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Von lebendig bis abgekühlt

Das Verhältnis Oranienburgs zu seinen vier Partnerstädten Von lebendig bis abgekühlt

Ob im Dienste der Völkerverständigung unter „sozialistischen Bruderländern“ oder als Ost-West-Brücke: Seit 1964 hat Oranienburg vier Städtepartnerschaften geschlossen – mit Bagnolet, Melnik, Hamm und Vught. MAZ über Oranienburgs Beziehungsstatus zu seinen Partnerstädten.

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Die Oranienburger Popband Plekwek vor dem Partnerschaftsschild im tschechischen Melnik.

Quelle: Privat

Oranienburg. Das Bündnis mit der französischen Stadt Bagnolet am östlichen Stadtrand von Paris besteht seit 50 Jahren – eigentlich ein Grund zum Feiern. Doch weil die Beziehungen zur ältesten Partnerstadt Oranienburgs seit einigen Jahren auf Eis liegen, fällt die geplante Jubiläumsfeier in diesem Jahr aus.

Ihre „Freundschaftsvereinbarung“ besiegelten Jacqueline Chonavel und Walter Krebs am 16. Juni 1964 festlich in Oranienburg. Der SED-Bürgermeister und seine französische Amtskollegin unterzeichneten den Partnerschaftseid mit dem Ziel, „zwischen allen Bewohnern soziale, sportliche und kulturelle Beziehungen zu schaffen und zu entwickeln“. Mit der Begründung, die Einwohner beider Städte hätten „durch das Ende der Teilung Europas“ nun „die uneingeschränkte Möglichkeit, die Verbindungen zu intensivieren“, erneuerten die Stadtoberhäupter Hans-Joachim Laesicke (SPD) und Marc Everbecq (Parti Communiste) die deutsch-französische Städtefreundschaft im Oktober 2004, zum 40. Jubiläum, sogar noch einmal. Jahrelang herrschte ein reger Austausch zwischen den beiden Städten. Zum 50. Geburtstag plante Bürgermeister Laesicke einen großen Stadtempfang mit den Bagnoletais – doch seine Briefe und Einladungen blieben unbeantwortet.

Oranienburgs Beziehungsstatus

1. Platz: Melnik
Beziehungsstatus: Sehr aktiv

Die Städtepartnerschaft zwischen Oranienburg und der Stadt Melnik wurde 1974 begründet. Zunächst beschränkten sich die Kontakte zwischen den Städten auf die Verwaltungsebene. Später entwickelten sich auch Beziehungen zwischen Vereinen und Schulen.

Inzwischen gibt es einen regelmäßigen Schüleraustausch mit Melniker Schulen, die von der Jean-Clermont-Schule und der Torhorst-Schule gepflegt werden. Auch die Feuerwehren beider Städte besuchen sich gegenseitig. Der Judo-Club „Samura“ fährt seit 1996 jedes Jahr in den Sommerferien zum Trainieren nach Melnik. Im August trainieren die jungen Judokämpfer wieder mit ihren tschechischen Freunden in der mittelböhmischen Kleinstadt an Elbe und Moldau.

Besonders bewährte sich die Partnerschaft 2002, als Melnik von einer verheerenden Flutkatastrophe betroffen war. Viele Oranienburger zeigten sich damals solidarisch und halfen mit persönlichen Spenden. Mit der Amtsübernahme des neuen Bürgermeisters Ctirad Mikeš in 2010, der sich mit großem Engagement für den Ausbau der Städtepartnerschaft einsetzt, knüpften beide Städte vor allem auf kultureller Ebene neue Kontakte. js

