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Am Ernhaus tut sich was

Sieversdorf Am Ernhaus tut sich was

300 Jahre Baugeschichte finden eine Fortsetzung: Junge Freiwillige stabilisieren derzeit ein verfallenes Bauernhaus in Sieversdorf. Doch um konsequent dem Denkmalschutz gerecht zu werden, fehlt es noch an geeignetem Material.

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Freiwillige Helfer von der Jugendbauhütte Potsdam bemühen sich derzeit um die Sanierung des Fachwerks.

Quelle: Alexander Beckmann

Sieversdorf. Beim Stichwort „Hausflur mit drei Buchstaben“ weiß der Kreuzworträtselfan sofort Bescheid: Ern. Ansonsten ist das alte Wort inzwischen kaum noch gebräuchlich.

In Sieversdorf (Amt Neustadt) sieht das anders aus. Da gehören die Ernhäuser zum lokalen Kulturerbe. Vor rund 300 Jahren wurden sie gebaut, um den Siedlern, die mit der Erschließung der Feuchtgebiete im Dorf Einzug hielten, ein Heim zu bieten. Lange Zeit prägten sie das Ortsbild.

Einst prägend für das Dorfbild

„Aber ein Großteil wurde durch die vielen Brände zerstört“, weiß Annerose Knaak als Vorsitzende des Sieversdorfer Vereins „Leben im Ernhaus“. Nur noch fünf der einst so weit verbreiteten Häuser gibt es im Ort. Die meisten von ihnen wurden über die Jahrhunderte aber mehr oder minder stark verändert. Annerose Knaak und ihr Mann kennen sich aus: Sie bewohnen selbst so einen Fachwerkbau. Und: „Wir haben hier das Glück, dass wir drei Häuser in unmittelbarer Umgebung haben.“

Für das Haus direkt nebenan entstand auch der Verein. Denn es handelt sich um ein echtes Sorgenkind. Seit 2005 steht es leer. Schon damals befand es sich in einem vernachlässigten Zustand. Neue Nutzer fanden sich erst einmal nicht. Sogar eine Abrissgenehmigung lag schon vor.

Noch befindet sich das rund 300 Jahre alte Gebäude in recht erbärmlichem Zustand

Noch befindet sich das rund 300 Jahre alte Gebäude in recht erbärmlichem Zustand. Doch zumindest die Standfestigkeit soll demnächst wieder gewährleistet sein

Quelle: Alexander Beckmann

2008 kauften Knaaks die Ruine schließlich. Gemeinsam mit dem eigens gegründeten Verein machten sie sich daran, den historischen Bau zu bewahren. Mit vielen Helfern wurden das Haus entrümpelt, der Garten wieder freigelegt, ein später angebauter Stall abgerissen.

Auch Ideen für die spätere Nutzung entstanden: Warum nicht Senioren aus dem Dorf und seiner Umgebung dort unterbringen und bei Bedarf betreuen. Dann könnten sie in ihrer gewohnten Umgebung bleiben. Bislang gibt es in Sieversdorf kein Betreuungsangebot.

Verein musste zurückstecken

Der Verein hoffte mit diesem Konzept auf finanzielle Unterstützung aus dem Leader-Programm. Auch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz hatte er bald auf seiner Seite. Doch ansonsten ging es nicht so recht voran. „Wir haben leider keine Fördermittel bekommen“, sagt Annerose Knaak. „Wir mussten zurückstecken und wollen jetzt wenigstens die Außenhülle herrichten. Das ist erst einmal das Wichtigste, um das Haus zu erhalten.“

Denn der Verfall geht weiter. Durch das undichte Dach wurde die uralte Holzkonstruktion mehr und mehr in Mitleidenschaft gezogen. Die notdürftig angebrachten Planen konnten keinen dauerhaften Schutz gewähren. Der ganze Bau geriet in Schieflage. Einsturz drohte.

Damit soll nun Schluss sein. Schon seit Ende vergangenen Jahres arbeiten auf Vermittlung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz freiwillige Helfer der Jugendbauhütte Potsdam am Fachwerk. Zwar gab es Unterbrechungen, doch Stück für Stück reparieren und erneuern die jungen Frauen und Männer innerhalb eines Freiwilligen Soziales Jahres in der Denkmalpflege das komplette Ständerwerk. Die dazu nötigen Erfahrungen bringt Zimmerermeister Markus Schmelzer aus Potsdam ein. „Die arbeiten hier sehr tüchtig und sind richtig engagiert“, freut sich Annerose Knaak.

Eichenbalken „rar wie Goldstaub“

Auch jetzt im Winter ist der kleine Trupp Tag für Tag auf der Baustelle. Im Garten werden die Holzbalken aufgearbeitet, um dann wieder ihren Platz in den Hauswänden zu finden. Der Frost beißt. Die Arbeit halte warm, versichert Schmelzer. Sein Problem ist ein ganz anderes: das Material. Für denkmalgerecht saniertes Fachwerk braucht er geeignetes Eichenholz: jahrelang abgelagert und in der passenden Stärke. „Das ist im Moment wie Goldstaub.“

Der Verein schwimmt nicht gerade im Geld – um es vorsichtig auszudrücken. Die Zimmerleute am Ernhaus versuchen jedes Stück zu retten. Angefaulte Balken werden aufwendig abgebeilt, irgendwo aufgetriebene Reste wie in ein Puzzle eingepasst.

Doch das wird nicht reichen. Der Verein sucht dringend Material – vor allem für Konstruktionsarbeiten geeignetes Eichenholz. „Wichtig wären Balken, gern auch Restbestände“, sagt Annerose Knaak und lässt wenig Zweifel daran, dass der Verein keine Unsummen bezahlen kann. Vielleicht wäre ja ein Tausch drin? „Wir haben Dachziegel, Biberschwänze gesammelt. Aber der Denkmalschutz drängt auf ein Reetdach.“

Immerhin schaffen die freiwilligen Helfer jetzt überhaupt die bauliche Grundlage für die Wiedereindeckung. „Aber dafür fehlen uns noch die Mittel“, stellt die Vereinsvorsitzende klar. „Wir wären über jeden Euro glücklich. Auch kleine Summen helfen weiter. Das Dach ist zum nächsten Winter das Allerallerwichtigste.“

Eine ganz spezielle Bauweise

Das Wort „Ern“ bezeichnet einen Hausflur oder Gang im Haus. Er bildete einst das zentrale Element der langgestreckten, stets ebenerdigen Ernhäuser und ging direkt in die offene Küche über. Drum herum waren weitere Räume bis hin zum Stall angeordnet. Typisch für die Bauform ist zudem das asymmetrische Dach: Es hat eine lange und eine kurze Abseite. Auf der einen Seite gewann man so auf einfach Weise mehr Raum, auf der anderen ließ sich die Haustür unterbringen. Zu finden ist so etwas gleich am Beginn der Sieversdorfer Dorfstraße – bei Familie Knaak.

Der Verein „Wohnen im Ernhaus“ präsentiert sich im Internet unter www.wohnen-im-ernhaus.de.

Von Alexander Beckmann

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