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97-Jährige strickt für Obdachlose

Gute Tat in Rheinsberg 97-Jährige strickt für Obdachlose

Auch in ihrem hohen Alter greift Charlotte Drewes zu Wolle und Nadel. Aus Spaß an der Freude und jetzt für einen guten Zweck: Sie strickt für Menschen, die kaum etwas haben und am 19. Dezember auf der legendären Weihnachtsfeier von Frank Zander im Berliner Estrel-Hotel zum 23. Mal beschenkt werden.

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Wie am Schnürchen läuft das Stricken bei Charlotte Drewes in Rheinsberg. Stricken ist ihr Hobby, seit sie denken kann.

Quelle: Peter Geisler

Rheinsberg. Fünf Stricknadeln hält Charlotte Drewes in den Händen, die alsbald leise klappern. Unglaublich, wie flink und wendig ihre Finger sind. Bequem sitzt sie in ihrem Sessel mit der langen Rückenlehne, das Fenster im Blick, die Füße hochgelegt. Dann wechselt sie doch auf den gepolsterten Hocker am Wohnzimmertisch. Gefällt ihr besser. „Mein Lieblingsplatz“, sagt die Rheinsbergerin und schmunzelt. Sie ist bewundernswert: Andere würden in ihrem Alter den Sessel bevorzugen. Sie nicht. Dabei ist sie schon 97 Jahre und strickt weiterhin wie eine Weltmeisterin. Für Familie, Freunde und nun für einen guten Zweck: für Obdachlose und Bedürftige. Am 19. Dezember lädt der Sänger Frank Zander zum 23. Mal rund 3000 Menschen, die kaum etwas haben, zu seiner legendären Weihnachtsgala ins Hotel Estrel in Berlin-Neukölln ein und schenkt ihnen unbeschwerte Stunden. Wie immer gibt es Gänsebraten, Showprogramm und warme Kleidung. Diesmal sind auch Socken von Charlotte Drewes dabei.

Die Socken für den Empfang bei Frank Zander liegen schon bereit

Die Socken für den Empfang bei Frank Zander liegen schon bereit.

Quelle: Peter Geisler

Für Obdachlose und Bedürftige ist diese Weihnachtsfeier wohl die schönste Bescherung des Jahres, kann sich die Rheinsbergerin vorstellen.„Sie wollte schon immer mitmachen und Wollsachen dafür spenden. Dieses Mal klappt es endlich, stimmt’s Omi?“, fragt Enkelin Monika Boese (57), die alle paar Tage bei ihr vorbeischaut und gerade zu Besuch ist. Oma Charlotte nickt. Die beiden haben die Zeitungs­annonce gelesen, in der zur Spendenaktion für die Weihnachtsgala aufgerufen wurde und sich gemeldet. „Meistens bin ich gut beschäftigt mit den Anfragen von Angehörigen, so dass ich keine Zeit habe, für andere zu stricken“, sagt Charlotte Drewes. Aber diesmal nahm sie sich die Zeit, um den Obdachlosen und Bedürftigen eine Freude zu bereiten. Ist doch schön, dass man weiß, das man etwas Gutes tut, wie sie mit ihrer festen, klaren Stimme sagt, in der nicht der Hauch eines Alters­zitterns zu hören ist.

Die Wolle kommt aus dem Supermarkt

Vier Wochen hat sie an den elf Paar bunten Socken gestrickt, die wie ein bunter Lichtblick aus einer Tüte herauslugen. Dort, in dem Eck neben ihrem Sessel, wo sie auch ihren Wollvorrat verstaut. „Die Wolle besorgt mir Monika meist im Supermarkt.“ Charlotte Drewes hat einen hohen Verbrauch. Immerhin strickt sie jeden Tag. Gleich nach dem Frühstück kurz nach acht Uhr geht es los. Sie kann gar nicht anders, agil wie sie ist. „Gestrickt habe ich eigentlich schon immer und Handarbeiten jeglicher Art gemacht, genäht und gestickt. Kissen, Deckchen, Bilder, Gardinen. Das habe ich mir alles selber beigebracht“, so die fröhliche Frau. „Außer das Nähen. Von Beruf war ich Schneiderin, habe dann aber umgeschult zur Köchin und bis zur Rente 1980 in der Küche eines Kindergartens gearbeitet.“ Einfach war ihr Leben nicht. Einst kam sie mit ihren Eltern aus Hinterpommern mit dem letzten Transport ins Auffanglager nach Erfurt, erzählt sie. „Das war 1947. Wir wurden auf Bauernhöfe verteilt und haben auf dem blanken Boden geschlafen.“ 1960 kam sie nach Rheinsberg, hatte ihre eigene Familie. Die beiden Kinder sind gestorben, ihre zwei Männer auch.