„Wir können die Ursache dafür nur vermuten“, sagt Björn Lüttmann, der alle vier Städtefreundschaften als ehemaliger Stadtsprecher sechs Jahre lang mit betreut hat. Nach dem Tod zweier französischer Jugendlicher im Jahr 2007 war auch das 35000-Einwohner-Städtchen Bagnolet – als Vorort von Paris – von Unruhen betroffen. „Bagnolet war finanziell nie auf Rosen gebettet und hat soziale Probleme“, meint Lüttmann. Die Franzosen suchten einst den Kontakt zu den Oranienburgern. Seit jeher regiert die kommunistische Partei, le Parti Communiste, in Bagnolet. Gut möglich, dass die Völkerverständigung mit den einstigen sozialistischen Brüdern und Schwestern aus Oranienburg für die Franzosen nach der deutschen Wiedervereinigung an Bedeutung verlor. Dagegen sprechen wiederum Schüler- und Lehreraustausche sowie zahlreiche Chortreffen. „Wir wollen offen bleiben, damit die Partnerschaft weitergeht“, fasst Lüttmann die Haltung der Stadt zur Abkühlung der Beziehung mit den Franzosen zusammen.

2. Platz: Vught
Beziehungsstatus: Klangvoll

Als Oranienburg, einer Stadt mit niederländischer Prinzessin, muss man den engen Austausch mit den Niederländern pflegen“, sagt Björn Lüttmann. Aber nicht nur Louise Henriette von Oranien verbindet Oranienburg mit dem fast 700 Kilometer entfernten Vught. Die Städte haben eine traurige Gemeinsamkeit: In beiden Orten wurden während des Zweiten Weltkriegs Konzentrationslager errichtet, in denen tausende Menschen inhaftiert waren. Das „Kamp Vught“ diente der SS als sogenanntes „Judendurchgangslager“. Von hier wurden niederländische Häftlinge ins KZ Sachsenhausen deportiert. Der Niederländer Leo van Deene, einer der Überlebenden des KZ Sachsenhausen, lud 1998 eine Oranienburger Familie ein, an der jährlich stattfindenden Ehrung der ermordeten niederländischen Sachsenhausen-Häftlinge in Vught teilzunehmen. Bürgermeister Jan de Groot bat die Gäste, die Bitte der Vughter Bürger zur Gründung einer Städtepartnerschaft nach Oranienburg zu übermitteln. Am 13.Mai 2000 unterzeichneten die Bürgermeister beider Städte die Partnerschaftsurkunde im Oranje-Saal des Oranienburger Schlosses. Heute herrscht vor allem zwischen den Chören beider Städte ein reger Austausch. js

Dass es auch anders laufen kann, beweisen die Beziehungen zum niederländischen Vught, dem tschechischen Melnik und Hamm in Westfalen. Die Stadt Hamm half beim Aufbau der neuen Kommunalverwaltung nach der Wiedervereinigung in Oranienburg. Langsam entwickelten sich die Kontakte zwischen den Städten auch auf anderen Ebenen. Im Mai war der Vughter Chor „Cantare“ aus den Niederlanden für ein gemeinsames Konzert mit den „Quartettfreunden Sachsenhausen“ und dem gemischten Chor „Viva la Musica“ in der Nicolaikirche angereist. Doch besonders aktiv sei der Austausch mit den Tschechen, sagt Evelin Rabe von der Stadtverwaltung, verantwortlich für Oranienburgs Städtepartnerschaften. „Mit Vught klappt es auch prima, aber Melnik ist einfach nicht so weit weg.“ Die Stadt, die rund 30 Kilometer nördlich der Hauptstadt Prag liegt, ist vier Autostunden von Oranienburg entfernt. Bis nach Vught dauert die Fahrt etwa sechs Stunden.

Oranienburger Kommunalpolitiker bei einem Besuch in Hamm.

Quelle: Privat

3. Platz: Hamm
Beziehungsstatus: Freundschaftlich

Erfolgreich ist seit vielen Jahren ein Projekt beider Städte auf Verwaltungsebene: Abwechselnd besuchen Auszubildende aus Hamm und Oranienburg für jeweils eine Woche die Verwaltung der Partnerstadt. Nicht anders war es vor 24 Jahren, als die damalige Oberbürgermeisterin von Hamm, Sabine Zech, und der damalige Oranienburger Bürgermeister Udo Semper die Partnerschaftsurkunde am 17. Oktober 1990 unterzeichneten.

