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Vier Tote an der Mauer

In Hohen Neuendorf starben junge Menschen bei Fluchtversuchen Vier Tote an der Mauer

Fast 25 Jahre nach dem Mauerfall sind die Grenzanlagen und der alte Todesstreifen zwischen Hohen Neuendorf und Berlin-Frohnau nur noch zu erahnen. Der Sonnenhut leuchtet gelb. Im Steingarten gedeihen Kräuter. Anlässlich des Jahrestages zum Bau der Berliner Mauer erinnert MAZ an vier junge Männer, die hier bei Fluchtversuchen starben.

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Die Waldjugend übernahm den Grenzturm im Juni 1990 noch von den Grenztruppen.

Quelle: Enrico Kugler

Bergfelde. Der Sonnenhut leuchtet gelb. Im Steingarten gedeihen Kräuter. Dicke rote Tomate warten darauf, gepflückt zu werden. Der idyllische Garten der Waldjugend mit Feuerstelle und Pavillon lässt fast vergessen, wie es hier bis 1990 aussah. Das Vereinszentrum befindet sich in einem ehemaligen Wachturm der DDR-Grenztruppen. Über die Betonplatten zum Eingang liefen früher Soldaten. Die Pfosten für den Grenzzaun mit Stacheldraht stehen nur ein paar Meter entfernt am Waldrand. Der Garten liegt mitten auf dem alten Todesstreifen zwischen Hohen Neuendorf und Berlin-Frohnau. Fast 25 Jahre nach dem Mauerfall sind die Grenzanlagen nur noch zu erahnen. Der Kontrollweg ist heute ein glatt asphaltierter Radweg – der 160 Kilometer lange Mauerweg rund um West-Berlin.

Der Grenzturm war einer von 302 Wachtürmen entlang der Mauer und bildete die Führungsstelle Bergfelde. Der nächste Ausguck stand in Sichtweite. Heute reicht der Blick nur noch bis zu den nächsten Baumwipfeln. Kiefern und Birken haben den bis zu 200 Meter breiten Grenzstreifen verschwinden lassen. Allein auf dem Abschnitt von Hohen Neuendorf wurden ab 1992 etwa 80.000 Bäume zur Aufforstung gepflanzt. Hinter dem Grenzturm entstand der Hochzeitswald, in dem junge Paare Bäume pflanzen.

Marian Przybilla (62).

Quelle: Enrico Kugler

Damit nicht alle Erinnerungen an den „antifaschistischen Schutzwall“ in Vergessenheit geraten, wird auf Stelen an die insgesamt 138 Mauertoten erinnert. Marian Przybilla, Umweltaktivist und unermüdlich mit der Mauergeschichte beschäftigt, hat dafür gesorgt, dass auch am heutigen Naturschutzturm dessen frühere Funktion erkennbar bleibt. Auch der Eingang zum Wachbunker mit Luftschutzraum, der als Turm-Vorläufer der Grenzkontrolle diente, ist noch vorhanden. Reste der Mauer, von Panzersperren und Zäunen sowie eine der perfiden, „Stalinrasen“ genannten Dornenmatten gegen Fluchtversuche sind zu sehen. Auf Stelen sind Bilder vom Grenzstreifen zu sehen, der im Laufe der Jahre immer hermetischer abgeriegelt wurde.

Gedenken an die Toten

Die Berliner Mauer trennte zwischen 1961 und 1989 den Ostteil Berlins vom Westteil, auch um Berlin (West) herum verlief die Mauer. Sie hatte eine Gesamtlänge von rund 160 Kilometern. Im heutigen Havelland trennte sie Falkensee von Spandau, verlief über Schönwalde und Nieder Neuendorf und Stolpe-Süde nach Hohen Neuendorf und Glienicke.
Mindestens 138 Menschen starben an der Mauer, 67 von ihnen wurden erschossen. Acht Opfer gab es in Hohen Neuendorf, Glienicke und Hennigsdorf. Sieben Männer wurden in Falkensee, Staaken und Schönwalde an der Grenze erschossen.

Eine Kranzniederlegung des CDU-Kreisverbandes Oberhavel zum Gedenken an die Mauertoten findet heute ab 18 Uhr am Grenzturm in Nieder Neuendorf statt. Bereits gestern fand zwischen Falkensee und Spandau eine Gedenkstunde für die Opfer statt.
Marian Przybilla ist heute im Naturschutzturm erreichbar. Am Sonnabend führt ein Ultramarathon über den 160 Kilometer langen Mauerstreifen, der um 6 Uhr am Jahnsportpark in Prenzlauer Berg startet. Der Naturschutzturm muss als einer von 27 Kontrollpunkten auf Kilometer 138,9 passiert werden. Am 21. September feiert die Waldjugend ihr Sommerfest am Turm.

