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Asylbewerber wollen ehrenamtlich helfen

Freiwillige aus der Fremde arbeiten in Perleberger Gartensparte mit Asylbewerber wollen ehrenamtlich helfen

Statt in den Krieg zu ziehen, sind einige junge Syrer geflohen und in Perleberg gelandet. Einige erwartet im Heimatland sogar die Todesstrafe. Sie suchen um Asyl. Doch die Anträge benötigen Zeit. "Wir sind nicht hier, um zu faulenzen", sagt ein Flüchtling. Deshalb möchten sie künftig die Ärmel hochkrempeln und in einer Perleberger Gartensparte aushelfen.

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Gartenvorstand Erika Schumann hat den Kontakt zwischen Syrern und Kleingärtnern hergestellt. Nach der Arbeit gibt es zur Belohnung einen Kaffee.

Quelle: Michael Beeskow

Perleberg. Bienenstich und Rhabarberkuchen stehen auf einer langen weißen Tafel in der Gartensparte Quitzower Straße in Perleberg. Thermoskannen halten den Kaffee warm. Aber fast zwei Stunden vergehen, ehe sich die erste Hand ein Stück Kuchen angelt. Dabei mögen die jungen Syrer am Tisch Kuchen. Doch nicht deswegen sind sie hier, sondern um zu helfen – und um zu erzählen, wer sie sind, woher sie kommen und warum sie jetzt in Perleberg sind.

„Ich will studieren. Informatik wäre gut“, sagt Khaled Aladas. Der 19-jährige Syrer lebt seit 13 Monaten in Perleberg. Nach dem Abitur sollte er in der Assad-Armee kämpfen. Er wollte aber nicht in einen Krieg gegen seine Landsleute ziehen. Er floh und kam nach Deutschland.

Ein Teil der Gesellschaft

Basel Almansur hat Ähnliches erlebt. Der 27-Jährige ist aus der Armee desertiert, in Syrien droht ihm nun lebenslange Haft oder gar die Todesstrafe. Der Dekorateur würde gerne in seinem Beruf arbeiten. Dass sich dieser Wunsch erfüllen könnte, bezweifelt er selbst: „Ich würde jeden Job machen“, sagt er. Doch so lange er keinen deutschen Pass hat, kann er gar nichts tun – nur warten. Seit drei Monaten ist er in Perleberg. Auch fünf seiner Landsleute, die an diesem Nachmittag am Tisch der Gartensparte sitzen, wollen nicht länger herumsitzen. Dieses Warten sei zermürbend und mache einsam. Die Syrer wollen lieber ein Teil der Gesellschaft sein, in der sie zurzeit leben, und etwas Sinnvolles tun.

"Wir sind nicht hier, um zu faulenzen"

Alane Almuntajab hat bislang schweigend an der Tafel gesessen und angespannt zugehört, dann bricht es aus ihm heraus: „Wir wollen das Eis brechen. Wir sind nicht hier, um zu faulenzen. Wir wollen arbeiten“, sagt der 42-jährige Koch. Er ist Vater von sechs Kindern, die in Beirut mit ihrer Mutter auf die Einreise nach Deutschland warten.

Alane Almuntajab kennt die Vorurteile, und er hat Fremdenfeindlichkeit am eigenen Leib erfahren. In Frankfurt (Oder) lauerten ihm und vier anderen Syrern eine Gruppe von 30 Deutschen auf und verprügelten sie. Zwei seiner Landsleute mussten ins Krankenhaus.

Die Perleberger Kleingärtner und ihre neuen Helfer. Die Syrer leben als Asylbewerber in Perleberg, wollen aber nicht nur herumsitzen.

Quelle: Beeskow

Er kennt auch die fragenden Blicke, das diffuse Unbehagen von Passanten, wenn er durch die Stadt geht. Dabei möchte er nur in Sicherheit und Frieden mit seiner Familie leben. In Syrien hat er 18 Jahre lang als Koch gearbeitet und ein kleines Restaurant geführt. Das Haus ist zerstört. Seine zweijährige Tochter kann, seit sie einen Bombensplitter angefasst hat, ihre rechte Hand nicht mehr bewegen. In Syrien dürfe sie nicht auf Behandlung hoffen, erzählt er. „Wenn der Arzt hört, das sei eine Assad-Bombe gewesen, schickt er sie gleich wieder raus“, erzählt der Familienvater. Denn Assad wirft offiziell keine Bomben.

Dolmetscher ermöglicht die Kommunikation

Die Gartenfreunde auf der anderen Seite der Tafel hören geduldig zu. Henry Schweigel übersetzt. Der Dolmetscher wurde vom Willy-Brandt-Haus Berlin für ein Jahr in die Prignitz entsandt. Er ist Teil der Nachbarschaftskampagne der SPD-Bundeszentrale. Schweigel überträgt vom Deutschen ins Englische. Der 19-jährige Khaled Aladas übersetzt aus dem Englischen ins Syrische. Genauso geht es zurück vom Syrischen ins Deutsche.

Dem Schatzmeister der Gartensparte, Gert Schmietow, sind Freiwillige aus der Fremde hochwillkommen. „Wir freuen uns über jeden, der ehrenamtlich mitarbeiten möchte. Hier ist viel Arbeit zu erledigen.“ Der Vereinsvorsitzende Heinz Radek berichtet, dass alles auf der 60.000 Quadratmeter großen Fläche von den Mitgliedern der Sparte geschaffen wurde, auch das Vereinsheim. Doch heute stünden viele Gärten leer.

Am Kaffeetisch sitzen sich inzwischen nicht mehr Asylbewerber und Deutsche gegenüber, sondern fünf junge Männer, die die Ärmel hochkrempeln wollen, und gestandene Kleingärtner, die ihre Sparte erhalten wollen.

Der Anfang ist gemacht

Gern würden die Syrer einen der leer stehenden Gärten übernehmen. Doch keiner weiß, wie lange er noch in Perleberg ist. Von einem Tag auf den anderen kann der Abschied kommen. Auch die Gartenfreunde sind skeptisch, ob die jungen Männer gleich eigenständig eine Parzelle bewirtschaften könnten. „Gut wäre, wenn sich ganze Familien drum kümmern würden“, wirft der Vereinsvorsitzende ein.

Mittendrin in der Runde sind auch zwei ganz junge Gesichter zu sehen. Jonas Hähnle und Daniel Pöhl gehen in die neunte Klasse des Perleberger Gymnasiums. „Die Integration läuft schlecht“, sagt Jonas. „Wir dachten, wir können helfen.“ Die Asylbewerber hatten die fehlenden Möglichkeiten beklagt, Deutsch zu lernen. Jeden Mittwoch treffen sich die Schüler mit syrischen Asylbewerbern, geben ihnen Deutsch-Unterricht und auch ganz praktische Tipps bei einem Einkaufsbummel durch Perleberg. Sie werden dafür nicht bezahlt. „Wir sind Freunde“, sagen sie, „und es macht Spaß“.

Auch die Syrer wollen kein Geld für ihren Arbeitseinsatz, sie könnten doch Rasen mähen oder Hecken schneiden. So wird man sich einig, ein Anfang ist gemacht.

Von Michael Beeskow

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