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Ostprignitz-Ruppin Auf den Spuren des ehemaligen Pfarrers
Lokales Ostprignitz-Ruppin Auf den Spuren des ehemaligen Pfarrers
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02:15 19.06.2017
Lore Bloche hat im Flur ihres Elternhauses, Baujahr 1895, eine kleine Galerie historischer Fotoaufnahmen aufgehängt. Quelle: Wolfgang Hörmann
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Stüdenitz

Siebzehn Jahre ist er ihr Pfarrer gewesen. Als Martin Kördel 1938 in den Ruhestand geht, da zieht es ihn von „seinen“ Stüdenitzern fort in die Westprignitz. Er lässt mit seiner Gemeinde auch Freunde zurück. Paul Fritz gehört zu ihnen. „Eckfritz“ sagen die Dörfler, wenn sie ihn meinen, weil sein Gehöft genau da liegt, wo es von der Kyritzer in die Lohmer Straße abgeht. Sein Haus steht da seit 1895. Genau gegenüber der breiten Eingangstür grüßt der Turm der Kirche. Sie sind sich also immer sehr nahe, der Pastor und der Bauer. Und nicht nur räumlich. Kördels Frau Gertrud wird die Patentante von Fritz-Töchterchen Lore. Als die Pfarrersleute fortziehen, ist die Kleine fünf Jahre alt.

Der Kindskopf hat anderes im Sinn, als sich um das Miteinander der Erwachsenen zu scheren. Erst sehr viel später wird Lore erkennen, wie fest die Männerfreundschaft gewesen sein muss. Ihr Vater stirbt 1948. Die Tochter findet irgendwann im Schreibtisch ein Heft mit eng beschriebenen Seiten. Es gehörte Pfarrer Kördel. Den hat Stüdenitz wohl nie ganz losgelassen. Im Ruhestand ist er hierher noch einmal zurück gekehrt – vielleicht auch nur in Gedanken. Dann hat sich der Kirchenmann hingesetzt und aufgeschrieben, was er später seinem Freund Paul schenken wird. Auf dem Deckblatt ist zu lesen: „Ein Spaziergang durch Stüdenitz – mit genealogischen Bemerkungen von Gehöft zu Gehöft – notiert im Dezember 1944 meist aus dem Gedächtnis von Martin Kördel i. R. in Wittenberge, in Stüdenitz 1921 bis 1938, für seinen lieben Freund Paul Fritz auf dem Eckhof in Stüdenitz.“

Peter Möbius vertraut nun seit April seinem Computer an, was er dem Heft von Pfarrer Martin Kördel entnimmt. Quelle: Wolfgang Hörmann

Aus Lore Fritz wurde Lore Bloche. Die heute 84-Jährige, die früh ihren Mann verlor und danach vier Kinder allein groß zog, wohnt mit einem ihrer Söhne wie eh und je im Eckhaus. In die handgeschriebene Kladde vom Pfarrer hat sie sich immer mal wieder vertieft, ist mit ihm gedanklich von Haus zu Haus gegangen durch die vier Straßen von Stüdenitz. Sie konnte nachvollziehen, wer wo wohnte, womit die Familien Mitte der 40er Jahre ihr Geld verdienten, wo geheiratet, wann Kinder geboren und wann gestorben wurde. All das hat Martin Kördel aufgeschrieben – nicht nur aus dem Gedächtnis, wie die einstige „Eckbäuerin“ heute weiß. „Es gab im Breddiner Pfarramt ein Archiv mit Unterlagen, auch Kirchenbücher. Daraus muss so einiges eingeflossen sein in die Erinnerungen“, sagt sie.

Die Meinung teilt sie mit Peter Möbius. „Pfarrer Kördel bezieht sich immer mal wieder auf Aufzeichnungen aus Vorzeiten, so auf Amtsvorgänger mit ihren Stärken und Schwächen. Oder auch auf den großen Brand in der Nacht vom 30. auf den 31. August 1866, angezündet in der Lohmer Straße, der große Teile des Dorfes vernichtete.