Zunächst hatten nur Zäune und Stacheldraht Ost und West voneinander getrennt. Umfunktionierte Hochstände dienten Soldaten als Überwachungspunkte. Dann wurden die Grenzanlagen ausgebaut, zum Zaun kamen die Mauer, der geharkte Kontrollstreifen und Scheinwerfer. An der Grenze von Hohen Neuendorf wurde am 13. August 1961 damit begonnen, den Bahndamm der Nordbahn und damit die S-Bahn in den Westen zu kappen. Dasselbe passierte zwischen Hennigsdorf und Heiligensee, zwischen Falkensee und Spandau. Die zur Erreichbarkeit Oranienburgs ersatzweise gebaute Trasse der S8 entstand in Rekordzeit innerhalb nur weniger Monate.

Die S-Bahn nach Oranienburg wurde 1961 zwischen Hohen Neuendorf und Berlin für die neuen Grenzanlagen gekappt.

Quelle: Repro

Die DDR-Staatsführung wollte mit der „befestigten Staatsgrenze“ verhindern, dass weitere Bürger den Staat Richtung Westen verließen. Die Fluchten wurden ab diesem Zeitpunkt umso spektakulärer. Marian Przybilla hat die Geschichten der Republikflüchtlinge für die Gedenkstätte Berliner Mauer zusammengestellt und veröffentlicht. Der 19-jährige Joachim Mehr aus Prenzlauer Berg versucht zusammen mit einem fünf Jahre älteren Freund in der Nacht vom 2. auf den 3. September 1964 die Grenze Richtung Westen zu überwinden. Beide werden von Grenzsoldaten angeschossen, bleiben 40 Meter vor Berlins Grenze verletzt liegen und geben auf. Dennoch gibt ein später zu einer Bewährungsstrafe verurteilter Grenzer weitere Schüsse auf Mehr ab, der noch im Todesstreifen stirbt. Ein von Marian Przybilla aufgestelltes Schild mit schwarzem Trauerflor erinnert an Joachim Mehr. Es steht heute mitten in einem jungen Kiefernwald. Nur ein paar Schritte von der Grenze zu Reinickendorf entfernt.

Die bösen Gedanken sind verschwunden

Ruth Schulz, ehemalige Falkenseer Vize-Bürgermeisterin, erinnert sich an den Bau der Mauer. Morgens brauchte sie fortan bis zu fünf Stunden zur Arbeit.
Das graue Ungetüm in der Spandauer Straße kennt Ruth Schulz nur aus dem Fernsehen. Zu DDR-Zeiten hielt sich die Falkenseerin vom Grenzstreifen fern. „Was wir darüber gehört haben, hat uns schon gereicht.“ Heute kommt Falkensees ehemalige Vize-Bürgermeisterin regelmäßig an die Stadtgrenze, alle vier Wochen radelt sie mit ihrem Mann den Mauerweg entlang. Ruth Schulz mag die Ruhe, den Ausblick, die Natur. „Früher dachten wir, dass hier nie wieder etwas wächst, weil das Areal um die Mauer mit Unkrautmittel behandelt wurde.“ Doch die Natur hat sich das Gebiet zurückgeholt. An die Teilung denkt Schulz kaum noch, wenn sie den Weg entlangradelt. Die bösen Gedanken sind längst verschwunden, sagt sie.

Ruth Schulz (70) ist oft auf dem Mauerweg unterwegs.

Quelle: Marco Paetzel

Ruth Schulz sitzt am Frühstückstisch, als der Sprecher im Rundfunk den Mauerbau vermeldet. Es ist Sonntag, der 13. August 1961, Schulz ist gerade 17 Jahre alt. „Ich habe das erstmal nicht geglaubt“. Am Bahnhof wird ihr klar, dass das DDR-Regime ernst gemacht hat. „Der Falkenseer Bahnhofstunnel war mit Gittern verrammelt, die S-Bahn fuhr nicht mehr.“ Für Ruth Schulz, damals Stenotypistin im Bauernverlag in Berlin-Mitte, beginnt eine harte Zeit. Jeden Morgen muss sie mit einem Doppelstockzug über Schönfließ und Lichtenberg oder Birkenwerder zur Arbeit tingeln, machmal sitzt die junge Frau morgens fünf Stunden lang in überfüllten Waggons. Züge haben Verspätungen, werden umgeleitet, geben den Geist auf. Im Schneetreiben, sagt Ruth Schulz, ist das Chaos noch größer. Die Falkenseerin hat noch Glück, dass ihr Chef so kulant ist. „Ich durfte später kommen und früher gehen, bei den Kollegen kam das aber nicht so gut an“, erinnert sich die heute 70-Jährige. Ihr Cousin, der als „Grenzgänger“ bei Siemens in Spandau arbeitet, kommt nach dem Mauerbau gar nicht mehr nach Hause, er bleibt in Spandau. „Den habe ich erst nach der Wende wiedergesehen.“ Gedanken, über die Mauer zu flüchten, hatten sie und ihr Mann aber nie. „Das hätten wir unseren beiden Söhnen nicht antun können.“ Unzufrieden war die Falkenseerin in der DDR nicht. Ruth Schulz heuerte im Kulturministerium an, ihr Mann arbeitete als Dreher im Staakener Plastewerk. „Wir waren zufrieden mit unserem Leben, wir hatten eine Wohnung und gute Arbeit“, sagt Ruth Schulz, die noch bis zur Rente mit 63 als Kämmerin im Falkenseer Rathaus arbeitete.

