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Aus der Trauer ins Lachen finden

Ostprignitz-Ruppin Aus der Trauer ins Lachen finden

Am Epilepsie-Zentrum der Ruppiner Kliniken startet mit Hilfe der Stiftung des Mediziners und Kabarettisten Eckart von Hischhausen ein Clownsprojekt für Kinder und deren Eltern. Hella Propelle und Podolina trafen sich am Donnerstag auch mit Domenic (6).

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Domenic wurde am Donnerstag in Neuruppin von den Clowns Hella Propella und Podolina überrascht.

Quelle: Andreas Vogel

Neuruppin. Domenic kennt sich zwar recht gut aus im Zimmer von Karen Müller-Schlüter, der leitenden Ärztin im Epilepsie-Zentrum der Ruppiner Kliniken. Doch als es am Donnerstag klopft und plötzlich die beiden Clowns Hella Propella und Podolina in ihren quietschbunten Kostümen zur Tür hereinkommen, ist der Sechsjährige zunächst skeptisch und verschwindet in einer Spielecke. Doch schon wenig später erzählt Domenic den zwei Clowns von Batman, Spiderman sowie von großen und kleinen Spinnen.

Hirnblutung bei der Geburt

„Domenic hat große Fortschritte gemacht“, sagt Müller-Schlüter. Sie betreut Domenic und seine Eltern, die erst in Kyritz gewohnt haben und nun auf dem Lande in Joachimshof (Amt Neustadt) leben, seit einigen Jahren. Auf Hilfe ist die Familie, zu der die zwei großen Schwestern (11 und 13 Jahre) von Domenic gehören, angewiesen: Der Junge erlitt während seiner Geburt eine Hirnblutung und eine halbseitige Lähmung. Zudem stellten die Ärzte zwei Fälle von Epilepsie bei Domenic fest. Er wird deshalb regelmäßig mit Cortison und einem weiteren Medikament behandelt. Nur so ist es möglich, dass er seit September die Mosaik-Schule in Wittstock besuchen kann.

Nunmehr sollen Domenic und seine Eltern sowie viele weitere Patienten des Sozialpädiatrischen Zentrums (SPZ) in Neuruppin, das rund 1200 Mädchen und Jungen mit Epilepsie betreut, auch regelmäßig die Clowns treffen können. Ziel sei, „mit Humor brenzlige Situationen aufzulösen und Ängste zu überwinden“, sagt Müller-Schlüter.

Geld von der Hirschhausen-Stiftung

Möglich wurde das Projekt, das passenderweise am Donnerstag, 5. Oktober, dem Tag der Epilepsie in Neuruppin gestartet wurde, durch die Stiftung des Kabarettisten, Mediziners und Zauberkünstler Eckart von Hirschhausen. Die Stiftung hat 37 000 Euro dafür zur Verfügung gestellt – zur Freude von Müller-Schlüter. „Bei uns sind die Kinder stets nur einige Stunden, in der Therapie einige Tage. Aber die Eltern müssen jeden Tag mit ihren Kindern arbeiten und ackern.“

Das gilt wohl für Domenic und seine Eltern in besonderem Maße. Vater Ronald Zeisler ist Gerüstbauhelfer und arbeitet auch immer mal in Hamburg, Berlin oder Lübeck. Die Betreuung von Domenic liegt größtenteils bei der Mutter. Doch sie ist ebenfalls gehandicapt, da sie an multipler Sklerose (MS) leidet und kaum noch Kontrolle über ihr rechtes Bein hat. Deshalb hat sie auch nie einen Führerschein gemacht und verfügt über kein Auto – die Gefahr, dass es während einer Fahrt zu Komplikationen kommen könnte, wäre einfach zu groß, sagt Ronald Zeisler.

