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Interesse statt „Plastic-Smile“

Willkommenskultur: Ökumenischer Gesprächsabend in Velten Interesse statt „Plastic-Smile“

Felisius aus Kenia, die seit 2009 in Deutschland lebt, zur Zeit in Hennigsdorf, ist in Deutschland bisher nur geduldet und kann weder eine Ausbildung machen, noch arbeiten gehen. Dabei sei sie doch jung und würde gerne wie alle anderen Menschen auch, alleine für ihren Lebensunterhalt aufkommen.

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Veltens Pfarrerin Ute Gniewoß spricht mit Grace und Felicius aus Kenia

Quelle: Ulrike Gawande

Velten. „Viele Menschen denken, dass ich Gast in Deutschland bin, dabei möchte ich aber viel lieber ihre Mitbürgerin sein.“ Felisius aus Kenia, die seit 2009 in Deutschland lebt, zur Zeit in Hennigsdorf, ist unglücklich darüber, dass die Asylverfahren so lange dauern würden. Deshalb sei sie bis jetzt auch nur geduldet und könne weder eine Ausbildung machen, noch arbeiten gehen. Dabei sei sie doch jung und würde gerne wie alle anderen Menschen auch, alleine für ihren Lebensunterhalt aufkommen. „Es ist schrecklich, so untätig zu sein“, erklärte sie am Dienstagabend den 20 Gästen bei dem einmal im Jahr stattfindenden ökumenischen Gesprächsabend der Veltener Kirchengemeinden im evangelischen Gemeindezentrum.

Verbindung zwischen allen Menschen weltweit

Zwar seien in Velten bisher nur wenige Flüchtlinge, derzeit Tschetschenen, alle in Wohnungen untergebracht, aber das würde sich vermutlich bei den zunehmenden Flüchtlingszahlen zukünftig ändern. Und so widmete man sich an diesem Abend dem Thema Flüchtlinge. Bernd Stummvoll, Pastor der evangelisch freikirchlichen Gemeinde, moderierte den Abend und gab den Gästen gleich zu Beginn die Aufgabe, sich Gedanken über das Wort „Willkommen“ zu machen, seien doch die Wortbestandteile „wollen“ und „kommen“ unübersehbar. Mit einem Zitat aus dem Hebräer-Brief des Neuen Testamentes suchte er eine Verbindung zwischen allen Menschen weltweit, stellte sie auf eine Stufe: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ Viele Menschen seien auf der Suche nach Heimat. Gezwungenermaßen. Als Flüchtlinge und Vertriebene. Sie wurden durch Hungersnöte, Verfolgung, Krieg und Gewalt aus ihrer Heimat vertrieben. Manche, darunter auch viele Deutsche, seien aber auch in der heutigen Mobilitätsgesellschaft freiwillig unterwegs, in der Hoffnung auf Arbeit oder andere Lebensbedingungen.

Erst einmal lächeln

Was aber können Kirchen ausstrahlen, um Flüchtlinge willkommen zu heißen? Was könne man als Gemeinde tun, um ihnen eine Bleibe oder auch Heimat zu geben? Erst einmal lächeln, waren sich die anwesenden Flüchtlinge und die Zuhörer einig. Aber ein ehrlich gemeintes Lächeln. Kein „Plastic-Smile“, wie es Felisius nannte. Oft sind es also schon die kleinen Gesten, die eine Basis einer Willkommenskultur ausmachen. Und dann Interesse zeigen. Echtes Interesse. Denn oft werde sie auf der Straße angesprochen, erzählte Felisius, und ausgefragt: Warum? Wieso? Weshalb? Das sei oft unangenehm, wenn dies nur oberflächlich, ohne wirkliches Interesse geschehe.

Grace, die vor fünf Jahren aus Kenia kam, bedauerte auch, dass sich außer auf Behörden, in Supermärkten oder Schwimmhallen nur wenig Kontaktmöglichkeiten zu Deutschen ergeben würden. Wo sie sich denn willkommen gefühlt habe? Ihre erschreckende Antwort: „Im Krankenhaus!“ Dort sei man aufmerksam gewesen. Erst zweimal sei sie stattdessen bei Deutschen zu Gast gewesen. Beide Male waren es Einladungen zum Essen bei Gemeindemitgliedern. Gerne wäre sie auch selber öfter Gastgeberin. Nur seien die Wohnheime dafür nicht gerade ideal.

Aktiv in der Hennigsdorfer Flüchtlingsarbeit

„Wir können noch so viel mehr tun“, erklärte daher Fernando Yago Canto, Pfarrer der katholischen Kirche, der selber aus Brasilien kommend, schon oft Gastfreundschaft genießen konnte. Zwar seien viele seiner Gemeindemitglieder sehr aktiv in der Hennigsdorfer Flüchtlingsarbeit, als Gemeinde selbst, stünde man jedoch erst ganz am Anfang. Am Anfang steht auch die Willkommensinitiative-Oberkrämer-Leegebruch-Velten, kurz „WOLV“, die sich zu Jahresbeginn gegründet hat, und in der sich Jagos evangelischer Pfarrer-Kollege Christoph Poldrack, stark engagiert. Vieles sei in Planung vom Willkommensfest bis zu Fahrradsammlungen, berichtete er. Und es würden auch Paten für die Flüchtlinge, die ab November in Leegebruch/Bärenklau erwartet werden, gesucht.

Seit Jahren aktiv ist Pfarrerin Ute Gniewoß, nicht nur mit ihrer Arbeitsgruppe „Flucht und Migration“, die unter anderem eine Beratungsstelle für Flüchtlinge bei der Hennigsdorfer PUR anbietet. Auf der „Mixed Pickles“-Woche wird Jahr für Jahr die jüngere Generation für das Thema sensibilisiert und in Notgeratene finden auch einmal Herberge in der Gemeinde. „Wer helfen will, wende sich an uns“, so Ute Gniewoß. Ein sogenannter Ehrenamtspool sei im Aufbau. Man würde gerne Kontakte zu Flüchtlingen herstellen, die sich stets über Unterstützung, nicht nur bei Ämtergängen oder beim Sprache lernen freuen würden. Felisius bestätigte dies. Wenn alle Kirchengemeinden sich also zusammentun, Erfahrungen teilen und Wissen nutzen, kann noch viel erreicht werden.

Von Ulrike Gawande

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