Dass Deutschland irgendwann wiedervereint sein würde, das hatte Ruth Schulz immer geahnt. Als Teenager hatte sie eine Wahrsagerin in der Kremmener Straße besucht. Sie war um fünf Mark ärmer, aber um eine Gewissheit reicher: „Die Frau hat mir vorausgesagt, dass ich den Fall der Mauer noch erleben werde“, sagt Schulz und lacht. Dass es an der Spandauer Grenze bis zum 13. November 1989 dauern sollte, hatten die Karten aber nicht verraten.

Ruth Schulz findet es wichtig, dass entlang des Mauerwegs, der über 160 Kilometer entlang der ehemaligen Grenze verläuft, erinnert wird. In der Spandauer Straße erzählen Infotafeln die Geschichte von Mauer, Menschen und Morden, auf der anderen Seite des Weges mahnen Skulpturen des Falkenseer Künstlers Ingo Wellmann. In zwei Metern Höhe hat er einen Flüchtling aus Ahornholz installiert, der sich mit einer Leiter über eine angedeutete Mauer abseilt. Eine andere Holz-Skulptur ist drei Männern gewidmet, die in der Nacht zum 3. August 1987 von hier aus flüchteten. Ruth Schulz findet es gut, dass sich auch Jugendliche die Zeit nehmen, historische Fakten und Zitate von Zeitzeugen auf den Infotafeln zu studieren. „Schlimm wäre es“, sagt Schulz, „wenn das hier ein ganz normaler Radweg wäre.“

Von Marco Paetzel

Auch Willi Born ist erst 19 Jahre alt, als er versucht, nach West-Berlin abzuhauen. Der Veltener leistet seinen Wehrdienst in Oranienburg, als er am 7. Juli 1970 unbemerkt und bewaffnet seine Einheit verlässt, um in Bergfelde die Mauer zu überwinden. Ein Posten sieht ihn und gibt einen Warnschuss ab. „Von mehreren Grenzsoldaten gejagt, sucht Willi Born in einem Waldstreifen Deckung. Dort wird er gestellt. Bevor ein Posten ihn festnehmen kann, schießt sich Willi Born mit seiner Maschinenpistole in den Kopf. Er ist sofort tot“, schreibt Przybilla. Viel mehr wurde über Willi Born nicht bekannt. Durch ein Foto erhält das Maueropfer wenigstens ein Gesicht. Oberhavels früherer stellvertretender Landrat Michael Ney hatte mit Born zusammen seinen Grundwehrdienst bei der NVA geleistet. Er übergab Marian Przybilla auch das Bild.

Die Führungstelle Bergfelde im Januar 1989.

Quelle: Repro

Bis heute ohne Foto bleibt das Maueropfer Rolf-Dieter Kabelitz. Es ist nicht ganz klar, ob der damals ebenfalls 19 Jahre alte Potsdamer versehentlich in die Grenzanlagen bei Hohen Neuendorf gerät oder wegen Unzufriedenheiten mit der Familie, der Arbeit und dem Staat fliehen will. Grenzsoldaten schießen ihn an. Im Krankenhaus Hennigsdorf stirbt er nach zwei Operationen und einer Lungenentzündung drei Wochen später, ohne die Familie noch einmal gesehen zu haben. Noch heute wollen die Angehörigen nicht darüber reden, sagt Marian Przybilla.Auch dem Fluchtversuch von Marienetta Jirkowsky gingen Streitigkeiten in der Familie und Unzufriedenheit mit den Verhältnissen voraus. Während die beiden jungen Männer, mit denen die 18-Jährige aus Fürstenwalde über die Florastraße in Hohen Neuendorf fliehen wollte, den Westen erreichten, schaffte es die junge Frau nicht über die Mauer. Sie wurde angeschossen und starb. noch in derselben Nacht am 22. November 1980.

Von Klaus D. Grote

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Auf ein Wort von Klaus D. Grote

Auf ein Wort, das ist die MAZ-Kolumne über Interessantes, Kurioses, Witziges aus dem Alltag. Heute: Klaus D. Grote über einen Turm in Oranienburg, unüberwindbare Schutzwälle und eine unvorstellbare Form der Freiheitsberaubung.

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