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Zeitreise in eine fremde Kindheit

Borgsdorfer Grundschüler gestalten Theaterstück aus den Erinnerungen von Ruth Winkelmann Zeitreise in eine fremde Kindheit

Die Theatergruppe der Grundschule Borgsdorf hat Premiere mit einem Stück nach dem Buch der Hohen Neuendorferin Ruth Winkelmann. Als Halbjüdin überlebte sie die Nazizeit, weil ihre Mutter zwei Vorladungen zur Deportation ihrer Kinder ignoriert und die beiden Schwestern stattdessen in einer Gartenlaube in Berlin Wittenau versteckt. Ein Mädchen starb kurz vor Kriegsende dennoch – an Diphterie.

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In ihrem Berliner Lieblingsrestaurant war Familie Jacks plötzlich unerwünscht.

Quelle: Robert Roeske

Borgsdorf. Eine beeindruckende, bewegende Reise in eine düstere Zeit unternehmen Sechstklässler der Borgsdorfer Grundschule mit einem Theaterstück, das am Donnerstagabend Premiere hatte. Die 13 Mitglieder der Theater AG brachten zentrale Episoden aus den Kindheitserinnerungen von Ruth Winkelmann auf die Bühne. Sie war 1928 als Kind eines jüdischen Vaters geboren worden und wuchs in Hohen Neuendorf auf – wohlbehütet und ahnungslos, wie sie selber sagt. Einige einschneidende Erlebnisse machen ihr jedoch schlagartig die dramatischen Auswirkungen der Nazi-Diktatur auf das jüdische leben bewusst. Einige davon spielen die Grundschüler in ihrem Stück nach.

Die erste Szene beginnt in der Gegenwart. Die Kinder verabreden sich zu einer Tanzprobe. Dabei stürzt ein Mädchen, ausgerechnet auf einem Stolperstein, der an das Leben von Familie Jacks erinnert, der Familie von Ruth. Die Tänzer durchstöbern das Haus neben dem Gedenkstein und tauchen so in die Kindheitserinnerungen ein. Teilweise werden Textpassagen vorgelesen, parallel spielen sie die Szenen nach. Die Einschulung in einer jüdischen Mädchenschule in Berlin, die S-Bahn-Fahrt zurück nach Birkenwerder, die Autofahrt durch Berlin am Morgen nach der Pogromnacht, die beängstigende Flucht aus der von SA-Männern besetzten Schule über staubige Dachböden.

Am Ende des 45-minütigen Stückes schließt sich der Kreis wieder in der Gegenwart: Die Tänzer verabreden sich dazu, Ruth Winkelman einzuladen. In der Schule soll die 87-Jährige den Kindern aus ihrem Leben erzählen. Damit wird zugleich die Brücke geschlagen zur Realität. Denn Ruth Winkelmann war bereits mehrfach in der Borgsdorfer Grundschule zu Gast, auch zur Theaterpremiere am Donnerstag. Insgesamt rund 70 Eltern und Großeltern hatten die gelungene Vorstellung verfolgt, sagt Schulleiterin Sibyll Pelka-Maywald vor der zweiten Aufführung vor Schülern am Freitagvormittag. „Die Hälfte hat geweint und die übrigen waren mit Gänsehaut dabei“, beschreibt sie die Reaktionen des Publikums. Deshalb entstand die Idee, das Stück am 23. Juni um 10 Uhr nochmals aufzuführen und dazu Kinder von Nachbarschulen einzuladen.

Auch Ruth Winkelmann habe sich sehr bewegt über die Leistung der Kinder gezeigt. „Zum Abschied hat sie uns alle gedrückt“, sagt Luca Kottwitz (12), der unter anderen ihren Großvater verkörpert hatte. Im Unterricht habe sie bereits aus ihrem Buch vorgelesen. Das trägt – wie das Theaterstück – den Titel „Plötzlich hieß ich Sara“. Die Bühnenversion habe sie seit vergangenen Herbst gemeinsam mit den Kindern erarbeitet, sagt Theaterpädagogin Annette Krüger. Einmal pro Woche wurde im Zuge der Begabtenförderung geschrieben, geprobt und an den Requisiten gearbeitet. Die 47-Jährige leitet insgesamt sechs Theatergruppen an drei verschiedenen Schulen, zwei Gruppen allein in Borgsdorf. Die Fünftklässler haben „Das fliegende Klassenzimmer“ einstudiert. Premiere ist am 18. Juni, ebenfalls um 18 Uhr und ebenfalls in der alten Turnhalle.

. Ein Theaterstück mit ie erinnert sich an die Zeit, in der sie zusammen mit ihrer Familie in Hohen Neuendorf lebte, und daran, was mit ihrer Familie bis 1945 geschah. Sie waren eine große Familie. Bis Georg und Ernestine Jacks nach Theresienstadt verschleppt wurden und dort zugrunde gingen. Bis Sohn Hermann in Auschwitz ermordet wurde.

Ruth Winkelmann erinnert sich an den Morgen nach der Reichspogromnacht am 9. November 1938. Im Auto fuhr sie durch Straßenzüge mit zerschlagenen Fensterscheiben zur Schule. Sie berichtet über die Belagerung dieser Schule von SA-Schlägern, an ihre Flucht über Dachböden. Sie erinnert sich auch daran, wie ihre Großeltern von ihrem Haus in Hohen Neuendorf Abschied nehmen mussten.

Sie war als „Geltungsjüdin“ ständig gefährdet und konnte diese Zeit nur überstehen, weil ihre Mutter couragiert handelte, weil es Helfer gab und weil sie manchmal einfach Glück hatte. Es ist ihr eigenes Leben, über das sie berichtet, und sie möchte dazu beitragen, dass das Geschehene nicht vergessen wird.

Ab September 1941 musste auch Ruth einen Stern tragen, auf dem „Jude“ stand.

Nach der Schließung jüdischer Schulen im Juni 1942 wurde Ruth zum Arbeitsdienst in einer Uniformfabrik verpflichtet. In Zwölf-Stunden-Schichten musste sie mit Zwangsarbeiterinnen aus Polen und Russland verdreckte, mit Krankheitserregern verseuchte Uniformen von der Front ausbessern. Das sei „äußerst ekelig“ gewesen, „Krätze und Läuse standen auf der Tagesordnung“.

Die Mutter war 1942 mit Ruth und ihrer jüngeren Schwester Ester in die Pappelallee nach Berlin gezogen. Es folgte eine Zwangsscheidung. Der Vater wurde im Februar 1943 nach Monowitz deportiert und nach Aussage eines Verwandten fünf Monate später ermordet. Die Mutter ignorierte zwei Vorladungen zur Deportation ihrer Kinder und brachte die Mädchen stattdessen in der Wittenauer Gartenlaube von Leo Lindenberg unter. Der NSDAP-Genosse „war unser Lebensretter“, sagt Ruth Winkelmann zurückblickend. Ihre Schwester starb kurz vor Kriegsende dennoch – an Diphterie.

Die Holocaust-Überlebende las am Freitag aus dem Manuskript für ihr Buch. Zahlreiche tragische und dramatische Episoden gaben den jungen Zuhörern wenigstens eine leise Ahnung vom damaligen Leben. Ruth Winkelmann setzt dabei bewusst auf Geschichten, die berühren. Sie selbst habe ein Vierteljahr gebraucht, um ihre Texte zu verfassen. Diese Zeit „war die Hölle“, sagte sie.

Von Helge Treichel

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