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Oberhavel Wenn die Idylle zum Schweizer Käse wird
Lokales Oberhavel Wenn die Idylle zum Schweizer Käse wird
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17:10 22.07.2013
Die Löcher sind das kleinste Übel findet Paul Dietrich. Immer an seiner Seite, der Belgischen Schäferhund „Rocky“. Quelle: Enrico Kugler
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Lehnitz

Die Idylle ist trügerisch. Überall rund ums Haus ragen sie aus der Erde: die harmlosen Stümpfe blauer Plastikrohre, die jedoch neun Meter in die Tiefe reichen. Daneben der reinste Ostseesand, den es beim Vortrieb der Spiralbohrer nach oben gespült hat. In ein paar Tagen beginnen die Mitarbeiter einer Spezialfirma in Meißen mit der Auswertung der Sondierungmessungen. Und Paul Dietrich hofft, dass dort unten nichts liegt, außer Sand.

Im Juni hat die systematische Munitionssuche in den Gartengrundstücken Am Alten Hafen in Lehnitz begonnen. Das Areal liegt in der höchsten Gefährdungsklasse, was den Bombenverdacht betrifft. Bis zum Herbst, so Angela Kühne, Sachgebietsleiterin Kampfmittel im Ordnungsamt, soll die Suche abgeschlossen sein. Auf dem rund 10.000 Quadratmeter großen Grundstück der Stadt haben 14Pächter ihren Garten mit Laube. Seit 1993 auch Paul Dietrich. Damals habe er die pure Wildnis auf 921 Quadratmetern übernommen. Musste sich regelrecht vorkämpfen zur alten Baracke, "in der Soldaten der Luftabwehr hausten". Müll, Schutt, Urwald hat der gelernte Autoschlosser beseitigt, später mit seinen Händen ein schmuckes Sommerhaus aus der Bretterbude gezaubert, mit Bad, Küche, Wohnzimmer. Erschüttern kann ihn deshalb heute eigentlich gar nichts mehr.

Aktuelle Räumstellen

  • Derzeit gibt es neun Räumstellen bei der systematischen Munitionssuche in der Stadt: Das Cluster Haller Straße mit 22 Grundstücken, die Grundstücke in der Bykstraße 6 und 8, Grundstücke in der Lehnitzstraße, Emsstraße, Weserstraße, Okerstraße, im Inselweg, Restgrundstücke an der Turm-Erlebniscity und Am Alten Hafen in Lehnitz.
  • Oranienburg gibt jährlich rund zwei Millionen Euro für die Bombensuche aus.
  • 326 Blindgänger werden noch im Boden vermutet. Im Zweiten Weltkrieg hatten die Alliierten etwa 10.500 Bomben auf Oranienburg, Zentrum der Rüstungsindustrie, abgeworfen. Die Hälfte trug chemische Langzeitzünder.

"Mit jedem der Gartenpächter gab es einen Vor-Ort-Termin, bei dem geklärt wurde, wo Baufreiheit geschaffen werden muss", so Christel Simon vom Ordnungsamt. "Erst hieß es: der Schuppen muss weg, und das hier auch", erinnert sich Paul Dietrich. Doch mit den Männern von Hirdes sei es ein gutes Arbeiten. "Ich hab dann unten die Bäume freigeschnitten, damit sie überall rankommen." Glück im Unglück für Dietrich: Abhängig vom Untergrund reicht das Bohrlochradar bis zu sieben Meter weit. Das Haus von Dietrichs Familie misst acht mal zehn Meter. "Deshalb reichen die Bohrpunkte rundherum. Die Bodenplatte blieb heil." Sind die Messdaten ausgewertet, ist der Garten dran. Zu den bisher 30 Löchern im Raster von zwei mal zwei Metern kommen dann noch viele dazu. "Unterm Grün wird im Abstand von 70 Zentimetern gebohrt", weiß Dietrich. Trotzdem haut ihn das nicht um. "Was willste machen. Besser jetzt als später. Dort am Fluss und an der Bahn", zeigt er, "überall haben sie früher was gefunden. Im Herbst haben wir auch Sicherheit." Die Löcher am Haus werden wegen der Statik mit "Brechsand" verfüllt, scharfkantige Mineralstoffe, die sich gut verfestigen. Die Löcher im Rasen mit Sand. Den legt Paul Dietrich dann wieder an. Und dann fühlen sich auch Frau und Kinder hier wieder sicher.

Wenn Hirdes abends Feierabend macht, kehrt Paul Dietrich trotzdem in den Garten zurück. "Aber ein Restrisiko durch die Erschütterungen beim Bohren bleibt eben." Das Schlimmste was passieren kann, "dass die mir sagen, das Haus wird in der Mitte durchgesägt", sagt der gebürtige Berliner und lacht. Davon geht er nicht aus und kocht den Männern von Hirdes erst mal einen Kaffee.

Von Heike Bergt

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