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Allseits Kritik an der Gesundheitsversorgung

Diskussion in Neuruppin Allseits Kritik an der Gesundheitsversorgung

Patienten klagen über monatelange Wartezeiten, um einen Termin bei ihrem Arzt zu bekommen; Mediziner klagen über die ständig wachsende Bürokratie, und Kliniken klagen über die Vorschriften. Wo die Probleme bei der Gesundheitsversorgung besonders auf dem Lande liegen und wie sie behoben werden könnten, darüber diskutierten Experten in Neuruppin.

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Das Medizinische Versorgungszentrum (MVZ) in Neuruppin.

Quelle: Peter Geisler

Neuruppin. Die Tücken der Gesundheitsversorgung sind überall: Patienten klagen über monatelange Wartezeiten, um einen Termin bei ihrem Arzt zu bekommen; Mediziner über die scheinbar ständig wachsende Bürokratie und Krankenhäuser über Vorschriften, die ein besseres Zusammenarbeiten mit niedergelassenen Ärzten verhindern. Seit einem Jahr probieren die Ruppiner Kliniken beispielsweise, die ambulante und stationäre Behandlung für Tinnitus-Patienten besser miteinander abzustimmen und damit den Patienten zusätzliche Wege zu ersparen. „Wir haben das vorfinanziert“, sagt Gunnar Pietzner, Geschäftsführer des Neuruppiner Krankenhauses. Aber das Projekt muss wohl begraben werden. Denn keine Krankenkasse will bei der Finanzierung einsteigen. „Wir können das auf Dauer nicht allein leisten“, sagt Pietzner.

Servicestellen für Patienten, die keinen Termin bekommen

Auf das Problem hat am Mittwochabend auch Hilde Mattheis keine Antwort. Dabei hat die SPD-Bundestagsabgeordnete, die Sprecherin der Arbeitsgruppe Gesundheit ihrer Fraktion ist, zuvor über die vielen Gesetzesänderungen gesprochen, mit denen die Gesundheitsversorgung verbessert werden soll. Dazu gehören sogenannte Servicestellen, an die sich Patienten wenden können, wenn sie nicht innerhalb von vier Wochen einen dringenden Arzttermin bekommen, sowie das Ändern der Bedarfsplanung. Diese entscheidet, in welcher Region sich noch ein Kinder-, ein Haut- oder ein Allgemeinmediziner ansiedeln darf.

Mehrausgaben in Milliardenhöhe

  • Verabschiedet hat der Bund am 11. Juni gerade das „Versorgungsstärkungsgesetz“. Ziel sei „eine gut erreichbare medizinische Versorgung der Patienten auf hohem Niveau“, sagt Minister Hermann Gröhe (CDU).
  • Die Kosten für das Umsetzen der Vorhaben in den Jahren 2016 bis 2018 wird von den gesetzlichen Krankenkassen (GKV) mit mehr als drei Milliarden Euro beziffert.
  • Festgeschrieben werden soll künftig, wie viel Pflegepersonal eine Klinik vorhalten muss. Dazu wurde eine Expertenkommission eingesetzt. Diese soll bis 2018 Vorschläge machen. Die Ruppiner Kliniken haben schon jetzt Probleme, Pfleger zu finden. av

1000 Patienten pro Quartal

Die jetzige Planung ist mehr als 20 Jahre alt und berücksichtigt allein die Zahl der Einwohner einer Region – nicht jedoch das Alter der Bevölkerung und wie weit der Weg bis zur nächsten Arztpraxis ist. „Die Definition über eine Unter- und Überversorgung in einer Region befindet sich in einer Schieflage“, sagt Mattheis. Dem stimmt Ralf Greese zu. Der Chirurg aus Neuruppin verweist darauf, dass nach der gültigen Bedarfsplanung Ostprignitz-Ruppin mit fünf niedergelassenen Chirurgen als deutlich überversorgt gilt. „Doch jeder meiner Kollegen hat 1000 Patienten im Quartal in der Praxis“, betont Greese.

Sollten die Bundesländer eingreifen?

Der Bund will jetzt, dass die Länder stärker in die ärztliche Bedarfsplanung eingreifen. Derzeit haben sich allein die Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) der Bundesländer um die sogenannte Sicherstellung der flächendeckenden ambulanten ärztlichen und zahnärztlichen Versorgung zu kümmern. „Dass dieser Auftrag bei den KV liegt, das ist nicht mehr zeitgemäß“, sagt Dagmar Ziegler. Die SPD-Bundestagsabgeordnete aus Wittenberge (Prignitz), von 2004 bis 2009 Gesundheitsministerin in Brandenburg, hat das Forum in den Ruppiner Kliniken organisiert – und erntet sofort heftigen Widerspruch. „Sie können doch froh sein, dass die KV diese Aufgaben übernimmt“, sagt Gisela Polzin. Die Neuruppiner Fachärztin für Allgemeinmedizin ist Mitglied im Fachausschuss für die hausärztliche Versorgung bei der KV. Ziegler beharrt auf ihrer Meinung. „Die Länder müssen mit eingreifen. Die KV schaffen die Sicherstellung der ambulanten ärztlichen Versorgung doch gar nicht.“ Hartmut Wiegank drückt ein anderes Problem. „Ich vermisse mehr Lehrstühle für die Ausbildung von Allgemeinmedizinern“, sagt der Neuruppiner. Zugleich lobt Wiegank, dass die neu gegründete Medizinische Hochschule Brandenburg (MHB) die Praxisausbildung von Anfang an im Blick hat. „Wir sind Vorreiter“, sagt Medizinstudent Bertram Otto. Der 28-Jährige geht davon aus, dass nach Ende des Studiums an der MHB wesentlich mehr Absolventen die Allgemeinmedizin wählen werden als an anderen medizinischen Hochschulen.

"Spaß am Beruf genommen"

Zufrieden ist Allgemeinmediziner Wiegank dennoch nicht. Der Neuruppiner fordert mehr Freiheit für die Ärzte beim Verschreiben von Medikamenten. „Ich habe vier Regressverfahren zu laufen.“ Grund: Er hat an todkranke Patienten teure Arzneien verschrieben, obwohl sein Kontingent dafür bereits erschöpft war. „Mit den Verfahren wird uns der Spaß am Beruf genommen“, so Wiegank. Eine Regelung ist laut Experten aber notwendig. Denn im Schnitt nimmt jeder der 70 Millionen Versicherten täglich 1,5 Medikamente ein.

Von Andreas Vogel

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