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Ostprignitz-Ruppin Auerochsen als Landschaftspfleger
Lokales Ostprignitz-Ruppin Auerochsen als Landschaftspfleger
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00:17 01.06.2017
Die nachgezüchteten Auerochsen in Sophiendorf erinnern daran, welche eindrucksvollen Lebewesen die Menschen ausgerottet haben. Quelle: Cornelia Felsch
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Sophiendorf

Gemessenen Schrittes bewegt sich die Herde über die Wiese. Erschüttern kann die archaischen Tiere scheinbar so schnell nichts. Abgeklärt blicken die Auerochsen auf die Menschen, die in ihr Reich eindringen. Die Stimme von Christiane Grosdanoff, die sich ihnen mit respektvollen Schritten nähert, scheinen sie zu kennen. Wer ihnen zum ersten Mal unmittelbar gegenüber steht, denkt augenblicklich an die schnaubenden Stiere in den spanischen Arenen. Obwohl sie ganz friedlich in der Niedermoorlandschaft bei Sophiendorf grasen, ist die Nachricht, die im vergangenen Jahr die Medien beschäftigte, wieder präsent: „Spanischer Torero von Stier getötet – Herz durchbohrt“.

Die Herde trottet gemächlich zu den Büschen am Rand der Wiese. Die Tiere der Auerochsenzüchterin sind im Dienste des Naturschutzes unterwegs. Sie pflegen die Landschaft, denn sie verhindern das Zuwachsen der Naturflächen. Wegen ihrer Robustheit können die Urahnen der Hausrindrassen das ganze Jahr auf der Weide verbringen. Zwischen den dunklen archaischen Gestalten sind die heller, braun gefärbten Kälbchen unterwegs. Sie wurden im März und April geboren. Erst im Alter von drei Monaten wird ihr Fell dunkler.

Seit 1993 züchtet die 43-jährige, alleinerziehende Mutter in Sophiendorf in der Nähe von Neustadt (Ostprignitz-Ruppin) Auerochsen. Bulle und Kuh stammten vom Haustierhof Warder in Schleswig-Holstein. Die Arche Warder ist Europas größter Tierpark für seltene und vom Aussterben bedrohte Haus- und Nutztierrassen. Die Natur hatte es Christiane Grosdanoff schon als Kind angetan, die Großstadt Berlin war nicht ihr Ding. „Schon als ich zwölf Jahre alt war, habe ich mich als Pflegemädel auf Pferdehöfen nützlich gemacht. Dort habe ich aber auch viel Schlimmes gesehen“, sagt sie. „Manche Tiere wurden in dunklen Ställen gehalten und sind dort nie raus gekommen.“

Christiane Grosdanoff mit ihrer Herde. Quelle: Cornelia Felsch

Auch die Berlinerin sehnte sich nach weiten Wiesen und Wäldern und erwarb das erste Stück Land. In einem Fleischrindjournal las sie einen Artikel über seltene Nutztierrassen. „Für mich stand sofort fest, dass es für diese Niedermoorlandschaft Auerochsen sein sollten.“ Einen Stall brauchten die Tiere nicht. Das Bauholz für das eigene Haus holten Christiane Grosdanoff und ihr damaliger Lebenspartner aus dem eigenen Wald. Für die Dämmung verwendeten sie die Wolle ihrer Heidschnucken. Die Schafherde gibt es mittlerweile nicht mehr, sie wurde durch Pferde ersetzt, die nun mit den Ur-Rindern gemeinsam auf der rund 50 Hektar großen Weide grasen.

Die Sophiendorfer Nachfahren der Urtiere haben ihre Existenz den Brüdern Heck zu verdanken – beides Zoodirektoren. Sie kreuzten urwüchsige Rinder aus Korsika und Ungarn mit anderen Rassen und ließen so Ur-ähnliche Tiere wiedererstehen. Typisch an den als Heckrinder bezeichneten Tieren sind die langen gebogenen Hörner, das helle Maul und der helle Fellstreifen auf dem Rücken, der sogenannte Aalstrich. 1938 wurden in Ostpreußen die ersten Auerochsen der Neuzeit in die Freiheit entlassen.

In Europa leben heute wieder einige Tausend Tiere. Beeindruckend ist die Lebenserwartung der Auerochsen. Bei artgerechter Haltung werden sie 20 bis 25 Jahre alt. „Das zeigt, dass die Rasse sehr ursprünglich ist“, sagt Christiane Grosdanoff. „Normale Rinder werden maximal zwölf Jahre alt.“ Ein Zeichen, dass die extensive Haltung und der Verzicht auf Kraftfutter den Tieren gut tut. „Wenn das Gras draußen wächst, lassen sie sich auch nicht mit Heu abspeisen“, sagt die Rinderhalterin. „Wichtig ist, dass sie ganzjährig mit Wasser versorgt werden.“ Drei Herden mit jeweils 15 Tieren und eine Bullenherde sind die Grundlage ihrer Zuchtarbeit.

Die Pferde gerhören zum Landleben dazu. Quelle: Cornelia Felsch

Die halbwilde Haltung der Auerochsen stellt Christiane Grosdanoff aber auch vor einige Herausforderungen, denn die Auerochsen gelten als Haustiere und müssen mit Ohrmarken versehen und geimpft werden. Bei der Schlachtung werden die Tiere auf der Weide geschossen. „Dafür habe ich meinen Jagdschein gemacht, damit ich das selbst erledigen kann“, sagt sie. Doch in erster Linie betrachtet sie ihre Tiere als Landschaftspfleger. Während sie über die Wiese stapft, referiert sie über Mikroorganismen, Mist und Humusschichten. Bücher und Fachvorträge sind ihre Wissensquellen. Christiane Grosdanoff ist Vorstandsmitglied im „Verein zur Förderung des Auerochsen“, in dem rund 80 Züchter organisiert sind. „Nur bei extensiv genutzten Weiden wird Humus eingelagert und das ist schon von Bedeutung, denn eine Tonne Humus bindet zwei Tonnen Kohlendioxid“, sagt sie und ist schon beim nächsten Thema. Dunghaufen auf den Weideflächen, die Würmer, Fliegen und andere Insekten anziehen. „In einem Misthaufen leben bis zu 230 Arten. Vögel und Fledermäuse sind darauf angewiesen.“ So tragen die beeindruckenden Tiere der Vorzeit noch immer zur Erhaltung der Artenvielfalt bei.

Von Cornelia Felsch

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