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Auch Tiger haben Phobien

Zu Besuch in der Sieversdorfer Filmtierschule Auch Tiger haben Phobien

In der Filmtierschule Sieversdorf bricht nun die etwas ruhigere Jahreszeit an. Erholung muss sein, das gilt auch für Paviandamen, Schnappschildkröten und Königsnattern.

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Gerhard Harsch und Hündin Heather sind längstg alte Hasen im Showgeschäft. Das Publikum muss um ein paar Tricks nicht lange bitten.

Quelle: Alexander Beckmann

Sieversdorf. Zu einem Häppchen Fleisch lässt Chandra sich überreden. Deutlich besser gelaunt wirkt er damit aber noch lange nicht. Geduckt schleicht er am Gitter entlang, dreht unerwartet ab, macht einen Satz nach vorn und gibt den kaum zwei Meter entfernten Zuschauern klar zu verstehen: Ich bin genervt und wenn ich könnte, wie ich wollte, würdet Ihr euch wundern. Leoparden seien mit noch größerer Vorsicht zu genießen als andere Großkatzen, erklärt derweil Gerhard Harsch. Sie seien zwar nicht die größten unter den Vettern, aber vielleicht die tödlichsten.

Harsch sollte es wissen. "Wir trainieren Tiere für den Film, und zwar schon seit 25 Jahren ‒ von der Maus bis zum Tiger", erzählt er beim Rundgang durch die Filmtierschule, die er gemeinsam mit seiner Familie und Helfern seit elf Jahren in Sieversdorf bei Neustadt betreibt. Jedes Wort ist genau so gemeint.

Gleich im Gehege neben Chandra tigert nämlich Amba auf und ab ‒ was sollte er auch sonst machen als echter Sibirischer Tiger. Amba wirkt mindestens doppelt so groß und schwer wie der Leopard und zugleich um ein Vielfaches friedlicher. Er reibt sich am Gitter und gibt brummende Geräusche von sich. 250 Kilo Schmusekater.

Bis Harsch ihn mit einem Stück Fleisch an einem Stock aus der Reserve lockt. Plötzlich endet der Tiger irgendwo auf der Höhe von Basketballkörben. Fingerlange Zähne und Krallen wie Teppichmesser schnappen auf. Das Schmusen kann warten.

Zumal Amba nun im Publikum eine Kameralinse ausgemacht hat. Er bäumt sich auf und faucht. Kameras mit Menschen dahinter kann er nicht leiden. Wie passend für einen Filmtiger! Gerhard Harsch erklärt: Amba wurde mal von einem Kameramann erschreckt, der sich in einem Moment der Ablenkung zu dicht an ihn herangeschlichen hatte. Auch Tiger haben Phobien.

Zulu und Joy nebenan lassen sich davon nicht die Laune verderben. Er versucht sich im Pärchensport und sie langt ihm eine ‒ Alltag bei Familie Löwe. Und mal ganz ehrlich: Direkt neben dem Tiger wirkt der "König der Tiere" bestenfalls wie ein höherer Beamter ‒ mächtig, aber auch irgendwie unscheinbar.

Der Reigen der tierischen Stars reißt an diesem letzten Oktobersonntag nicht ab. Wuschelhündin Heather war unter anderem schon Partner von Goldmarie in "Frau Holle" und kennt trotz ihres inzwischen fortgeschrittenen Alters (Pardon!) noch immer alle Tricks. Allein auf Handzeichen hin bellt sie wie wild, stellt sich tot oder guckt traurig zum Steinerweichen. "Ohs" und "Ahs" sind ihr sicher.

Auch Paviandame Jeannie weiß zu begeistern. Nicht nur wegen ihres Pelzmantels und der Echthaarperücke. Was diebisch wirkt ‒ die durchwühlte Wäschetruhe, die geklaute Brieftasche, ist in Wirklichkeit nur Verfressenheit. Das kann das Publikum nachvollziehen. Und die Harschs nutzen versteckte Leckerbissen generell, um nicht nur Jeannie zur Höchstform auflaufen zu lassen.

Einige Nebendarsteller sorgen hingegen für skeptische Blicke der Besucher. Sind Königsnattern wirklich völlig harmlos? Fressen Bartagamen nicht vielleicht doch vorsichtig ausgestreckte Zeigefinger? Beim Umgang mit der Schnappschildkröte ist selbst Reptilienexperte René Harsch vorsichtig. Das Biest macht seinem Namen alle Ehre, ist schnell, kräftig und prinzipiell übel gelaunt, aber definitiv ein Hingucker. Das mit der Attraktivität gilt natürlich in mindestens gleichem Maße für Zwergotter Otto, Storch Gustav, Schleiereule Mister Bean, Füchsin Foxi und all die anderen pelzigen, gefiederten, geschuppten und gepanzerten Bewohner der Filmtierschule.

Für sie alle und für ihre Betreuer ist jetzt nach Tausenden Besuchern sowie Hunderten Auftritten in Film, Fernsehen, Show und Werbung die ruhigere Wintersaison angebrochen. Die sonntäglichen Führungen durch die Filmtierschule beginnen erst wieder zu Ostern, der Filmpark Babelsberg, dessen Show die Sieversdorfer Akteure maßgeblich mitgestalten, macht ebenfalls Pause. "Die Ruhe braucht man dann auch irgendwann", bekennt Gerhard Harsch, der längst weiß, dass in den nächsten Monaten noch genug Arbeit auf ihn, seine Familie und sein Unternehmen wartet. Beispiel: "Aktuell trainieren wir für eine Sat-1-Komödie mit Bettina Zimmermann und Christoph M. Ohrt." Briard-Hündin Lucy spielt "Butch" und sogar die Shih-Tzus der Runges von der Neustädter Hundeschule müssen mit ran. Einer soll im Film jemanden am Hosenbein ziehen. Für Marion Runge und ihren Hund ein ungewohntes Anliegen: "Wir hatten ihm das abgewöhnt. Nun soll er's wieder machen." Aber natürlich ist so etwas für die Neustädter Hundetrainerin auch eine Herausforderung.

"Das Geschäft läuft super. Wir können uns nicht beklagen", schätzt Gerhard Harsch ein. "Normalerweise wird's um die Jahreszeit ruhiger. Diesmal nicht." Film, Fernsehen und Werbung seien geradezu versessen auf professionelle tierische Darsteller. "Die sind eben immer ein Hingucker für die Leute." Jeder, der die Sieversdorfer schon einmal besucht hat, kann dem wohl nur zustimmen.

Näheres zur Filmtierschule unter www.filmtierschule-harsch.de.

Von Alexander Beckmann

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