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200 Wittstocker besuchen Fabrikruine

Wittstock 200 Wittstocker besuchen Fabrikruine

Exklusive Blicke hinter die Kulissen eines einstigen Fabrikgiganten ermöglicht die Stadt Wittstock rund 200 interessierten Besuchern. Etwa die Hälfte von ihnen erkundeten am Donnerstag gruppenweise das leer stehende Gebäude. Es gibt noch einen zweiten Besichtigungstermin.

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Blick in eine der ehemaligen Fertigungshallen. Alles rottet, schimmelt und rostet.

Quelle: Björn Wagener

Wittstock. Die Schäden sind immens. Eindringendes Wasser hat das Dach des Sechsgeschossers teilweise völlig beseitigt. Diverses herabgefallenes Material liegt am Boden und verrottet. In den Etagen darunter nehmen die Deckenschäden zwar etwas ab, aber der Verfall ist allgegenwärtig. Nichts ist intakt. Alles rostet, schimmelt oder gammelt vor sich hin. Reste der früheren Ausstattung wie Mobiliar oder zerschlagene Waschbecken sind längst zu Dreck und Müll mutiert. Viele Fenster sind zerstört. Der Wind pfeift durch die Räume. Die Besucher schlagen die Kragen hoch.

Sicherheit ging vor

Sicherheit ging vor: Die Besucher trugen Helme.

Quelle: Björn Wagener

Eigentlich sollte sich hier niemand aufhalten. Der Zutritt zum Gelände der ehemaligen Wegner’schen Tuchfabrik und des späteren Möbelkombinates am Walter-Schulz-Platz in Wittstock ist verboten, weil er viel zu gefährlich wäre. Am vergangenen Donnerstag aber machte die Stadt als Eigentümerin eine Ausnahme – so wie noch an einem weiteren Termin: Sie ermöglichte Besuchern einen Rundgang durch das Fabrikgelände. Schließlich soll hier ein Schulkomplex entstehen, der die Polthier-Oberschule und die Diesterweg-Grundschule zusammenfasst – ein Mammutprojekt. Warum also nicht einmal einen Blick auf den Ausgangszustand werfen?

Eine überwältigende Resonanz

Die Resonanz auf das Angebot war überwältigend. 200 Menschen wollten sehen, wie es im Inneren des verwaisten Kolosses aussieht – zuviel für eine einzige Begehung. Deshalb wurden die Gäste in kleinen Gruppen von jeweils etwa 15 Leuten auf zwei Termine aufgeteilt. Mike Weber, Christina Schlumbach und Jean Dibbert von der Stadtverwaltung führten die Besucher durch die Räume. Die vorerst letzte Begehung am Donnerstagnachmittag musste allerdings wegen des Sturmtiefs „Xavier“ aus Sicherheitsgründen vorzeitig abgebrochen werden.

Dieser Schriftzug auf einer Tafel  erinnert an alte DDR-Zeiten

Dieser Schriftzug auf einer Tafel erinnert an alte DDR-Zeiten.

Quelle: Björn Wagener

Los ging es in der Touristinformation. Dort wurden die Gäste nicht nur belehrt, dass sie den Rundgang auf eigene Gefahr unternehmen, sondern es wurden auch Bauhelme ausgeteilt. Doch es gab noch weitere Sicherheitsmaßnahmen. Da nicht alle Bereiche ohne Gefahr begehbar sind, wurden die nicht zugänglichen mit Flatterband abgesperrt. Außerdem standen Mitglieder der Wittstocker Feuerwehr als Helfer und zur Sicherung bereit.

Nur Begehung, keine Führung

Im ehemaligen Speisesaal und der Küche wies Mike Weber noch einmal darauf hin, „dass das heute keine Führung, sondern lediglich eine Begehung ist“. Das heißt, Erklärungen zur Historie des Baues hielten sich in Grenzen. „Sie wissen da bestimmt besser Bescheid als ich.“ Die Touristinformation hatte jedoch unter den Überschriften „Es war einmal“ und „Es wird sein“ einige Informationen und Fotos zusammengetragen, die die Besucher auf den Rundgang einstimmen sollten.

Das Dach des Sechsgeschossers ist sehr stark beschädigt

Das Dach des Sechsgeschossers ist sehr stark beschädigt.

Quelle: Björn Wagener

Unter ihnen waren auch Hermann und Monika Köhring. Hermann Köhring wurde in der einstigen Möbelfabrik von 1957 bis 1959 zum Tischler ausgebildet. „Die Lehrzeit war hervorragend“, sagt er. Danach arbeitete der Wittstocker bis Mitte der 1960er Jahre dort, unterbrochen von der Armeezeit. „Wir haben noch einen Schrank, den er 1965 gebaut hat“, sagt Monika Köhring.

Nicht der erste Rundgang

Für ihren Mann war es nicht die erste Begehung des Objektes. Bereits im Jahr 2000 unternahm er einen Rundgang durch die alte Fabrik. Seither seien die Schäden viel größer geworden, vor allem am Dach. Aber auch der Gesamteindruck war sichtlich besser, wie Fotos belegen, die er zum erneuten Besuch mitgebracht hat. Erinnerungen werden wach. Köhring kann in jeder Etage des Sechsgeschossers genau sagen, wo sich was befand – der „Zusammenbau“, die „Lackiererei“ oder der „Maschinensaal“. Auch bei den anderen Besuchern geht es in Gesprächen um vergangene Zeiten. Immerhin befand sich in dem Gebäudeensemble zu DDR-Zeiten auch der IFA-Vertrieb für Ersatzteile für Wartburg und Trabant. „Es ist schon erschütternd, wie es dort jetzt aussieht“, sagt eine Frau nach dem Rundgang.

Die Besucher konnten sich im ehemaligen Speisesaal über das Objekt informieren

Die Besucher konnten sich im ehemaligen Speisesaal über das Objekt informieren.

Quelle: Björn Wagener

Doch die schlechteste Zeit hat der Riese an der Dosse hinter sich. Laut Mike Weber stünden Sicherungsmaßnahmen bevor, die zumindest noch größere Schäden verhindern sollen. Der Sechsgeschosser soll vor­aussichtlich ab etwa 2025 zum Schulstandort umfunktioniert sein; das Gebäude an der Straße werde dann unter anderem als Verwaltungssitz dienen. Was aus der ehemaligen Villa werden soll, sei bislang noch unklar. Kleine Nebengebäude im näheren Umfeld sollen abgerissen werden. Für die Zeit der Landesgartenschau 2019 ist hinter dem Sechsgeschosser ein Parkplatz vorgesehen. Ein Sichtschutz zu dem alten Gebäude hin sei ebenfalls geplant.

Von Björn Wagener

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