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Autor Jochen Schmidt las aus „Zuckersand“

Neuruppin Autor Jochen Schmidt las aus „Zuckersand“

Karl ist zwei, entdeckt die Welt und inspiriert seinen Vater, diese durch seine Augen zu sehen. Da werden viel Erinnerungen an die eigene Kindheit wach: Autor Jochen Schmidt hat mit viel Witz und Beobachtungsgabe die Poesie des Alltags neu entdeckt. Am Montag las er in Neuruppins Fontanebuchhandlung aus seinem Buch „Zuckersand“.

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Jochen Schmidt und Otto Wynen (r.) unterhalten sich über „Zuckersand“ und das Leben allgemein.

Quelle: Regine Buddeke

Neuruppin. Jochen Schmidt liest schnell und fast ohne Pause – er sprudelt wie einer, der viel zu erzählen hat. Wenn man den Stapel von Büchern auf dem Tisch betrachtet, die er bereits geschrieben hat, scheint das zu stimmen. Knapp 20 Zuhörer haben sich am Montagabend in der Neuruppiner Fontanebuchhandlung eingefunden, um ihm zu lauschen. Schmidt liest aus seinem Neuling „Zuckersand“.

Die meisten kennen es: Eltern sind oft kaum zu bremsen, wenn sie über ihren Nachwuchs erzählen. Vor allem, wenn der noch fast neu ist. Und das betrifft beileibe nicht nur Mütter – auch wenn sich dieses Vorurteil verfestigt hat. Auch Väter sehen die Welt dann mit ganz neuen Augen. Jochen Schmidt respektive sein „Zuckersand“-Protagonist Richard macht das nur allzu deutlich. Und zwar auf überaus vergnügliche Art und Weise.

Ein Kind sieht die Welt aus anderem Blickwinkel

Ob es ein Väter-Buch sei? Die Frage stellt Podiumspartner Otto Wynen voran. Nein, gar nicht, erklärt der Autor. Es könne aber für Väter, die Erziehungsurlaub genommen haben, durchaus tröstlich sein, versichert er. Und ja, man müsse selbst Vater sein, um so etwas schreiben zu können. Aber letztlich gehe es eher um Erwachsenen-Kind-Beziehungen, führt Schmidt weiter aus, der das Buch trotzdem nicht als Ratgeber missverstanden wissen will. Obschon, man könne sich Dank der Lektüre einige Stunden beim Psychotherapeuten ersparen, sinniert Wynen. Ja, es sei schon ein Stückchen zen-buddhistische Lebensart, die im Buche gelebt werde – mit dem Kind als Lehrmeister. Denn die ersten Jahre im Leben eines Kindes seien ein großes Abenteuer, das auch bei den Erwachsenen Spuren hinterlässt. Das wird im Folgenden anschaulich dargestellt, als Schmidt ein Kapitel des Buches vorliest.

Als Eltern kann man dem Kind darin nacheifern

Karl, der Zweijährige, entdeckt die Welt. Und Vater Richard entdeckt sie gleichsam mit. Mehr noch, er kramt urplötzlich in der Wunderkammer seiner eigenen Kindheit, die beim Blick durch Karls Kinderaugen wieder lebendig wird.

Diese Art Wunderkammer gibt es auch zum Anfassen. Mit Lust und viel Liebe zum Detail liest Schmidt von Richards Schatzkisten-Exponaten. Etwa – da inspiriert Sohnemanns erster Zahn, der spargelgleich durchs Zahnfleisch bricht – dass Richard selbst als Kind die ausgefallenen Milchzähne seiner Mitschüler gesammelt hat, um ein „Klassengebiss“ zu basteln. Fast wundert man sich, dass der experimentierfreudige Knabe nicht Zahnarzt, sondern Dichter geworden ist. Allerdings einer, der seine Brötchen mit launig-blöden Werbetexten für Hausfrauenkataloge verdient. Vom Dichten allein ist noch keiner reich geworden. Genauso poetisch und wortgewaltig ergeht sich der Protagonist über den Akt des Ohrenreinigens – Kinder lieben es, die Funktionen ihres Körpers detailliert zu erkunden. Es wurmt ihn noch heute, dass ihm der HNO-Arzt das Resultat seiner Bemühnungen damals nicht gezeigt hat. Über Söhnchen Karl selbst wird nicht allzu viel berichtet – lediglich darüber, was dessen Taten- und Entdeckerdrang im Vater so an verschollenen Erinnerungen freilegt. Das zeugt in jedem Wort und Wortspiel von hoher Beobachtungsgabe und inspirierender Alltagspoesie in der Darstellung. Egal, ob es die Kinderkrankheit ist, die man mit Schnabeltasse vor dem Fernseher verbringen darf, oder der Versuch, die Seife mit dem eingedrückten Kronkorken vor dem Magneten an der Wanne zum schwerelosen Schweben zu bewegen. Nicht selten prustet das Publikum belustigt. Nicht selten auch der Autor selbst beim Lesen. Das wirkt sehr sympathisch.

Was man gezeigt bekommt, kann man nicht mehr selbst entdecken

Genau wie das liebevoll ausufernde Elterngespräch beim Frühstück – über Pinguine, pampige Haferflocken und Platzangst. Die Gedanken mäandern durch Politik, Philosophie und Psychologie: bis ins Skurrile. Da klingt viel Frozzelei mit. Aber auch viel Liebe. Ein bisschen verschroben sind Richard und Freundin Klara schon. „Aber wer will schon ein Buch über Langweiler lesen“, so Schmidt und Wynen lobt, dass er seit der „Zuckersand“-Lektüre auf einmal Alltägliches mit neuem Blick ansieht. Eine Lektion, die den meisten Menschen gut zu Gesicht stünde. „Was man gezeigt bekommt, kann man nicht mehr entdecken“, sagt Schmidt, ein wenig traurig, dass das Zitat nicht auf seinem Mist gewachsen ist. In der Kindheit messe man den Dingen einen völlig anderen Wert bei, als es die Erwachsenen tun. Schmidt hat das in seiner Figur des Richards erkannt. Sein inneres Kind ist nie wirklich verschwunden. Wie man liest.

Von Regine Buddeke

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