Ziel der Städtepartnerschaft war nicht nur, das gegenseitige Verstehen in der neu gewonnenen Einheit Deutschlands zu fördern, sondern auch durch den Aufbau der kommunalen Selbstverwaltung die Lebensqualität für die Bürger Oranienburgs zu verbessern. Tatsächlich half die nordrhein-westfälische Stadt Hamm beim Aufbau der neuen Kommunalverwaltung nach der deutschen Wiedervereinigung, indem sie Mitarbeiter aus dem Ruhrgebiet an die Havel entsendeten.

Mit Besuchen und gemeinsamen Aktivitäten werden seit vielen Jahren die Freundschaften zwischen der Feuerwehr Hamm und dem Löschzug II Innenstadt Oranienburg, den Blinden- und Sehbehindertenverbänden, den Senioren- und Rudervereinen beider Städte gepflegt. js

Erst im Juni spielte die Oranienburger Popband „Plekwek“ auf dem Melniker Stadtfest. Für ihren Besuch in der Partnertstadt nahmen die Musiker Daniel Wiesjahn, Sonja Höschele, David Kewitz und Dennis Klinke den Song „Horalka“ der tschechischen Band „Heebie Jeebies“ neu auf, die beiden Gruppen lernten sich 2013 kennen. Die Oranienburger verpassten dem Song, der von musizierenden Vagabunden handelt, einen deutschen Text, den Refrain sangen sie aber auf Tschechisch. Die Kosten für das Hotel in Melnik übernahm Oranienburg. 16000Euro stellt die Stadt jährlich für die Partnerschaften bereit. Ob Schulen, Sportvereine oder Chöre – Oranienburger, die einen Austausch oder Projekte mit einer der vier Partnerstädte planen, können bei der Stadtverwaltung Zuschüsse beantragen.

4. Platz: Bagnolet
Beziehungsstatus: Derzeit getrennt

Obwohl das Bündnis mit Bagnolet zu den ältesten Städtepartnerschaften Oranienburgs zählt, ist es nicht das aktivste. Die Einladung, die Bürgermeister Hans-Joachim Laesicke zur geplanten 50. Jubiläumsfeier in diesem Jahr verschickte, ließen die Franzosen unbeantwortet.

Das hat aber weniger mit französischer Koketterie zu tun. Im Gegenteil: Die Einwohner des Vororts östlich von Paris plagen derzeit ganz andere Sorgen, die ihnen offenbar keine Zeit für eine romantische Auffrischung der Liaison mit Oranienburg lassen. Das dicht bebaute 35000-Einwohner-Städtchen im Département Seine-Saint-Denis kämpft mit sozialen Problemen. Von den Straßenkrawallen, die in den vergangenen Jahren in den Pariser Vororten immer wieder aufflammten, war auch Bagnolet betroffen.

Vom Busbahnhof Paris-Gallieni, der auf dem Gebiet der Gemeinde Bagnolet liegt, verkehrt täglich ein Linienbus nach Berlin und umgekehrt.

Eifersüchtig könnten die Oranienburger allerdings auf Bagnolets Partnerstadt in Mali sein: Die Franzosen spendeten ihren Freunden in Massala gebrauchte Nähmaschinen. Auch die Oranienburger waren damals aufgefordert, zu helfen. Hunderte Maschinen kamen bis 2012 zusammen und sind dann nach Afrika verschifft worden. js

„Unsere Musik kam bei den Melnikern gut an, wir sind mit vielen ins Gespräch gekommen und haben Kontakte mit anderen Musikern geknüpft“, schwärmt Bassist Daniel Wiesjahn vom Besuch. Und weil das tschechische Bier immer eine Reise wert sei, will die Oranienburger Band auch im nächsten Jahr wieder ein Konzert in Melnik geben.

Von Josefine Sack

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