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Ahne-Lesung in der Buchhandlung

Neuruppin Ahne-Lesung in der Buchhandlung

Ahne ist mit Gott auf du und du. In seinen Zwiegesprächen palavert der Berliner Autor mit ihm über Gott und die Welt. So ernst die Themen sind: Ahne schafft es, sie so zu behandeln, dass die Fans sich vor Lachen kringeln. Mal bierernst, mal beißend ironisch und mit viel Wortwitz legt er seinen Finger in alle Wunden. Am Mittwoch las und sang er in Neuruppin.

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Gelächter auch bei der Signier-Stunde: Viele Besucher kauften nach der Lesung Ahnes Bücher.

Quelle: Regine Buddeke

Neuruppin. Ahne spricht nicht. Er sprudelt. Die Worte purzeln einfach aus ihm heraus – gerade so wie die Gedanken aus seinem Hirn kommen. Ein Wort gebiert das nächste, es entstehen ellenlange Kausalketten, in denen der Autor von einem Thema zum nächsten hüpft. Das mag ein wenig planlos wirken – ist es aber keineswegs. Ahne hat immer ein Thema, dem er nachgeht – trotz Umwegen, Abschweifungen und Nebengleisen. Am Mittwochabend lauschten gut 70 Gäste in der Neuruppiner Fontanebuchhandlung dem Berliner, der derzeit gerade Rheinsbergs Stadtschreiber ist und lachten dabei mitunter Tränen.

Ahne hat bereits viele Bücher veröffentlicht

Ahne hat auch einen bürgerlichen Namen. Den verrät er aber nicht. Der 49-Jährige ist bekannt für seine „Zwiegespräche mit Gott“, die er regelmäßig bei Radio eins führte. Er war festes Mitglied bei den Surfpoeten – eine schöne Metapher übrigens für seine Art zu schreiben, bei der man tatsächlich glaubt, Ahne reite auf einer Riesenwelle aus Wörtern. Ahne gehört seit 1995 zum Stamm der Berliner Reformbühne Heim & Welt, die jeden Sonntag in der Jägerklause in Berlin-Friedrichshain stattfindet. Ahne ist Ur-Berliner – das hört man auch. Auch Gott ist Berliner – er wohnt in der Choriner Straße, wie Ahne glaubhaft versichert. Zur Lesung – angekündigt war: Ahne liest, singt und trinkt – konnte Gott als Dialogpartner dennoch nicht dabei sein, bedauert Ahne. „Zum ersten Mal hat er abgesagt. Er fährt auf dem Martinimarkt Riesenrad“, verrät sein Duz-Kumpel. Ahne tröstet sich mit Bier. Drei Flaschen stehen auf dem Tisch. „Ist ja so angekündigt worden, dass ich trinke“, entschuldigt er sich. Vertrag sei Vertrag.

Ahne in Aktion

Ahne in Aktion: er genießt es – das Publikum ebenso.

Quelle: Regine Buddeke

„Was wird uns erwarten?“, plaudert Ahne munter. „Ich werde sechs Stunden Programm machen. Singen. Meine Texte lesen.“ Ein paar aus dem neuen Buch „Ab heute fremd“, ein paar aus den Zwiegesprächen. „Ich fang besser gleich an.

Ahne liest, wie er schreibt. Und wie er denkt. Scheinbar aus dem Ärmel geschüttelt. Sein ganzer Körper geht mit – ein vertikales Vibrieren, fast hüpft er. Da ist nichts hölzern gedrechseltes, keine Wortblasen oder lyrische Metaphern. Ahne kommt zum Punkt. Auf „ballinisch“ und mit fast kindhafter Neugier nähert er sich seinen Themen an. Etwa den Bahn-Geschichten. „Meine Lieblingsauskunft: Verzögerung im Betriebsablauf“, sagt er und liefert eine umständliche Erklärung mit der Stimme eines Bahnhofssprechers. „Fühlt man sich doch gleich besser, wenn man den Grund kennt“, höhnt er. Andererseits: Wer wolle schon so genau wissen, dass die Verzögerung zustande kam, weil sich ein lediger Mann, Vater dreier Kinder namens Linus, Cynthia und Madlen, vor die Gleise geworfen habe, weil sich seine Freundin mit einem anderen ... es folgt eine detailverzierte Geschichte. „Darauf verzichte ich gern“, donnert er und kommt über einige Umwege stracks auf seine Problemzone zu sprechen. „Ich habe keinen Arsch in der Hose. Selbst wenn ich mir immer engere Hosen kaufe“, klagt er. Die Natur habe bei ihm etwas vermanscht. Normalerweise hätte er kein Problem damit, wenn ihm Frauen auf den Hintern starren. Das sei nicht sexistisch – nur peinlich. „Bei mir fehlt sowohl Inhalt als auch Form.“ Was er aber wirklich sexistisch fände: „Wieso gibt es für Frauen Push-up-BHs aber keine gepolsterte Hosen für Männer mit Problemzonen?“, wettert er.

