Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Ostprignitz-Ruppin Als Bomben auf ein Dorf fielen
Lokales Ostprignitz-Ruppin Als Bomben auf ein Dorf fielen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:12 27.02.2018
Ortsvorsteher Werner Goldmann will Donnerstag am Gedenkstein Blumen niederlegen. Quelle: Christian Bark
Anzeige
Grabow

Es soll ein sonniger, klarer Tag gewesen sein, als am späten Vormittag des 22. Februar 1945 ein alliiertes Bombergeschwader über das Dorf Grabow hinwegflog. Völlig unerwartet ließen die Flieger etwa 100 Sprengbomben auf den kleinen Ort fallen. Die Bilanz des Angriffs: 19 Tote und viele Verletzte. Daran erinnerte sich auch zu seinen Lebzeiten noch Grabows langjähriger Ortsvorsteher Hans Bork, der inzwischen verstorben ist. Bei dem Angriff hatte er seinen Opa, seine Tante und seine Cousine verloren.

Die Bomben fielen am Ortsausgang in Richtung Königsberg. Quelle: Christian Bark

„Zu dieser Zeit hatte der junge Hans Bork immer diesen Weg genommen, um frische Eier zu holen“, zeigt Grabows jetziger Ortsvorsteher und Ortschronist Werner Goldmann auf die Straße zwischen altem Schulhaus und Gutshaus gegenüber der Dorfkirche. Dort und in Richtung Königsberg seien die Bomben aufgeschlagen. In den umliegenden Gebäuden seien alle Fenster durch die Druckwelle zerschellt. Rittergutsbesitzer Albert Theodor Martin Richnow soll dabei Glassplitter in Hände und Kopf bekommen haben. „Das Anwesen des Opas war zerstört, die jetzige Buswendeschleife ein einziger Trichter“, erinnerte sich Hans Bork vor 13 Jahren in einem Gespräch mit Grundschülern.

Viele Flüchtlinge lebten in Grabow

Ein Großteil der Bomben landete jedoch auf freiem Feld. „Trichter sind bis heute noch zu erkennen“, sagt Werner Goldmann. Sie würden jedoch mehr und mehr von Pflanzen überwuchert. Auch die Vermutung, dass im morastigen Gebiet rund um die Jägelitz noch Blindgänger unter der Erde liegen würden, habe sich gehalten. „Obwohl da mal Grabungen bis in vier Metern Tiefe vorgenommen wurden, die aber keine Funde ergaben“, berichtet der Ortsvorsteher.

Der inzwischen verstorbene Hans Bork (l.) sprach als Zeitzeuge oft in Schulen. Quelle: Christian Bark

Unter den 19 Toten befanden sich neun Grabower und zehn Flüchtlinge, die als „Evakuierte“ beschrieben wurden. „Bei Kriegsende lebten im Dorf rund 850 Leute“, beschreibt Werner Goldmann den plötzlichen Bevölkerungszuwachs durch vor der Roten Armee geflohenen Deutschen aus den Gebieten rechts der Oder. Abgesehen davon, dass der hiesige Totengräber wohl mit einer so großen Anzahl an Opfern überfordert gewesen sein muss, dauerte es auch aus propagandistischen Gründen sechs Tage, bis die Toten beigesetzt werden konnten. Der damalige Pfarrer Schmidt aus Dahlhausen schrieb dazu: „Die späte Bestattung lag daran, daß die nationalsozialistische Partei von sich aus eine Begräbnisfeier veranstaltete.“

In der Todesanzeige von 1945 wurden die Opfer zu Helden stilisiert. Quelle: Christian Bark

Er spekulierte auch über den Sinn des Angriffs auf ein kleines, unbedeutendes Dorf. Ob die alliierten Flieger im Flüsschen Jägelitz Bahnschienen erkannt haben wollen, eine in der Nähe operierende Kompanie der Waffen-SS, die die Bomber mit einer Flag von wechselnden Standorten beschoss gemeint war oder eine in Kyritz stationierte Flak, die allerdings nur aus Pappmaché bestand, getroffen werden sollte, lässt sich heute nicht mehr herausfinden. Auch der Pfarrer ließ es bei Vermutungen bleiben – „Da ich kein Englisch kann, noch viel weniger wissen kann, was hoch oben in der Luft gedacht ist“, schrieb er.

