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Auf den Spuren der Kriegstoten

Plänitz Auf den Spuren der Kriegstoten

Riccardo Freitag aus Plänitz suchte in Weißrussland nach einem vermissten Familienangehörigen. Ein Bruder seines Großvaters war dort am 5. Juli 1941 im Krieg gefallen. Nach mehr als 70 Jahren ist die Suche nach sterblichen Überresten schwierig. Wohl dem, der am Volkstrauertag zumindest ein Grab besuchen kann.

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Riccardo Freitag sammelte viele Dokumente.

Quelle: Renate Zunke

Plänitz. Am Sonntag ist Volkstrauertag. Dann wird wie jedes Jahr, zwei Sonntage vor dem ersten Advent, an die Opfer von Kriegen und Gewalt erinnert. Es wird aber auch an die Angehörigen gedacht, die ihre Lieben auf grausame Art verloren haben – an Eltern, Ehefrauen und Kinder, denen Sohn, Mann und Vater genommen wurden. Kranzniederlegungen von Offiziellen an zentralen Gedenkorten gehören zu diesem Sonntag. Und so mancher Angehörige, der weiß, wo seine Lieben ruhen, macht sich auf den Weg – mancher sogar auf einen sehr langen. Wohl dem, der ein Grab besuchen kann.

Denn noch heute sind dem Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes mehr als eine Million Personen bekannt, deren Schicksal weiterhin ungewiss ist. Im Nachlass verstorbener Angehöriger finden sich oft Unterlagen über deren vergebliche Suche nach ihren Vermissten. Und so beschäftigt sich auch die Nachfolgegeneration der unmittelbar vom Krieg betroffenen Familien verstärkt mit dem ungeklärten Schicksal von Angehörigen. Dazu gehört Riccardo Freitag aus Plänitz. Gerade ist er von einer Reise nach Weißrussland zurückgekommen.

Riccardo Freitag (2vr) und Franz Masser (r) mit dem Suchtrupp

Riccardo Freitag (2.v.r.) und Franz Masser (r.) mit dem Suchtrupp.

Quelle: Privat

Dort suchte er nach Spuren Gefallener, zu denen auch ein Bruder seines Großvaters gehört: Siegfried fiel als 20-Jähriger am 5. Juli 1941 in Lutschin bei Rogatschew. Dieses genaue Datum ist bekannt. Riccardo Freitag hat das entsprechende Papier in einem dicken Ordner abgeheftet, der viele weitere Dokumente zur Familiengeschichte beinhaltet. Deshalb weiß der Plänitzer, dass sein Opa Paul, der 1992 starb, als Einziger von fünf Brüdern den Zweiten Weltkrieg überlebte. Heinz, 1922 geboren, kämpfte vermutlich im Kessel von Halbe und wurde am 28. April 1945 von russischen Soldaten erschossen. Sein Grab in Liepe bei Luckenwalde ist bekannt und wird noch heute gepflegt. Hans, 1923 geboren, fiel am 17. Januar 1945 und liegt auf einem Soldatenfriedhof in Ungarn. Bertold, geboren 1918, wird seit dem 24. Juni 1944 nach der Kesselschlacht um Witebsk in Weißrussland vermisst. Er hat vermutlich kein Grab, ebenso wie Siegfried. Dessen Sterbeort zu finden, war Riccardo Freitag, Oberstabsgefreiter bei der Bundeswehr und stationiert in Havelberg, nun unterwegs.

Aufgewachsen ist er in Hohenfinow. Dort betrieb sein Opa Paul bis in die 1960er Jahre eine Bäckerei. „Zu DDR-Zeiten wurde in der Familie über die Kriegszeit wenig gesprochen. Doch mich interessiert heute die Familiengeschichte sehr“, sagt der 40-jährige Riccardo. Er stellte nach der Wende bei seinen Nachforschungen fest, dass 1956 ein Todeserklärungsverfahren für Bertold eingeleitet wurde. Was er bisher nicht wusste: Dieser gefallene Bruder des Großvaters hatte noch im Krieg geheiratet. Seine Frau ging 1947 nach Sachsen-Anhalt und es gibt einen Sohn, zu dem Riccardo jetzt Kontakt hat. Sein Opa hat leider diesen Neffen nicht mehr kennengelernt. „So kommen Familiengeheimnisse zutage“, meint Riccardo.

