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Wenn die Fronten verhärtet sind

MAZ im Gespräch mit Streitschlichter Winrich Ipsen Wenn die Fronten verhärtet sind

Er ist der einzige Seniorpartner in School (SiS) in Oberhavel. Jeden Mittwoch kümmert er sich in der Mühlenbecker Käthe-Kollwitz-Grundschule um die großen und kleinen Sorgen von Schülern. Der Jurist Winrich Ipsen (74) wünscht sich Verstärkung. Er bezeichnet sein Ehrenamt als große Herausforderung.

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Winrich Ipsen wohnt in Schildow und ist  mit Leib und Seele Streitschlichter an der Käthe-Kollwitz-Grundschule in Mühlenbeck.

Quelle: Enrico Kugler

Sie sind seit 2011 Mediator an der Grundschule in Mühlenbeck. Was gab den Ausschlag dazu?

Winrich Ipsen: Auf der Jahresversammlung der Anwaltskammer hörte ich 2010 den Vortrag einer Richterin über Mediation bei laufenden Prozessen. Ich fand es faszinierend, dass eine über Mediation erreichte Einigung oft länger hält als eine gerichtliche Einigung.

Warum ist das so?

Ipsen: Bei einem gerichtlichen Vergleich macht der Richter einen Vergleich, der einer Partei vielleicht nicht passt. Der Mediator lässt die Streitparteien selbst eine Lösung finden. Es entsteht ein faires Ergebnis, bei dem keine Partei das Gefühl hat, der Verlierer zu sein.

Sie sind auch noch als Anwalt tätig. Warum entschieden Sie sich dazu, als Mediator mit Kindern zu arbeiten?

Ipsen: Mit Kindern zu arbeiten, das ist eine ständige Herausforderung. Das hält einen geistig und seelisch fit. Ich wollte beruflich kürzer treten, aber noch etwas tun, bei dem meine Lebenserfahrungen von Nutzen sind. Ich habe kleine Enkelkinder. Wenn diese mal Probleme haben sollten, vielleicht kann ich ihnen dann auch helfen.

Mit welchen Problemen kommen die Schüler denn zu Ihnen?

Ipsen: Es gibt Streit zwischen Jüngeren und Älteren. Dicke oder Dünne werden ausgegrenzt. Es gibt Schüler, die gerne rempeln oder andere verprügeln. Oft stecken persönliche Probleme dahinter. Manche Eltern über organisieren ihre Kinder, obwohl diese vielleicht mal spielen oder träumen wollen. Oder es wird zu Hause kaum gesprochen, weil die Eltern zu wenig Zeit haben. Es gibt Stress mit bevorzugten Geschwistern. Jedes Kind hat sein Päckchen zu tragen und bringt es mit in die Schule. Es gibt einen erheblichen Bedarf an Einzelgesprächen.

Wenn sich zwei Kinder geprügelt haben, wie läuft die Mediation dann konkret ab?

Ipsen: Ich hole beide Kinder in den Raum und fordere sie auf, sich hinzusetzen. Jeder soll dann sagen, was los ist. Ich erkläre die Regeln. Ich betone, dass jeder freiwillig da ist und dass alles Besprochene im Raum bleibt. Es sei denn, die Kinder erzählen es selbst weiter. Einer spricht, der andere hört zu, bis ich unterbreche. So klären wir die Fakten. Dann soll jedes Kind sagen, was es gefühlt hat beim Streit. Meist kann der, der Freude am Schlagen hat, Gefühle nicht äußern. Ich hake nach. Der Prügler soll erkennen, wie der Geprügelte sich gefühlt hat. Oft geben sich die Kinder danach die Hand und versprechen, dass sich so etwas nicht wiederholen soll.

Schulleiter Rainer Körber ist begeistert von Ihrer Arbeit. Er erzählte, dass Sie Klassenräte installiert haben. Was ist ein Klassenrat?

Ipsen: Ein Klassenrat ist ein Gremium, für das die Kinder ihren Beitritt erklären müssen. Hier werden die Belange der Klasse, auch Verhaltensweisen der einzelnen Schüler besprochen. Wer dem Gremium nicht angehört, kann nicht mitreden. Es gibt einen Vorsitzenden, einen Protokollanten und einen Zeitwächter, der darauf achtet, dass die Tagesordnung abgearbeitet und nicht so lange geschwafelt wird. Bei Problemen mit einem Lehrer geht nach der Beratung im Klassenrat ein Sprecher zum Lehrer und erklärt, womit die Klasse ein Problem hat. Dazu gehört großer Mut. Und der Lehrer merkt, dass ihm ein Vorwurf in fairer Form gemacht wird.

Also der Klassenrat als frühe Form der Basisdemokratie?

Ipsen: Ja, durchaus. Ich stehe den Kindern dabei mit Rat und Tat zur Seite und empfehle auch den Lehrern, solch einen Klassenrat ruhig mal laufen zu lassen, damit die Kinder Dinge selber klären.

Seniorpartner

Der Verein Seniorpartner in School (SiS) ist eine ehrenamtlich tätige Organisation aktiver Senioren.
Ziele: Die Seniorpartner helfen, in Schulen Konflikte gewaltfrei durch Mediation zu lösen. Sie unterstützen junge Menschen in herausfordernden Lebenssituationen durch fördernde Einzelgespräche.
Die Ehrenamtler sind älter als 55 Jahre. Sie stellen ihre Zeit und ihre Lebenserfahrung der Generation der Enkel zur Verfügung.
Mediation: Das ist ein freiwilliges Verfahren zur konstruktiven Beilegung eines Konfliktes. Die Konfliktparteien wollen durch Unterstützung einer dritten allparteilichen Person zu einer gemeinsamen Vereinbarung gelangen, die ihren Bedürfnissen entspricht. Der Mediator trifft keine Entscheidungen bezüglich des Konfliktes, er ist nur für das Verfahren verantwortlich.
Der nächste Kurs zur Ausbildung von Mediatoren beginnt im Januar 2015. Die Kosten für die zwölftägige Schulung trägt der Verein. Dieser bittet um Anmeldungen von Interessenten unter 0331/95130559. Informationen unter www.sis-brandenburg.de.

Haben die Kinder ein Problem damit, dass Senioren Streitschlichter sind?

Ipsen: Ich glaube, dass das reifere Alter eher positiv für die Kinder ist. Wir erfüllen so eine Art Großelternfunktion.

Warum glauben Sie das?

Ipsen: Wir haben vom Alter her eine größere Distanz zu den Kindern. Das heißt, wir sind keine Aufsichtspersonen, die immer Recht haben. Die Kinder begreifen, dass sie bei uns frei reden können.

Sie werben dafür, sich im Pensionsalter zum Mediator an Schulen ausbilden zu lassen? Warum?

Ipsen: Weil man damit einen guten Kontakt zur jüngsten Generation aufbaut. Es macht Spaß, mit jungen Menschen zu arbeiten. Man hat viele Erfolgserlebnisse.

Zum Beispiel?

Ipsen: Ich bin immer wieder verblüfft, wie schnell Kinder das Wesen einer Mediation begreifen. Ich kümmere mich schon um angehende Mediatoren unter den Schülern. Mit Vivianaus der 6c, Konstantin aus der 5a und Melina aus der 6b üben wir dafür Rollenspiele, das klappt super.

Interview: Marion Bergsdorf

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