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Wie ein unbeschriebenes Blatt

Gedanken zum Jahreswechsel Wie ein unbeschriebenes Blatt

Was wäre, wenn wir in diesem Jahr alles anders machen? Ein neues Symbol finden für das, was uns wichtig ist? Die evangelische Pfarrerin Beate Wolf aus Menz macht sich in ihrer Kolumne Gedanken darüber. Nichts muss so bleiben, wie es ist – auch dafür steht das Kreuz.

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Beate Wolf, evangelische Pfarrerin aus Menz.

Quelle: Privat

Oranienburg. Puh, der ganze Trubel ist vorbei! Die Jahresrückblicke landen im Papierkorb direkt neben den Horoskopen und dem Zettel mit den guten Vorsätzen.

Ich räume die Kiste mit den Krippenspiel-Kostümen rüber in die Kirche, wo sie trocken und sicher im Turmraum gelagert wird.

Es ist ein klarer Vormittag und sehr kalt in der leeren Kirche. Noch vor wenigen Tagen war hier alles von Kerzen erleuchtet, ein „Ah“ und „Oh“ kam von den Kindern, die Orgel spielte, Posaunen erklangen, ein spontaner Applaus nach der Predigt. Ein Zauber, wie er nur in der Heiligen Nacht wirkt. Nun die absolute Stille, das klare Winterlicht. Ein ganz anderer Zauber. Ich setze mich ein wenig in die erste Bank. Der Altar ist leer, nur von einem weißen Tuch bedeckt. Wie ein unbeschriebenes Blatt. Als ob alles neu beginnen kann.

Was wäre, wenn wir in diesem Jahr mal alles anders machen? Ein neues Symbol finden für das, was uns wirklich wichtig ist? Nicht das Kreuz, das viele mit Leid und Tod verbinden.

Was also beten wir modernen Menschen wirklich an, was gehört ehrlicherweise auf den Altar?

Gesundheit, sagen die meisten. Das stimmt auch, Gesundheit ist kostbar. Aber anbeten möchte ich sie nicht, also zum Mittelpunkt meines Lebens machen. Denn Was wäre dann mit den Kranken? Sind die dann ausgeschlossen? Ich habe zu viele gesunde Menschen unglücklich erlebt, aber viele Kranke hilfsbereit und lebensmutig.Was wäre mit Familie, das steht im Fernsehen immer im Mittelpunkt.

Familie ist kostbar, ich kann nicht glücklich sein, wenn meine Kinder oder mein Liebster unglücklich sind. Aber ich bin nicht dazu da, um sie glücklich zu machen. Wenn ich „Familie“ auf den Altar stelle, kann es passieren, dass ich die anderen nerve mit meinen Sorgen und Ansprüchen. Lieber nicht!

Nach und nach stelle ich im Geiste auf den weißen Altar:

Glück! Doch je mehr man das Glück verfolgt, desto schneller läuft es davon. Geld! Ganz feine Sache, taugt aber nicht zum Anbeten, sondern nur zum Ausgeben.

Frieden, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung! Kommen gern auf meine Nebenaltäre, aber eine verbissene Kämpferin für das Gute zu werden liegt mir nicht. Und außerdem: So wichtig bin ich nun auch wieder nicht, dass ich selbst als Retterin auf den Altar gehöre. Immer noch sitze ich in der stillen Dorfkirche vor dem weißen Altar. Im Sommer stehen hier das schlichte Kreuz, ein paar Blumen, Kerzen.

Will ich das Kreuz anbeten? Das Symbol dafür, dass unser Gott lieber gelitten hat und gestorben ist, als zu kämpfen und Macht auszuüben? Er hat nicht mit Gewalt für das Gute gekämpft. Vielleicht weil Gewalt immer Gewalt nach sich zieht. Gewaltverzicht stoppt aber die Spirale, selbst wenn einer sich dafür opfern muss. Wie sähe unsere Welt denn aus, wenn die Mächtigen freiwillig verzichten und die Sieger sich ergeben?

Gut sähe sie aus.

Mitten in der kalten Kirche wird mir warm und ich beginne zu lächeln, als ich mir das vorstelle. Ich weiß jetzt, was ich auf den Altar stellen möchte. Nichts muss so bleiben wie es ist. Der scheinbare Verlierer ist in Wahrheit der Retter. Dafür steht das Kreuz.

Ich freue mich auf das neue Jahr.

Von Beate Wolf

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