Auch Wittstock trafen die Bomben

„Das war wohl eher ein ganz großer, tragischer Zufall“, sagt Werner Goldmann. Der Sprit der Flugzeuge sei genau berechnet gewesen. Wenn sie mit voller Ladung nach einem nicht erfolgten Angriff hätten zurückkehren willen, hätte der Treibstoff wohl nicht mehr ausgereicht. Ähnliche Vermutungen hegt der Wittstocker Historiker Wolfgang Dost. Neben Grabow sei kurz darauf am selben Tag auch Wittstock angegriffen worden. Bei dem Angriff auf die damalige Ostmarksiedlung, heute Rosenplansiedlung – seien 50 Menschen gestorben. Womöglich waren es die selben Flugzeuge, die zuvor über Grabow ihre tödliche Last abgeworfen hatten.

In seiner Chronik hat Werner Goldmann die Berichte zusammengetragen. Quelle: Christian Bark

Symbolisch für die Grausamkeit und Sinnlosigkeit von Krieg und Gewalt war den getöteten Grabowern fünf Jahrzehnte nach dem Angriff eine Gedenktafel gewidmet worden. Sie befindet sich unter dem Denkmal vor der Kirche, das den Gefallenen des Ersten Weltkriegs gewidmet ist. „Zum Gedenken der Gefallenen und Vermißten des Krieges von 1939 – 1945 und der Bombenopfer vom 22. Februar 1945“, ist darauf zu lesen.

„Früher hatten sich mal zwei Frauen aus dem Ort darum gekümmert“, berichtet Werner Goldmann. Darunter Herta Jeute, die drei Verwandte bei dem Angriff 1945 verloren hatte. Weil nun aber Herta Jeute inzwischen verzogen sei und ihre Nachfolgerin ebenfalls gebe es keinen im Ort mehr, der zum Gedenken frische Blumen niederlegen wird. „Die Nachkommen der Leute haben keinen Bezug mehr zu dem Ereignis“, sagt der Ortsvorsteher.

Deswegen wolle er am heutigen Donnerstag einen Blumenstrauß vor dem Stein niederlegen. Auch werde wieder die Kirchenglocke läuten. Um 13 Uhr zur Erinnerung an das Geschehen vor nunmehr 73 Jahren.

Von Christian Bark

Sicher und flüssig in einem angemessenen Tempo und guter Betonung eine fremde Geschichte vorlesen, das haben am Mittwoch die acht besten Schüler ihrer Schule in Ostprignitz-Ruppin in Neuruppin getan. Schließlich ging es darum, den oder die Beste beim Kreisausscheid des Vorlesewettbewerbs zur küren. Freuen durfte sich Lilia Maas (11) aus Neuruppin.

27.02.2018

In den Streit um den Chefposten im Amtes Temnitz mischt sich jetzt der Landkreis ein. Die Kommunalaufsicht hat alle Bürgermeister zu einem Gespräch eingeladen. Es geht um die Stelle von Amtsdirektorin Susanne Dorn und um die Rolle von Thomas Voigt, dem Vorsitzenden des Amtsausschusses.

27.02.2018

Die Städte Pritzwalk und Wittstock wollen weiter im gemeinsamen Mittelzentrum zusammenarbeiten, aber nicht mehr zum halben Preis. Bislang erhalten die Städte jeweils nur die Hälfte des Mehrbelastungsaufwands von 800 000 Euro jährlich. Jetzt da das Land sogar Angermünde zum Mittelzentrum erklären will, wagen die Städte einen neuen Vorstoß.

27.02.2018
Anzeige