In der Umgebung des Dorfes Lutschin ruhen viele Gefallene in der Erde

In der Umgebung des Dorfes Lutschin ruhen viele Gefallene in der Erde.

Quelle: Privat

Er hat bereits 2003 beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge nach Gräbern in Lutschin, dort wo Siegfried fiel, nachgefragt. Die Antwort: „Leider ist bisher nicht bekannt, ob die Soldatengräber in Lutschin heute noch oberirdisch zu lokalisieren sind.“ Im Juni dieses Jahres bekam der Plänitzer dann von der Kriegsgräberfürsorge mitgeteilt, dass man beabsichtige im Herbst im weißrussischen Lutschin mit der Suche nach Gefallenen zu beginnen. Sofort setzte sich Riccardo Freitag mit den Zuständigen in Verbindung und bat darum, bei der Suche dabei sein zu können. Dem wurde entsprochen und als Begleitperson Franz Masser benannt.

Masser ist in Sachen Kriegsgräber kein Unbekannter. 1937 in Hamburg geboren, war er ab 1960 Polizeibeamter in Niedersachsen. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands wurde er als Polizeipräsident in Dessau eingesetzt. Seit seinem Ruhestand 1998 reist er jedes Jahr nach Weißrussland, um dort deutsche Kriegsgräber aus beiden Weltkriegen zu finden und sich für die weißrussisch-deutsche Friedens- und Versöhnungsarbeit zu engagieren. Er ist persönlich betroffen, denn sein damals 19-jähriger Bruder Robert gehört seit 1944 zu den in Weißrussland vermissten Soldaten. In der Regel verweilt Franz Masser sechs Monate im Jahr in Weißrussland. Seine Tätigkeit besteht darin, deutsche Kriegsgräber zu lokalisieren. Das Umbetten oder Bestatten ist Aufgabe der Kriegsgräberfürsorge.

Ein Friedhof für deutsche Soldaten

Masser hat jedoch 1999 mit Zustimmung der weißrussischen Behörden in der Region Rogatschew, Bezirk Gomel, aus eigenen Mitteln einen Friedhof für deutsche Soldaten hergerichtet. Er war der sachkundige Begleiter von Riccardo Freitag. Beide waren sieben Tage mit dem für die Suche zuständigen Trupp unterwegs: Vier von der Deutschen Kriegsgräberfürsorge beauftragte Weißrussen sowie zwei Mitarbeiter einer Spezialeinheit. Mit 1,50 Meter langen, sogenannten Bodensuchstangen mit Metallspitze, wurde das Erdreich durchforstet. „Ob man dabei auf sterbliche Überreste trifft, das ist Glücksache. Bodenradar wäre effektiver, ist aber zu teuer“, erklärt Riccardo Freitag.

Die Kriegstoten sind auch ein Thema im Unterricht

Es wurden außerdem Zeitzeugen befragt und Lageskizzen angefertigt. Zu den Befragten gehörte ebenfalls die Geschichtslehrerin der örtlichen Schule. Man beschäftigt sich im Unterricht mit den Kriegstoten, auch den Deutschen, hat Riccardo Freitag festgestellt. Er weiß nun, dass nach mehr als 70 Jahren die Suche nach gefallenen Soldaten sehr schwierig ist. Sterbliche Überreste werden auch in heutigen Küchengärten vermutet oder das Gebiet ist inzwischen von Wald überwuchert.

„Es wäre ein unerwarteter Glücksfall gewesen, auf direkte Spuren des Bruders meines Großvaters zu stoßen. Aber die Sache ist als Teil der Familiengeschichte auf keinen Fall für mich abgeschlossen“, sagt Riccardo Freitag. Er bietet an, dass sich Leute bei ihm melden können, die gefallene oder vermisste Angehörige in Weißrussland suchen oder Hinweise zu dort gefallenen deutschen Soldaten geben können. E-Mail: freitagpai003@aol.com.

Von Renate Zunke

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