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Am Dranseer See gab fast eine Ölpest

Zeitzeuge zum Bombodrom Am Dranseer See gab fast eine Ölpest

Mit einer Treibstoffpipeline vom Dranser Bahnhof wollte die Sowjetarmee in den 1980er Jahren ihr riesiges Tanklager auf dem Bombodrom verbinden. Das hätte fast zu einer Umweltkatastrophe im Dranser See und den beiden Baalseen geführt. Rainer Kühn aus Walkmühle hat die Ölpest damals mit viel Zivilcourage verhindert. Das Museum Wittstock stellte nun Pläne des Tanklagers sicher.

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2004 begann die Bundeswehr mit der Räumung des Treibstofflagers, einige Tanks wurden als Löschwassertanks in der Heide vergraben.

Quelle: Repro: Museum Wittstock

Walkmühle. Wann genau er regelmäßige Spaziergänge mit seinem Hund am Dranser See unternommen hat, kann Rainer Kühn aus Walkmühle heute nicht mehr genau sagen: „Auf alle Fälle fuhren auf der Eisenbahnstrecke in Dranse noch Dampfloks, Anfang der 1980er Jahre, das kommt schon hin.“ Auf dem benachbarten Bombodrom übte noch die Rote Armee für den Krisenfall, Jets dröhnten über den Himmel. Mit den Offizieren der russischen Streitkräfte kam Rainer Kühn sehr häufig in Kontakt: „Mitunter haben wir zusammen gesessen.“ Dass dabei das eine oder andere Glas getrunken wurde, versteht sich fast von selbst. Kühn erinnert sich kopfschüttelnd: „Einmal hatte ein hoher Offizier ziemlich viel getrunken. Plötzlich kam er auf die Idee, zum Flugplatz in Wittstock zu fahren. Er hat dort eine MIG genommen, ist ein paar Runden über den Dranser See geflogen. Nachdem er den Flieger wieder weggebracht hat, kam er zurück und hat weiter getrunken.“

Doch auch, wenn man zusammen den einen oder anderen Wodka genommen hat: Achtsam ist Kühn immer geblieben. So kam es nicht von ungefähr, dass er bei seinen Hunde-Ausführgängen am Dranser See auch den Fotoapparat seiner Frau mit dabei hatte. Wie die meisten Hundebesitzer hatte auch Rainer Kühn seine Gegend genau im Blick, und so bemerkte er es auch ziemlich schnell, als mit dem Bau einer Pipeline vom Dranser Bahnhof in Richtung Bombodrom begonnen wurde.

Auf dem Gelände der Sowjetarmee war ein großes Tanklager angelegt worden, dessen Ausmaße erst nach dem Abzug der Armee richtig bekannt wurden. Das Museum Wittstock stellte nun Pläne des Tanklagers sicher. Rund 500 Tanks mit jeweils 60 Kubikmetern Dieselkraftstoff waren auf dem Übungsgelände vergraben worden, um die Versorgung von Panzern und anderen Militärfahrzeugen zu sichern. Die Tanks sollten über die Pipeline gefüllt werden, eine Pumpstation, um die lange Strecke zu überbrücken, wurde auch gebaut.

„Die Rohre waren völlig chaotisch zusammengeschweißt“, erinnert sich der heute fast 80-jährige Kühn. Einige lagen nur wenige Zentimeter unter der Erdoberfläche, manche waren mehrere Meter tief verlegt: „Und noch bevor die Rohrleitung komplett fertig war, begann sie an vielen Stellen schon wieder zu rosten.“ Als Ingenieur für Wasserversorgungsanlagen hatte Kühn einen guten Blick für den Zustand der Leitung. „Vor allem die Schweißnähte waren katastrophal“, erinnert er sich: „An einer Stelle war eine Rohrverbindung mit einer Naht, die eigentlich parallel laufen sollte, keilförmig geschnitten, die Lücke mit Schweißelektrode zugepopelt – geschweißt kann man das nicht nennen.“ Kühn untersuchte die Stelle mit den Fingern: „Sofort gab’s ein daumendickes Loch.“ Die schlimmsten Stellen dokumentierte er mit der Praktika fotografisch: „Weil das aber heikel war, hab ich die Negative daheim in ein Kupferrohr eingelötet und im Garten vergraben. Im Fall des Falles wäre ich auf der sicheren Seite gewesen.“

Verschweigen wollte er die Geschichte dennoch nicht: „Als Wasserbauingenieur weiß ich genau, wie viele Millionen Liter Wasser von einem Liter Diesel versaut werden können. Die beiden Baalseen, und der Dranseer See wären verseucht gewesen.“

Schlussendlich konnte Kühn das verhindern. Doch zunächst begann für den Gemeindevertreter und Feuerwehrmann eine Zeit des Klinkenputzens: „Egal, wohin ich kam oder wen ich fragte: Keiner wollte mir helfen.“ Die meisten, die er fragte, wollten lieber nichts sagen – sie fürchteten Konsequenzen, wenn sie Kritik gegenüber der russischen Armee äußerten.

Doch Kühn ließ nicht locker. Irgendwann gab es in Dranse eine Informationsveranstaltung der Kreisbrandschutzkommission mit einem hochrangigen Potsdamer NVA-Offizier in Sachen Brandverhütung. „Als ich mich zu Wort meldete, dachten alle, dass ich das Thema Pipeline nun öffentlich erörtern wollte. Einige haben sich damals schon ins Fäustchen gelacht. Aber ich bat den Offizier um ein vier Augen-Gespräch, in dem ich ihm die Situation schilderte.“

Der NVA-Mann aus Potsdam konnte Kühns Argumente gut nachvollziehen. Nicht nur wegen der Gefahr einer Ölkatastrophe auf den Seen rund um Dranse, sondern auch aus einem weiteren Grund: „Diese marode Pipeline kreuzte schließlich auch die Dampflokstrecke. Und man braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, was passiert, wenn eine funkenschlagende Dampflok eine Stelle kreuzt, auf der Treibstoffe ausgeflossen sind. Er hat mir sofort recht gegeben.“

Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt. Der Potsdamer Offizier schaltete das Wünsdorfer Oberkommando der Sowjetarmee kurzfristig ein, worauf an der Leitung zum Rapport gerufen wurde. Den Gemeindevertretern wurde deutlich gemacht, dass das Thema sehr ernst genommen werde. Der Bau der Pipeline wurde abgebrochen. „Damals wurde nicht einmal mehr Wasser durch die Leitung gedrückt, um Undichtigkeiten festzustellen“, erinnert sich Kühn heute: Das war allerdings offenbar in letzter Minute: „Die Inbetriebnahme stand nämlich kurz bevor.“

Dank der Zivilcourage des Walkmühler Anwohners ist der Dranser See heute ein beliebtes Badegewässer der Wittstocker, die Baalseen gehören zu den saubersten Gewässern der Region.

Die damaligen Fotografien hat Rainer Kühn inzwischen aus seinem Garten wieder ausgegraben – und sie dem Wittstocker Museum zur Verfügung gestellt.

Von Claudia Bihler

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