Mit den Nadeln ist Charlotte Drewes flink unterwegs

Mit den Nadeln ist Charlotte Drewes flink unterwegs.

Quelle: Peter Geisler

Oma Charlotte hat alle überlebt. Sie ist wirklich ein Phänomen. „Augen, Finger, Kopf – funktioniert alles noch. Ich bin immer gesund, bis auf ein paar Wehwehchen.“ Sie lacht herzerfrischend und antwortet auf die Frage nach dem Geheimrezept für ihr langes Leben: „Ich habe keins.“ Oder vielleicht doch: „Ich nehme mir täglich etwas vor. Der Mensch braucht eine Aufgabe.“

Zu tun hat Charlotte Drewes rund um die Uhr. Pausenlos ist sie in Bewegung. Sie lebt zwar seit 19 Jahren im Seniorenwohnhaus in der Mariefred-Straße, ist die Bewohnerin der ersten Stunde dort, versorgt sich aber selbst. „Ich putze, ich koche. Heute gibt es Milchreis zum Mittag. Fremde Hilfe brauche ich nicht.“ Außer wenn der Großputz in der Wohnung ansteht oder der Einkauf. Dann übernehmen Enkelin Monika Boese und ihr Mann. „Um mich herum sehe ich viele andere, ältere Leute , die phlegmatisch sind. Das könnte ich gar nicht. Ich kann nicht still sitzen“, sagt die fidele Seniorin. Sie erfreut sich lieber ihres Lebens und ihrer Hobbys.

Wenn sie nicht strickt, schreibt sie ihren 15 Brieffreundinnen

Wenn es nicht das Stricken ist, schreibt die 97-Jährige ihren 15 Brieffreundinnen. Mit der Hand. Seitenweise. Fast täglich. „Das Schreiben ist abwechslungsreich“, findet sie. Die jüngste ihrer Brieffreundinnen ist 52, die älteste 97 wie sie. Die beiden kennen sich noch aus der Schule und haben sich übers Schreiben wiedergefunden. Ihren Herzensfrauen in der Ferne berichtet Charlotte aus ihrem Leben, was sie bewegt. „Einer anderen Schreiberin habe ich auch schon mal eine Decke ausgestickt. Sie hatte angefragt und ich habe Ja gesagt.“

Viele von Charlottes Handarbeitswerken verschönern ihre gemütliche, heimelige Zweiraumwohnung. In der Schrankwand liegen gehäkelte Deckchen, die Couchgarnitur zieren Kissen mit gestickten Blumen, an der Wand hängen kunstvolle, gerahmte Bilder.

Auch dieses Sofakissen ist ein Werk der 97-Jährigen

Auch dieses Sofakissen ist ein Werk der 97-Jährigen.

Quelle: Peter Geisler

Oma Charlotte kribbelt es schon wieder in den Fingern. Kurz hatte sie ihr Strickzeug weggelegt, nun holt sie die orangefarbene Wolle wieder raus, an der fünf Stricknadeln hängen. Das neue Paar Socken ist für ihre Urenkelin. Charlotte Drewes hat acht Enkel, wiederum jede Menge Urenkel und Ururenkel. „Früher habe ich viel gestrickt für die Familie. Aber heutzutage will keiner mehr Wollpullover. Sie kaufen sich lieber Sachen. Aber Strümpfe mögen alle gern, vor allem Monika.“

Die Socken für die Obdachlosen auf der Weihnachtsgala von Frank Zander stehen schon bereit. Enkelin Monika wird sie heute mitnehmen, um sie in den nächsten Tagen an der Sammelstelle abzugeben, zusammen mit einem kleinen Gruß. Auch wenn Charlotte Drewes nicht bei der Weihnachtsparty im Neuköllner Estrel-Hotel dabei sein wird, ihre Gedanken sind es am 19. Dezember ganz bestimmt. Dann stellt sie sich vor, wie die Augen der Beschenkten strahlen, wenn sie die Strümpfe entgegennehmen, reinschlüpfen und die Wärme genießen.

Den Rollator braucht sie nicht

Die Stricknadeln klappern weiter. Nachher wird Charlotte spazieren gehen. Allerdings ohne Rollator. Der steht unberührt im Schlafzimmer. „Brauche ich nicht“, behauptet sie. Und wer sie beobachtet, stellt das nicht infrage. „Den nehme ich, wenn ich alt bin“, schiebt sie noch hinterher und man kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Am 11. September in drei Jahren steht Charlotte Drewes’ runder Geburtstag mit zwei Nullen an. „Oma hat gesagt, sie will noch mit 100 auf dem Tisch tanzen“, verrät Enkelin Monika Boese. Wird sie bestimmt. Mit dem Strickzeug in der Hand.

Von Anja Reinbothe-Occhipinti

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