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Zustellerin aus Leidenschaft

Bergfelde Zustellerin aus Leidenschaft

Rosemarie Rothermel trägt seit 1990 die MAZ aus – und kennt die Tücken dieses Jobs. Vor dem Hintergrund der sporadischen Postzustellung in Bergfelde und anderen Orten möchte sie eine Lanze brechen für alle Zusteller und um Verständnis werben.

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Rosemarie Rothermel aus Bergfelde mit ihrem Dienstfahrrad.

Quelle: Helge Treichel

Bergfelde. Rosemarie Rothermel liebt ihre beiden Jobs: Tagsüber chauffiert sie als Busfahrerin Politiker, offizielle Gäste und Prominente aus aller Welt meist in Berlin umher. Vor dieser Arbeit legt die 58-Jährige noch eine Frühschicht ein und liefert in Bergfelde mit ihrem eigens präparierten Fahrrad die MAZ und andere Tageszeitungen aus. „Als Fahrerin sitze ich viel, da brauche ich diesen Ausgleich“, sagt sie. Erst kürzlich begegnete ihr zu früher Stunde eine Joggerin, mit der sie ins Gespräch kam: „Sehen Sie, ich mache auch Sport. Und ich kriege noch Geld dafür“, sagte sie der Frau.

Als sie am Dienstag dieser Woche auf dem Gelände des Bundesratsgebäudes zwei Stunden auf ihre Fahrgäste wartete, stieß sie bei der MAZ-Lektüre auf einen Artikel über die sporadische Postzustellung in Bergfelde. Und sie musste an die eigene Zustellertätigkeit denken. Auch da komme es mitunter kurzfristig zu Personalengpässen, wenn sich zum Beispiel am Morgen jemand krank meldet. So geschehen erst am vergangenen Freitag. Nachdem sie ihre eigenen rund 100 Haushalte beliefert hatte, übernahm sie spontan eine zweite Tour, weitere rund 100 Haushalte. Sie musste sich nicht nur auf die zum Teil unbekannten örtlichen Gegebenheiten einstellen, sondern konnte auch erst am Vormittag loslegen. Deshalb waren einige Zeitungen erst gegen Mittag ausgeliefert. „Dann ist es einfach unfair, wenn man auch noch beschimpft wird“, sagt sie.

Deshalb meldete sie sich in der Redaktion, um für die Zusteller – ob von der Post oder Zeitung – eine Lanze zu brechen und um Verständnis zu werben. Die Mitarbeiter würden schließlich trotzdem ihr Bestes geben. „Man macht das so gut und so verlässlich wie möglich. Und das unabhängig von Wind und Wetter, Schnee und Regen, Glätte und halsbrecherischen Unebenheiten, unbeleuchteten Grundstücken und unauffindbaren Hausnummern.“ Wenn es aber am Anfang einer langen Transportkette zu Verspätungen kommt, dann sei das oft beim besten Willen nicht mehr aufzuholen.

Bereits seit 1990 ist Rosemarie Rothermel für die MAZ unterwegs, allerdings mit einigen Unterbrechungen aus beruflichen Gründen. Zunächst war sie im Hauptjob Verkäuferin, seit 14 Jahren ist sie als Busfahrerin tätig. Sie fuhr auf Langstrecken, im Linienverkehr für die OVG und mit schwarzen Limousinen und Bussen für VIPs. Sie genießt es, wenn sie am frühen Morgen den Fahrersitz gegen einen Fahrradsattel tauschen kann- auch wenn sie dafür manchmal schon um 3 Uhr aufstehen muss – so wie jetzt gerade, wenn vorübergehend eine zweite Tour übernommen werden muss. Der Grund ist nicht nur die Bewegung, sondern auch die Stimmung. Der Sonnenaufgang, das Vogelgezwitscher. „Ich finde das wunderbar, obwohl es anstrengend ist“, sagt sie. Erst am Donnerstag habe sie am Hohen Neuendorfer Weg beobachten können, wie der Nebel aufsteigt. „Ich genieße die Natur“, so Rosemarie Rothermel. Das sei auch schon der Fall gewesen, als sie noch den Langstreckenbus nach Bayern lenkte und den Blick rechts und links der Autobahn schweifen ließ.

Angesichts dieser positiven Nebeneffekte lächelt sie nur über das Unverständnis einiger Mitbürger über den unbequemen Zweitjob. Schon öfter hat sie einen Spruch gehört. „Aber ich finde es gut, gebraucht zu werden“, sagt sie. Und wenn sie sich dann nach dem Zustelldienst noch ein paar Schluck Kaffee gönnt, stelle sich auch ein Gefühl von Zufriedenheit und Stolz ein, an diesem Tag bereits etwas geleistet zu haben, vielen Menschen einen angenehmen Morgen mit aktueller Lektüre bereitet zu haben.

Von Helge Treichel

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