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30 Nationen im Neuruppiner Heim

Alltag im Übergangswohnheim 30 Nationen im Neuruppiner Heim

Im Neuruppiner Flüchtlingsheim leben 220 Menschen aus 30 Nationen. Der Heimleiter und die beiden Sozialarbeiterinnen legen großen Wert auf Freundlichkeit und gegenseitigen Respekt. Schlägereien oder Probleme mit Nachbarn soll es dort noch nicht gegeben haben. Die Flüchtlinge lernen eifrig Deutsch – und lächeln immer wieder gern.

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Angelika Oehme (68) bringt jungen Afrikanern aus Eritrea deutsch bei und bereitet deren Ausbildung zu Pferdewirten vor.

Quelle: Christian Schmettow

Neuruppin. „Schauen Sie mal auf den ersten Teil meines Namens“, sagt Dagmar Rouvel-Haese. „Meine Vorfahren sind auch mal als Flüchtlinge gekommen. Denen hat auch mal jemand deutsch beigebracht.“ Mehr Motivation braucht die 62-Jährige nicht. Seit Ende September gibt die Alt Ruppinerin ehrenamtlich Deutschunterricht für Flüchtlinge im Neuruppiner Übergangswohnheim in Treskow. Mit ihr im Raum sitzen eine Frau mit Kopftuch aus Tschetschenien, ein Schwarzer aus dem Tschad, eine junge blonde Frau aus Russland, Afghanen, Albaner.

Vormittags ist es ruhig auf den Fluren des Treskower Plattenbaus. Deutsch zu lernen ist für viele Flüchtlinge das wichtigste Ziel. An zweiter und dritter Stelle kämen eine Wohnung, eine Arbeit, sagt Otto Wynen. Der 63-Jährige leitet seit Mai das Heim in Treskow. Das Haus gehört den Ruppiner Kliniken. Die lassen das Gebäude gerade wärmedämmen.

Die Fassade des Übergangswohnheims im Neuruppiner Stadtteil Treskow erhält momentan eine Wärmedämmung und einen neuen Anstrich

Die Fassade des Übergangswohnheims im Neuruppiner Stadtteil Treskow erhält momentan eine Wärmedämmung und einen neuen Anstrich.

Quelle: Christian Schmettow

Drinnen ist es sauber. Mehr auch nicht. Gemütlich geht anders. Die Flure sind nicht gestrichen, manchen Türrahmen sieht man an, dass sie nachträglich eingebaut wurden. Für 220 Bewohner gibt es einen Fitnessraum, einen Wäschekeller mit sechs Waschmaschinen und Trockner, eine leicht zu reinigende Gemeinschaftsküche mit Kochfeldern und Spülbecken, einen Computerraum, ein Spiel- und Hausaufgabenzimmer für die Kinder, die Unterrichtsräume. Es gibt ein schlichtes Untersuchungszimmer, in dem Ärzte der Ruppiner Kliniken einmal im Monat Sprechstunde haben. Auch ein Psychologe kommt regelmäßig vorbei. Neidisch müsse trotzdem niemand sein, auch kein Hartz-IV-Betroffener, findet Otto Wynen. Man dürfe nicht vergessen, dass jedem Flüchtling nur sechs Quadratmeter Wohnfläche zustehen. Das bedeutet, dass sich wildfremde, oft traumatisierte Menschen eine Wohnung teilen müssen – Christen mit Muslimen, wochenlang, monatelang, manchmal jahrelang. Ein Afrikaner lebt bereits seit acht Jahren im Treskower Wohnheim. In Berlin hat Otto Wynen Flüchtlinge getroffen, die seit 15 Jahren nicht aus dem Heim herauskommen.

Die Wohnungen der Flüchtlinge sind für das Personal tabu. „Die Bewohner machen dort selbst sauber. Wir sind ja kein Hotel“, sagt der Heimleiter. Nur im Notfall – wenn ihnen etwas komisch vorkommt und nie allein – würden Otto Wynen und die beiden Sozialarbeiterinnen Stefanie Kühl und Franziska Seidel eine der Wohnungen betreten.

Auch der Kreissportbund engagiert sich für die Flüchtlinge

In einem Raum im Erdgeschoss stehen gespendete Kinderwagen, im Büro der beiden Sozialarbeiterinnen stapeln sich Spielzeug und Kleidertüten. An einer Pinnwand hängen Fotos von Afrikanern beim Marathonlauf und beim Neuruppiner Drachenbootrennen. Die jungen Männer sehen durchtrainiert aus. Der Kreissportbund engagiere sich sehr für die Flüchtlinge, lobt Otto Wynen.

Im Büro des Wachschutzes stehen die Postfächer. Die Post wird täglich von vielen Bewohnern erwartet – mit Hoffnung und mit Angst. Behördenbriefe können Gutes oder Schlechtes bedeuten. Vor allem die Albaner hätten gerade eine schlechte Zeit. Weil ihre Heimat als sicheres Herkunftsland gilt, kommen jetzt viele Bescheide, dass sie gehen müssen.

