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Auf ein „Pilsken“ mit Helmut Rahn

Molchower Vortragsreihe Auf ein „Pilsken“ mit Helmut Rahn

In Molchow (Ostprignitz-Ruppin) feierte am Mittwochnachmittag eine Vortragsreihe Premiere. „Zugezogene“ Dorfbewohner berichten darin über ihre ursprüngliche Heimat. Den Auftakt machte Ortsvorsteher Uwe Schürmann, der sich an seine Kindheit in Duisburg-Meiderich erinnerte. Mit dabei: Henkelmänner, jede Menge Staub und ein Fußball-Idol am Tresen.

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Die Hochöfen sind in Meiderich nicht mehr in Betrieb – das Stadtbild prägen sie noch immer.

Quelle: Flickr/Zoetnet

Molchow. Als Uwe Schürmann vor 14 Jahren nach Molchow zog, hatte er eine Begegnung, an die er sich noch heute erinnert. Bei einem Fischer in Neuruppin wollte er Zander kaufen. Auf die Frage, ob er den Zander – wie andere Fische – 20 Minuten lang dünsten müsse, bekam Schürmann die Antwort: „Ich bin Fischer, kein Koch.“ Schürmann, der im Ruhrgebiet groß geworden ist, gewöhnte sich schnell an die „märkische Schnauze“. „Ich habe gemerkt, dass es egal ist, ob ich an Rhin oder Rhein lebe. Wichtig ist, dass die Menschen, die ich treffe, offen für Neues sind“, sagt Schürmann, der im Molchower Luisenhof lebt. In Anlehnung an den Ausstellungstitel des hiesigen Künstlers Anton Henning betont Schürmann: „Heimat ist, wo das Herz ist.“ Um sein Herz stritten sich indes zwei Orte, so Schürmann: auf der einen Seite Molchow, auf der anderen Seite Duisburg-Meiderich, sein Geburtsort.

Ortsvorsteher Uwe Schürmann

Ortsvorsteher Uwe Schürmann. Im Hintergrund: der Duisburg Hafen – Europas größter Binnenhafen – in einer historischen Aufnahme.

Quelle: Mischa Karth

Von seiner Kindheit und Jugend in der Stadt inmitten des Ruhrgebiets erzählte der 64-Jährige am Mittwochnachmittag im River-Café. Dabei packte er einige Anekdoten aus. „Besonders stolz war man, wenn man dem Vater in der Mittagspause den Henkelmann ans Werktor bringen durfte“, sagte Schürmann und ließ die 50er- und 60er Jahre unterstützt von einer Bildpräsentation Revue passieren. Schürmanns Kindheit fiel in die Zeit, in der der „Pott“ endgültig zum wirtschaftlichen Mittelpunkt Deutschlands wurde. War schon Mitte des 19. Jahrhunderts die erste Kohle gefördert worden, wuchs die Nachfrage in der Nachkriegszeit stark an. Für die Bevölkerung hatte das verschiedene Konsequenzen. Kumpel und Malocher erhielten gute Zulagen und feierten legendäre Feste in den Bergarbeitervierteln. Zugleich waren Ruß und Dreck allgegenwärtig. „Jährlich rieselten 35 000 Fuhrwerke Staub auf das Meidericher Wohngebiet“, erzählte Schürmann. Die Anwohner hätten dem Schmutz eine „Jetzt-erst-recht“-Mentalität entgegengesetzt. „Die Wäsche wurde trotzdem draußen aufgehängt“, so Schürmann. Allerdings nicht zulange, „sonst färbte sie sich schwarz.“

Hing die Wäsche zulange draußen, wurde sie schwarz

Als Belohnung für die harte Arbeit der Männer im Werk und der Frauen im Hause gab es deftiges Essen und flüssige Nahrung. „Eintöpfe wurden als ’Untereinander’ bezeichnet, dazu gab es ein ’Pilsken’“, erinnert sich Schürmann. Das bekannteste Duisburger Bier „König Pilsner“ floss in Strömen. „Einen gewaltigen Durst“ habe auch Helmut Rahn gehabt, berichtete Schürmann. Dem Spieler des Meidericher SV und Weltmeister von 1954 begegnete Schürmann manches Mal in der Vereinskneipe des MSV, wenn der Schüler sein Hockeytraining beendet hatte.

Zuletzt hat Schürmann seine alte Heimat vor wenigen Wochen besucht. Er quartiere sich inzwischen lieber in den etwas ländlicheren Orten ein. „Die Stahlwerke und die Dunstglocke über dem Ruhrgebiet sind heute weitgehend Geschichte“, so Schürmann. Die Städte versuchten sich gerade über die Kultur eine neue Identität zu geben. So sei das alte Meidericher Werk inzwischen ein bunt beleuchteter Ort für Theateraufführungen und moderne Kurzfilme geworden.

Die Vortragsreihe, bei der zugezogene Molchower den Alteingesessenen Einblicke in andere Regionen gewähren, soll als Nächstes nach München führen. Ein Termin steht noch nicht fest. Übrigens: Beim kurz angebundenen Neuruppiner Fischer ist Schürmann auch heute noch zufriedener Kunde.

Von Mischa Karth

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