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Zu Gast bei Geflüchteten in Lehnitz

Persönliche Begegnung Zu Gast bei Geflüchteten in Lehnitz

Syrische Gastfreundschaft durfte ein MAZ-Reporter in der Gemeinschaftsunterkunft in Lehnitz erfahren. Die jungen Männer servierten Molokhia mit Reis sowie Hühnchenkeulen. Zum Abschluss gab es Kuchen. Es hat super geschmeckt. Die Bedingungen in der Unterkunft sind schwierig, was aber der Gastfreundschaft keinen Abbruch tut.

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Ahmad präsentiert stolz die Keulen, die noch in einer Tüte stecken.

Quelle: Helge Treichel

Lehnitz. Sie heißen Ahmed, Basem, Koteiba, Ibrahim, Hamzi, Edoard, Muhammed, Ahmed, Omair und Khero. Alle zehn jungen Männer wohnen seit einigen Wochen in einem Zimmer der Gemeinschaftsunterkunft für Geflüchtete in Lehnitz. Um ein wenig mehr Privatsphäre zu schaffen, nutzen die jungen Syrer ihre Schränke als Raumteiler. So geschickt, dass auch ein Durchgangsflur entsteht und die offenen Schranktüren zugleich ihre jeweilige Zimmerhälfte absperren. Noch enger wird es eine Etage höher, wo bis zu 24 Männer in einem Zimmer leben. Dort können die Schränke nicht so gut Privatsphäre schaffen. Und gegen die nie versiegende Geräuschkulisse helfen sie auch nicht.

Der Reis wird mit  Molokhia  und den Hähnchenkeulen serviert

Der Reis wird mit Molokhia und den Hähnchenkeulen serviert.

Quelle: Helge Treichel

Aber Basem, Ibrahim und Mohammad beschweren sich nicht. „Hier ist es warm und trocken“, sagt Mohammad. Und der Krieg in der Heimat sei weit weg. Weit genug jedenfalls, damit sie nicht zum Wehrdienst eingezogen werden können. Auch davor flohen sie: dem Dienst in der Armee von Staatspräsident Baschar al-Assad. Sie wollten nicht in die Verlegenheit kommen, auf Brüder oder Schwestern schießen zu müssen. In Deutschland sind sie sicher vor der Willkür des Militärs, vor Repressalien, dem täglichen Chaos. „Jede Minute kannst du getötet werden“, sagen sie. Oder du verschwindest einfach, wirst verschleppt. „Und keiner erfährt je, wo du bist und was passiert ist.“

Viele Familien sind vor dem Bürgerkrieg geflohen, vor den horrenden Lebensmittelpreisen, vor den täglichen stundenlangen Stromausfällen – davor, dass die öffentliche Ordnung zusammengebrochen ist. Der kurze Weg zur Universität dauert wegen ständiger Kontrollen Stunden. Schulen sind geschlossen. Deshalb verließen ganze Familien das Land.

Basem erklärte mir, wie das Essen mit dem Brot aufgenommen wird

Basem erklärte mir, wie das Essen mit dem Brot aufgenommen wird.

Quelle: privat

Viele Kinder gibt es auch in der ehemaligen Märkischen Kaserne, die vor zehn Jahren geschlossen worden war. Wo einst 730 Soldaten und gut 70 zivile Angestellte des Panzerartilleriebataillons 425 tätig waren, leben derzeit gut 700 Asylbewerber. Hinzu kommen mehr als 200 Menschen, deren Status bereits anerkannt wurde. Sie finden jedoch keine Wohnung und müssen deshalb in der Gemeinschaftsunterkunft bleiben.

Täglich trifft man die neuen Einwohner mittlerweile irgendwo in der Stadt. Aber wie es ihnen ergangen ist und wie sie in Lehnitz untergebracht sind, das wissen nur wenige Oranienburger. Die beste Gelegenheit, um mehr zu erfahren: jemanden persönlich kennenlernen. Ahmed, Basem und Koteiba lernte ich über eine Freundin meiner Frau kennen. Sie gibt seit einigen Monaten Deutschunterricht. Inzwischen gab es mehrere private Treffen. Die Leute, die wir kennenlernen durften, sind ausnehmend freundlich und zuvorkommend. Kürzlich luden uns die Syrer zu einem Essen in ihre Unterkunft ein. Es gab Reis und Fladenbrot mit Molokhia (eine Art Spinat) und in Tomatensoße gebackene Hähnchenkeulen. Und zum Schluss noch etwas Süßes – Kuchen. Exotisch, aber lecker.

