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Auch Traditionshäuser machen dicht

Kneipensterben in Ostprignitz-Ruppin Auch Traditionshäuser machen dicht

Viele Traditionsgaststätten haben in den vergangenen Jahren dicht machen müssen. Die Gründe dafür waren vielfältig: Die Gaststätten rechneten sich nicht mehr, der Gastwirt konnte keinen Nachfolger finden. Oder der Sanierungsstau war einfach viel zu groß.

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Stefan, Hannelore und Klaus Zabel von der „Ruppiner Speisegaststätte“: geschlossen wurde sie im Jahr 2013.

Quelle: Peter Geisler

Neuruppin. Als in der „Ruppiner Speisegaststätte“ Ende 2013 zum letzten Mal die Tische eingedeckt wurden, endete in Neuruppin eine Ära. 118 Jahre hatten Gäste in der August-Bebel-Straße deutsche Küche genossen. Bis zum Schluss blieben sie der Gastwirtsfamilie Zabel treu. Doch der Eigentümer des Hauses hatte wichtige Sanierungsarbeiten nie in Angriff genommen. „Eigentlich hätte alles neu gemacht werden müssen“, sagt Klaus Zabel. Die Gastwirtsfamilie beschloss aufzugeben. Anfangs war der ehemalige Koch von Auerbachs Keller in Leipzig und dem Hotel „Atlantik“ in Kühlungsborn wehmütig. „Ich bin Koch aus Leib und Seele“, sagt der 72-Jährige.

Auch der „Fehrbelliner Hof“ in Fehrbellin war eine Traditionsgaststätte. Die Familie von Ralf Schmidtsdorf hatte sie in den 1920er Jahren gekauft. Der Karnevalsverein und die Schützengilde trafen sich dort, Geflügelzüchter zeigten ihre Tiere. Dennoch musste Schmidtsdorf den Laden vor fast zwei Jahren dicht machen. Aus gesundheitlichen Gründen. Aber auch weil ihm die marode Saaldecke Sorgen bereitete. Die Kosten für die Sanierung „bekommt man in 20 Jahren nicht rein“, sagt Schmidtsdorf. Er lässt offen, ob der Hof jemals wieder öffnet.

So wie der „Ruppiner Speisegaststätte“ und dem „Fehrbelliner Hof“ erging es in den vergangenen Jahren zahlreichen Gaststuben in der Region. Ende 2012 waren nach Angaben der Potsdamer Industrie- und Handelskammer (IHK) noch 700 Betriebe aus dem Gastgewerbe in Ostprignitz-Ruppin gemeldet – neben Gaststätten und Restaurants weist die IHK-Statistik dabei auch Imbisse, Catering-Unternehmen, Hotels und Pensionen aus. 2015 waren es nur 586. Barbara Nitsche, Leiterin des Fachbereichs Existenzgründung und Unternehmensförderung, spricht von einem „deutlichen Abbruch“.

Hier gibt es schon lange keine „gute Küche“ mehr

Hier gibt es schon lange keine „gute Küche“ mehr.

Quelle: Peter Geisler

Für diesen Rückgang, so Nitsche, gibt es „multiple Ursachen“ – Unternehmen arbeiteten nicht mehr wirtschaftlich, Firmenchefs fanden keine Nachfolger, in einigen Fälle war der Sanierungsstau einfach zu groß. Anders als die Zahlen vermuten lassen, geht die IHK-Fachfrau allerdings nicht davon aus, dass das Angebot schmaler geworden ist. Viele Betriebe, die sich am Markt behaupten konnten, hätten ausgebaut. „Die Qualität ist insgesamt gestiegen.“

Auch Bert Krsynowski, Interimsvorsitzender des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes im Ruppiner Land, erkennt eine Ausdifferenzierung des Marktes. Behaupten könne sich, wer „billig, schnell, viel“ oder eben mit besonderem Anspruch kocht. „Die ganze Durchschnittsgastronomie ist weg“, sagt der 55-Jährige. „Das Mittelfeld fehlt.“

Qualität, so glaubt der Alt Ruppiner Unternehmer, muss der Gast nicht zwangsläufig teuer erkaufen. „Es geht um die Dinge, die einen von anderen abheben“, sagt er. Das kann die selbst gemachte Marmelade zum Hotelfrühstück oder eine Menükarte mit regionalen Produkten sein. „Hätte ich auch nur den typischen deutschen Einheitsbrei gemacht, wäre ich heute weg“, sagt Krsynowski, der die „Kantine B“ im Neuruppiner Landesbehördenzentrum betreibt und mit seiner Frau ein Hotel und Restaurant führt.

Gastronomie kann heutzutage mit dem „besonderen Etwas“ punkten

Doch nicht nur die Gaststätten, auch ihre Gäste haben sich geändert. Vor der Wende, so Krsynowski, habe es in jedem Dorf eine Kneipe gegeben, wo die LPG auf ein Bier zusammen kam. Das Gros dieser typischen Dorfkneipen hat inzwischen dicht gemacht – auch weil Gäste heute andere Ansprüche haben.

Olaf Lücke, Hauptgeschäftsführer der Brandenburger Dehoga, war überrascht, „wie stark das Minus war“, als er im Dezember einen Blick auf die Gastgewerbestatistik warf. Höhere Kosten bei Energie, Personal und im Einkauf hätten viele Gastronomen zur Aufgabe gezwungen, glaubt er. Mitunter sei es auch unmöglich geworden, Fachkräfte zu bekommen, weil Azubis in ländlichen Regionen kaum mehr mit dem Bus zur Arbeit kommen. „So mancher Gastronom denkt sich da, dass er sich das nicht antun muss.“

Gleichwohl kennt Lücke viele erfolgreiche Landgasthöfe. Nach wie vor, so der 54-Jährige, könnten Gastwirte mit regionalen Zutaten bei ihren Gästen punkten. „Dafür ist der Gast auch bereit zu zahlen.“

Von Frauke Herweg

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