aber als einstiger aktiver Bahnradsportler sind auch ihm die gegenwärtigen Minusgrade etwas zu heftig. (Von Bert Wittke)

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