Epileptische Entladungen während des Schlafes

Der Familienvater verlässt jeden Morgen gegen 5 Uhr die Wohnung und sieht Domenic erst am Abend, wenn dieser sich bereits wieder fürs Bett fertig machen muss. Dann kontrolliert er, ob Domenic vor dem Schlafengehen seine Tropfen genommen hat. Die Frage danach ist inzwischen eine Art Spiel. „Domenic denkt inzwischen selbst daran und erinnert mich.“ Die Medizin ist wichtig für den Jungen. Sie hilft ihm, dass es während seines Schlafes nicht ständig zu epileptischen Entladungen kommt, die dazu führen, dass das am Tag gelernte wieder aus seinem Gedächtnis gelöscht wird. „Seitdem Domenic die neue Medizin nimmt, ist seine Aussprache erheblich besser geworden“, sagte der Vater am Donnerstag zufrieden. Demnach gab es den bisher letzten Anfall im vergangenen Jahr.

Verständnisvoller Arbeitgeber

Trotz der schwierigen Situation zeigte sich der 38-Jährige recht optimistisch – auch weil er einen verständnisvollen Arbeitgeber hat. „Ich habe gleich bei meiner Einstellung gesagt, dass ich einen Sohn mit einer schweren Erkrankung habe und dass die Gesundheit meiner Kinder vorgeht.“ Wohl deshalb habe er auch bisher keine Probleme gehabt, wenn er mal kurzfristig einen freien Tag brauchte, um Domenic und seine Frau zum Arzt nach Berlin oder ins Sozialpädiatrische Zentrum nach Neuruppin zu fahren. Auch mit der Mosaikschule in Wittstock ist der Vater zufrieden. Während sich in der Kyritzer Inte­grationskita gerade einmal zwei Erzieherinnen um die 20 Mädchen und Jungen in der Gruppe mit Domenic zu kümmern hatten, werden die fünf Kinder in der Klasse in Wittstock von drei Erwachsenen betreut: Der Klassenleiterin, die ausgebildete Sonderschulpädagogin ist; einer Lehrerin, die sich gerade in ihrer Freizeit auf diesem Gebiet fortbildet, und einem Betreuer, der seit zwei Jahren an der Mosaikschule arbeitet und gewissermaßen tagsüber auch etwas die Vaterrolle übernimmt. „Domenic kommt sehr gut mit ihm klar“, betont Ronald Zeisler.

Probleme mit dem Landesamt für Soziales

Probleme gibt es indessen immer mal wieder mit dem Landesamt für Soziales. Die Behörde hat ihren Sitz in Cottbus und entscheidet darüber, welche Vergünstigungen die Eltern für ihr krankes Kind in Anspruch nehmen dürfen, beispielsweise kostenlose Fahrten mit Bus und Bahn, weil Domenic unter die Räder kommen würde, wenn er ohne Begleitung unterwegs wäre. „Er kann nicht langsam laufen und hat kein Gefühl dafür, was eine gefährliche Situation ist“, sagt Karen Müller-Schlüter. Auch die hoch spezialisierte Fachärztin, die schon in Stuttgart, München, Bielefeld und Berlin gearbeitet hat, ärgert sich immer wieder über die Landesbehörde. Müller-Schlüter weiß durch ihre Arbeit, dass es auch anders geht, wenn beispielsweise ein Antrag für einen Schwerbehindertenausweis gestellt wird. „In Berlin entscheiden Ärzte darüber, in Brandenburg sind es Sachbearbeiter.“

Domenic interessiert sich nicht für das aus seiner Sicht viel zu lange Gespräch zwischen der Ärztin und seinem Vater. Der Junge zeigt deshalb inzwischen den beiden Clowns Hella Propella und Podolina zusammen mit seiner Mutter ganz entspannt die anderen Räume im Sozialpädiatrischen Zentrum.

Spontane Krampfanfälle

Ins Leben gerufen wurde der Tag der Epilepsie 1996 von dem Verein der „Deutschen Epilepsievereinigung“ unter Beteiligung von Fachärzten und Betroffenen.

Epilepsie bezeichnet ein Krankheitsbild mit mehr oder weniger spontan auftretenden Krampfanfällen. In Deutschland leiden mehr als 500 000 Menschen an Epilepsie.

Das Zentrum in Neuruppin konzentriert sich auf schwere Fälle bei Kindern und Jugendlichen.

Von Andreas Vogel

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