Bis 2015 liefen seine Zwiegespräche mit Gott regelmäßig auf Radio Eins

„Hallo Gott“, sagt er und übernimmt dessen Part und den Dialog in Personalunion, indem er mal links, mal rechts vom Mikro Stellung nimmt. „Hallo“, sagt der mit gelassen-tiefer Stimme, die oft an einen Psychiater erinnert. Es geht ums Fernsehen. Gott ist da eher kulturpessimistisch. „Es ist das meistgesehene Medium“, eifert Ahne. „Aber nur, weil een Großteil körperlich nich in der Lage is, den Ausschaltknopf zu drücken“, kontert Gott – auf berlinerisch, klar. Es entspinnt sich ein köstlicher Dialog über den Jugendwahn im Alter. Man sehe gepiercte, parshipende und bizepsgepumpte Alte bei Techno-, Metal- und Hip-Hop-Konzerten. „Wo sollen die Jungen hin, Gott?“, fragt Ahne. „Jemeinsam mit den Alten abhängen“, rät der Allwissende. Ahne kniet sich voll rein: Er runzelt die Stirn, rollt die Augen, hüpft, fuchtelt mit den Armen. Seine Stimme ist extrem modulationsfähig. Immer wieder ist es frappierend, wie er brennende Probleme im locker-leichten Stil von „Frag die Maus“ auf den Tisch bringt und trotz düsterer Themen die Zuhörer ein ums andere Mal zum Lachen bringt. Ob Bienensterben oder die Vernichtung des Regenwaldes, Flüchtlingsproblematik oder der Krieg der Religionen. „Gott?“ – „Ja.“ – „Wird es irgendwann wieder so sein, dass man fliehen muss?“ – „Meene Wege sind unergründlich.“ Ahne bohrt weiter, wie ein Kind es tut: „Weil man an den falschen Gott glaubt?“ „Et jibt keen falschen Jott. Nur mir“, tönt Gott. „Hör ma zu, Sportsfreund. Dit sind allet Prüfungen, die ick euch ufferleje. Wenn ihr mir verstehen könntet, wär ick ja nich Jott.“

Seit 1995 gehört Ahne zur Berliner Reformbühne Heim und Welt

Wie versprochen singt Ahne auch. Nicht dass das seine Berufung wäre. Aber er macht das wett mit vollem Einsatz. Seine Hymne über Donald Trump etwa ist ein Meisterwerk an Ironie. Sein a-capella-Vortrag ist heroisch-pathetisch, der Text dem geistigen Habitus der Trumpschen Tweets angepasst. „Du Held der Herzen“, tremoliert Ahne. „Jeder macht mal Fehler. Außer du. Hallelujah“, jubelt er andächtig. Der Saal jubelt auch.

Ahne bricht eine Lanze für lustige Frisiersalonnamen und zitiert einen ganzen Schwarm davon. Er bricht eine Lanze für die Lyrik und liest ein paar seiner Gedichte, wie „Die Alternative“: „Sah ein Knab ein Röslein stehn“, singt er. Verheißungsvolle Pause. „Und ging weiter“, setzt er trocken nach. Er redet ohne Punkt und Komma, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Über Gott und die Welt. Und die Klimakonferenz in Finsterwalde, die sich als Gottes Sauftour entpuppte. „Ick fasset nich, Gott“, sagt Ahne indigniert. „Man lebt nur einmal“, erklärt Gott trocken. „Du lebst ooch nur einmal, Gott?“ „Klar. Ewig zwar. Aber ne Mehrzahl gibt’s von ewig nicht“, schulmeistert der.

Wenn Ahne singt, tut er das mit sehr viel komischem Pathos

Ein Bravourstück überbordender Fantasie ist die Hitparade mit den durchgeknalltesten Möglichkeiten zu sterben. Ahne spart nicht mit völlig abstrusen Ideen. Bananenschalen und bekiffte Busfahrer gehören zu den Requisiten.

„Ahne lohnt sich immer wieder“, sagt Ulrike Schweppe aus Dreibrück und strahlt: Ahne hat ihr „Für Ulli. Ick liebe Dir“ ins Buch signiert.

Von Regine Buddeke

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