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Angst vor Fremden – Angst vor Nazis

Zechlinerhütte erwartet Flüchtlinge Angst vor Fremden – Angst vor Nazis

Viele Bürger aus Zechlinerhütte und Luhme haben Existenzangst. Wo Flüchtlinge leben, will bald keiner mehr Urlaub machen, fürchten sie. Warum so viele, warum so lange – sind ihre zentralen Fragen. Knapp 300 Bürger wollten bei einer Versammlung mit dem Landrat über die Notwendigkeit diskutieren. Doch dafür blieb kein Raum, die Unterkünfte beschlossen. Nun wird geklagt.

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In Zechlinerhütte bei Rheinsberg sollen knapp 100 Flüchtlinge untergebracht werden.

Quelle: Christian Schmettow

Zechlinerhütte. Es bleibt dabei: Ende September werden die ersten Busse mit Bürgerkriegsflüchtlingen nach Zechlinerhütte und Heimland bei Luhme rollen. Zunächst 50 sollen im Haus am See in Zechlinerhütte wohnen, bis zum Jahresende dann 98. In Heimland werden 80 Flüchtlinge im ehemaligen Wellnesshotel Am Birkenhain unterkommen. Die Ortsbeiräte haben den Rheinsberger Bürgermeister nun beauftragt, juristisch dagegen vorzugehen, dass ihre Dörfer stärker betroffen sind als andere. Er soll vorläufigen Rechtsschutz beantragen. Das ist das Ergebnis der Bürgerversammlung am Donnerstagabend in Zechlinerhütte.

Mehr als 300 Menschen drängen in den Saal des Hauses am See. Viele müssen stehen. Ihnen gegenüber sitzen der Landrat Ralf Reinhardt und seine Mitarbeiter. Es scheint, als wären die Bürger und der Landrat auf zwei verschiedenen Veranstaltungen: Die Luhmer und Zechlinerhütter meinen, mit dem Landrat noch darüber diskutieren zu können, ob sie wirklich so viele Flüchtlinge bei sich aufnehmen müssen. Der Landrat ist gekommen, um zu erklären, wie das Leben der Asylbewerber in Heimland und Hütte organisiert wird. Dass die Flüchtlinge kommen werden, ist für den Kreis nicht mehr verhandelbar.

In Zechlinerhütte schlagen dem Landrat Ralf Reinhardt drei Stunden lang Unverständnis, Wut und Existenzängste entgegen

In Zechlinerhütte schlagen dem Landrat Ralf Reinhardt drei Stunden lang Unverständnis, Wut und Existenzängste entgegen. Er hält es aus.

Quelle: Christian Schmettow

Ralf Reinhardt erntet Zwischenrufe, er wird ausgebuht. Eine Stunde lang steckt er verbale Prügel ein. Ihm wird sogar unterstellt, er habe sich bezahlen lassen und das mit Fördermitteln gebaute ehemalige IJN-Hotel an einen Immobilienhai verschachert, der nun mit den Flüchtlingen seinen Reibach macht. Reinhardt weigert sich, den Namen des neuen Hotelbesitzers oder den Kaufpreis zu nennen.

Der Landkreis mietet die Hotels für sechs Jahre als Flüchtlingsunterkünfte. Die Verträge sind zwar noch nicht unterschrieben, aber die Sozialdezernentin Waltraud Kuhne lässt keinen Zweifel daran, dass sie sie unterschreiben wird.

In Zechlinerhütte lässt der neue Eigentümer das Haus am See bereits umbauen. Um das Gelände hat er einen 1,80 Meter hohen Zaun gezogen. Offizielle Schilder mit dem roten Adler weisen das ehemalige Hotel bereits als Übergangswohnheim des Landkreises aus. „Sozialarbeiter“ steht auf Arabisch an einer Tür.

Bürger haben Existenzangst

Viele Zechlinerhütter und Luhmer haben nackte Existenzangst. Wo Flüchtlinge leben, will bald keiner mehr Urlaub machen, fürchten sie. „Wir haben nichts gegen Flüchtlinge, aber warum so viele? Und warum für sechs Jahre?“, heißt es. In der Siedlung Heimland kämen 38 Einheimische auf 80 Flüchtlinge, die dort weder eine Busverbindung noch eine Einkaufsmöglichkeit hätten – nicht mal Handy-Empfang. „Wir leben alle vom Tourismus. Wovon sollen wir dann leben?“, ruft eine Frau. Zechlinerhütte leide bereits zwei Jahre lang unter der Straßensperrung. Das Verhältnis stimme nicht, wenn von 1080 Flüchtlingen im gesamten Landkreis fast ein Drittel in einer Kommune landet.

Angst vor fremdenfeindlichen Krawallen

Doch es gibt nicht nur Ängste vor den Fremden. „Was unserem Betrieb am meisten schaden würde, wären Nazis und fremdenfeindliche Krawalle“, sagt Freke Over vom Ferienland Luhme.

Wenn es in Heimland brennt, dann brenne dort die gesamte Waldsiedlung ab, fürchtet eine Frau. Ein Feuerwehrmann beklagt, dass niemand vom Landkreis bisher mit den örtlichen Feuerwehren gesprochen habe.

Die Rheinsberger Polizei versichert, sie könne die Sicherheit der Heime gewährleisten. Und die Kriminalität nehme in der Nähe von Flüchtlingsheimen auch nicht zu.

Martin Osinski von den Ruppiner Kliniken nennt die Ängste zum Teil „irrational“. Einbrecherbanden brauchen kein Asyl, um zu uns zu kommen, und wer vor Islamisten flieht, sei in der Regel selbst kein Islamist. Die Flüchtlinge sieht er als Chance für die Region. Die Kliniken fänden kaum noch Pflegeschüler. Und die IJN habe das Haus am See schließlich aufgegeben, weil sie keine Auszubildenden mehr fand. „Sie suchen doch Saisonkräfte“, ruft Martin Osinski.

Claudia Merz will die Flüchtlinge willkommen heißen

Claudia Merz will die Flüchtlinge willkommen heißen.

Quelle: Christian Schmettow

Es gibt höhnische Zwischenrufe, aber sie bleiben in der Minderheit. Claudia Merz aus Zechlinerhütte hält eine Stunde lang ein selbst gemaltes Schild hoch: „Herzlich willkommen“. „Es müssten sich alle mal fragen, wie sie aufgenommen werden wollen, wenn ihr Haus weggebombt ist und sie nicht wissen, ob ihr Kind noch lebt“, sagt sie. „Wir leben hier in einem Paradies und wissen es nicht.“

Landrat: „Richten Sie den Groll auf mich“

Nach drei Stunden ist die Luft raus. Landrat Reinhardt verabschiedet sich mit einer inständigen Bitte: „Wenn die Menschen da sind: Richten Sie den Groll auf mich, aber versuchen Sie, den Menschen zu helfen.“

„Wir haben keinen Groll auf die Flüchtlinge“, ruft eine Frau zurück. Eine CDU-Stadtverordnete kommentiert das Verhalten des Landrats: „Er hatte gar keine Wahl. Wenn er heute nachgegeben hätte, könnte er nirgends mehr Flüchtlinge unterbringen.“

Von Christian Schmettow

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