Das Essen wurde in der Gemeinschaftsküche zubereitet, wo die Herde in einer langen Reihe stehen. Jeder Herd hat einen Zeitschalter, der immer wieder betätigt werden muss, aus Sicherheitsgründen. Alle Bewohner des Wohnblocks müssen sich hier selbst versorgen. Gemeinschaftlich sind auch die Duschen und die Toiletten, unterteilt nach Geschlechtern. Manchmal gibt es Stress, weil es unterschiedliche Auffassungen von Sauberkeit und Ordnung gibt.

Der Deutsch-Kurs unserer Freundin endet in dieser Woche. Die Leiterin ist begeistert, wie hoch motiviert ihre Schützlinge sind, die deutsche Sprache zu erlernen. Viele streben hohe Bildungsabschlüsse an: Manche müssen ihr Abitur noch beenden, andere ihr Studium. Wiederum andere haben ein Abi und wollen studieren, zum Beispiel Medizin. Manche sind auch bereits Krankenpfleger, Kaufleute oder Mechaniker und suchen Arbeit. Die Reihen der Deutsch-Klasse waren zum Schluss etwas gelichtet, weil die jungen Männer weggezogen sind. Zum Beispiel nach Wuppertal oder Duisburg. Viele wollen auch in die Heimat zurück, wenn es wieder sicher ist.

Beim Kochen in der Gemeinschaftsküche

Beim Kochen in der Gemeinschaftsküche.

Quelle: Helge Treichel

Die Lehnitzer Unterkunft wirkt nicht sehr wohnlich. Stellenweise fehlen Deckenverkleidungen, sodass Leitungen und Rohre frei liegen. W-LAN: Fehlanzeige. Nur mit privaten Zugängen können die Geflüchteten Kontakt mit der Heimat halten.

Auf den langen Fluren und auf den Straßen vor den Häusern spielen zahlreiche Kinder, manchmal mit einem Elternteil. Auch der große Sportplatz ist bevölkert, sobald es das Wetter zulässt. Gut, dass hier so viel Platz ist. Viele winken freundlich, als wir vorbeikommen. Überhaupt erleben wir viel Freundlichkeit – in der Küche, beim Essen, bei den zufälligen Treffen auf den Fluren. Als wir nach gut zwei Stunden wieder nach Hause fahren, geht mir eine Frage durch den Kopf: Die Syrer sind wirklich gute Gastgeber. Sind wir es auch?

Das größte Zimmer in der Gemeinschaftsunterkunft

Das größte Zimmer in der Gemeinschaftsunterkunft. Da der Raumteiler sich nicht mehr richtig schließen lässt, leben bis zu 24 Menschen quasi im selben Raum.

Quelle: Helge Treichel
Auch Kinder leben in der Gemeinschaftsunterkunft und spielen auf den langen Fluren oder auf dem ausgedehnten Gelände

Auch Kinder leben in der Gemeinschaftsunterkunft und spielen auf den langen Fluren oder auf dem ausgedehnten Gelände.

Quelle: Helge Treichel
Smartphones sind ein wichtiges Kommunikationsmittel für die Geflüchteten

Smartphones sind ein wichtiges Kommunikationsmittel für die Geflüchteten.

Quelle: Helge Treichel
Die Sanitärräume

Die Sanitärräume.

Quelle: Helge Treichel

Knapp 2000 Asylbewerber

Im Landkreis Oberhavel sind aktuell 1914 Asylbewerber registriert.

Davon leben 327 in Wohnungen, 718 in Notunterkünften und 869 in Gemeinschaftsunterkünften.

Im Jahr 2016 wurden 345 Personen als schutzbedürftig anerkannt und erwarben das Recht, sich eine Arbeit oder Wohnung zu suchen.

Die Anerkennung gilt in der Regel für drei Jahre und wird danach überprüft. Eine weitere Anerkennung erfolgt meistens ohne Befristung.

Von Helge Treichel

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