Ein echtes Stüdenitzer Kind

Peter Möbius ist wie Lore Bloche ein echtes Stüdenitzer Kind. Als seine gute Bekannte mit der Idee an ihn herantrat, das Geschenk an ihren Vater der Nachwelt zugänglich zu machen, sagte der 73-Jährige zu. Das Ausmaß dieser Bereitschaft dürfte der frühere Landwirt da noch nicht überblickt werden. Die Krux steckt in der Schrift – es ist das Handgeschriebene von Martin Kördel, altdeutsch, Sütterlin, verwendet, ohne viel Platz auf dem wertvollen Papier frei zu lassen. Worte geben zum Teil nur buchstabierend den Sinn frei. Lore Bloche kann sie lesen, Peter Möbius auch, wenngleich mit Einschränkungen. Als er sich im April an den Computer setzt, ist Frau Bloche als „Übersetzerin“ an seiner Seite. „Zweimal in der Woche für zwei Stunden, das hatten wir uns vorgenommen. Ich las langsam vor, Peter schrieb. Aber das dauert ja ewig, haben wir schnell bemerkt“, erinnert sich die Seniorin. Schnell suchen die beiden einen anderen Modus. Jetzt schreibt Peter Möbius alleine. Längst ist ihm das Schriftbild vertraut. Was sich nicht sofort erschließt, entschlüsselt Google für ihn. Und wenn es gar zu spanisch wird, muss Mutter Bloche kommen.

Zum Gottesdienst nach Lohm oder Kötzlin

Für Peter Möbius ist mittlerweile das geliebte Klavierspielen in den Hintergrund gerückt. Kördels Aufzeichnungen habe es vorübergehend verdrängt. Dafür wird der Rentner aber auch mit einer Fülle von Informationen belohnt, zum Beispiel über den „Kirchstuhlstreit“. Stüdenitz bekam nach nur zwei Jahren Bauzeit 1856 eine neue Kirche. Die alte war marode und abgerissen worden. Damit gingen die angestammten Sitzplätze der Kirchgänger verloren, was Ärger bereitete. Eine Zeit lang konnte man sich nicht gütlich einigen. So kam es, dass an den Sonntagen etliche Christenmenschen lieber anspannten, um zu Gottesdiensten nach Lohm oder Kötzlin zu fahren, als sie daheim zu feiern.

Pfarrer Kördel hatte immer das Bedürfnis, zu erklären, zu erläutern, zu ergänzen, was öffentlich wahrgenommen werden konnte. Da war die Tafel mit den Namen der Stüdenitzer Männer, die im Ersten Weltkrieg starben. Eine Mutter weigerte sich noch Anfang der 20er Jahre beharrlich, dass ihr Junge auf der steinernen Totenliste stehen sollte. Sie hoffte auf seine Heimkehr – vergeblich, wie sich herausstellen sollte und dank Kördel-Notiz bekannt wird.

Peter Möbius beschert das Abschreiben des „Spaziergangs mit genealogischen Bemerkungen von Gehöft zu Gehöft“ spannende Geschichtsstunden. Die „Nachhilfe“ neigt sich dem Ende zu. Gut 70 A4-Seiten wird der 73-Jährige demnächst beschrieben haben. Einige Stellen sind rot markiert. „Die muss ich noch mit Lore besprechen. Dann wollen wir das Ganze nochmal einer Gesamtkorrektur unterziehen“, sagt Möbius. Und dann? „Mal sehen, wie groß das Interesse ist. Es kommt ja kein Buch mit abgeschlossener Handlung heraus. Sicher werden wir einige Exemplare binden lassen.“

Die Aufzeichnungen des Pfarrers

Um die Kladde von Pfarrer Martin Kördel richtig deuten zu können, musste sich Peter Möbius zunächst intensiv mit Sonderzeichen und Abkürzungen beschäftigen. Auch die mittlerweile veränderte Nummerierung der Häuser in der Lohmer-, Havelberger- und Kyritzer Straße sowie in der Bahnhofstraße war zu beachten.

Großen Raum nehmen in den Aufzeichnungen Angaben über die Kirchengemeinde ein. Am 3. Advent 1856 bekam Stüdenitz eine neues Gotteshaus. Glockenläuten erinnert in der Vorweihnachtszeit immer noch daran.

Der Stüdenitzer Großbrand in der Nacht vom 30. auf den 31. August 1866 soll durch Brandstiftung entstanden sein. Die Feuersbrunst war gewaltig. Eine brennende Speckseite, durch den heißen Aufwind empor geschleudert, trug die Flammen in die Kyritzer Straße.

Von Wolfgang Hörmann

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