Auch harmlosere Behördenbriefe stellen viele Bewohner vor Probleme. Stefanie Kühl stammt aus Wus-trau. Sie kann deutsch. Aber selbst sie versteht oft nicht, was das Amt von den Flüchtlingen will. Die Sozialarbeiterin hat es sich deshalb angewöhnt, dann bei der Behörde anzurufen. Sie bittet darum, doch einfach mal in zwei Sätzen zu sagen, was eigentlich in dem Brief steht.

Die Kinder übersetzen für ihre Eltern

Die Kinder lernen die deutsche Sprache am schnellsten. Mehr als 30 leben zurzeit im Treskower Heim. Vormittags sind sie in der Schule. Oft übersetzen sie für ihre Eltern die neue fremde Sprache. Mehr als 30 Nationen hat Otto Wynen im Haus gezählt. In Neuruppin leben überdurchschnittlich viele Afrikaner – aus Eritrea, Kenia, dem Tschad, Nigeria und Kamerun. Sie haben es oft am schwersten, wenn sie in die Stadt gehen. Zwei junge Eritreer wurden bei Kaufland vom Ladendetektiv festgehalten, weil der meinte, sie seien zum Klauen gekommen. Obwohl sie nichts mitgenommen hatten, kamen sie in Polizeibegleitung zurück nach Treskow, denn sie hatten keine Papiere bei sich. Die jungen Afrikaner sind verstört von diesem Erlebnis. Sie seien gläubige Menschen, sagen sie. „Wir stehlen nicht.“

Der Neuruppiner Heimleiter Otto Wynen und die Sozialarbeiterin Stefanie Kühl

Der Neuruppiner Heimleiter Otto Wynen und die Sozialarbeiterin Stefanie Kühl.

Quelle: Christian Schmettow

Syrer, Tschetschenen, Iraker, Afghanen und Albaner gehen durch die Flure. Sie lächeln, wenn sie jemanden vom Personal treffen. Stefanie Kühn, Franziska Seidel und Otto Wynen sprechen jeden mit Namen an. Schlägereien oder Probleme mit Nachbarn habe es in Treskow noch nicht gegeben, sagt Otto Wynen. Das Team des Übergangswohnheims legt größten Wert auf Freundlichkeit und gegenseitigen Respekt. Und tatsächlich: In dem Haus sieht man in zwei Stunden mehr Menschen lächeln als in der Neuruppiner Fußgängerzone am ganzen Tag. Bei Schülern des Evangelischen Gymnasiums ist das Übergangswohnheim inzwischen einer der beliebtesten Plätze für ein Schülerpraktikum.

Auch Eckhard Harnack ist von der Atmosphäre in Treskow angetan. Der FDP-Politiker aus dem Rheinsberger Ortsteil Kagar informierte sich vor Kurzem zusammen mit dem Rheinsberger Anwalt Hans-Georg Rieger (Freie Wähler) darüber, wie es in einem Flüchtlingsheim zugeht. Die beiden kamen nicht mit leeren Händen. Die Freude der Kinder über das gespendete Spielzeug habe ihn zu Tränen gerührt, berichtete Har-nack vor Kurzem im Sozialausschuss. Er könne nur jedem empfehlen, das Heim zu besuchen und sich selbst ein Bild zu machen.

Reiterhof ermöglicht eine Ausbildung zum Pferdepfleger

In Treskow melden sich auch Betriebe, die Arbeitskräfte suchen und nach jungen Leuten fragen. Das Problem: Selbst wenn die Flüchtlinge arbeiten dürften – Afrikaner können oft keine formalen Bildungsabschlüsse vorweisen, wie sie in Deutschland gefordert werden. Viele lernen ihr Handwerk daheim vom Vater oder vom Onkel.

Die ehrenamtliche Helferin Angelika Oehme hatte deshalb eine besondere Idee. Auch sie gibt an diesem Vormittag einen Deutschkurs für vier junge Männer aus Eritrea. Die Rentnerin benutzt dafür Lehrmaterial für Pferdewirte. Die 68-Jährige arbeitet mit dem Reiterhof in Radensleben zusammen. Der bietet den Flüchtlingen eine Ausbildung zum Pferdepfleger an. Pferdepfleger werden zurzeit bundesweit gesucht.

Draußen in der Eingangshalle begegnet Otto Wynen Jacupu aus dem Tschad. Jacupu wünscht sich ein Klavier. Der christliche Prediger möchte endlich wieder Musik machen. Wie lange er ohne Musik unterwegs war, ehe er nach Treskow kam, weiß der Afrikaner nicht mehr. In Libyen wurde er ins Gefängnis gesperrt. Dann gelang es ihm, mit einem Boot übers Mittelmeer nach Italien zu fliehen. Seit Mitte September lebt er in Treskow. Auch er lächelt.

Von Christian Schmettow

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