Volltextsuche über das Angebot:

9 ° / 5 ° Sprühregen

Navigation:
Babys zum Verwechseln ähnlich

Puppenbauerin aus Kyritz Babys zum Verwechseln ähnlich

Die Kyritzerin Denise-Verena Ladewig baut Puppen, die echten Neugeborenen zum Verwechseln ähnlich sehen. Sie kennt sich aus mit unechten Baby. Die Mitbegründerin des „Netzwerks Gesunde Kinder“ hat viele Jahre junge Mütter beraten – und an junge Mädchen künstliche Neugeborene ausgeliehen, damit die das Muttersein üben können.

Voriger Artikel
Kreisgebietsreform: Landrat erwartet neue Idee
Nächster Artikel
Büro für Kyritzer Senioren

Die Puppenmutter mit ihren „Babys“. Für Neuschöpfungen bleibt derzeit keine Zeit.

Quelle: Hörmann

Kyritz. Kai konnte wenigstens pullern. Was seine Puppenmutter oben an Flüssigkeit einfüllte, nässte unten die Miniwindel. „Aber ansonsten war Kai potthässlich.“ Denise-Verena Ladewig findet auch für ihre anderen Spielgefährten aus ihrer Vorschulzeit nur wenig schmeichelhafte Sätze. Mal zu steif, dann wieder zu schlenkrig, sie waren „einfach völlig unperfekt“. Da fand das aufgeweckte Mädchen aus Triptis mehr Spaß in ihrer Puppenstube, aber mit kleinen Leuchten und am liebesten mit Autos. Die Eltern erzogen sie wie einen Jungen, was Denise-Verena, deren neue Heimat mit 16 Schönberg bei Kyritz wurde, ganz gelegen kam. „Es entsprach meinen Neigungen“, sagt sie heute. „Ich konnte bald einen Moped-Vergaser auseinander nehmen und wieder zusammen setzen. Wenn ich mit der Mauerkelle umging, hielt hinterher sogar der Putz an der Wand.“

Wer das alles weiß, der staunt, was aus dem Teenager von damals geworden ist. Wie vom Vater gewollt wurde sie Wirtschaftskauffrau mit einem sehr guten Facharbeiterzeugnis. Ihr Chef sah in der 19-jährigen die perfekte Kandidatin für einen Weg „ganz nach oben“. Und was macht sie? „Ich kündigte und suchte mir neue Arbeit im Pflegeheim Ganz.“ Das war zu DDR-Zeiten nicht eben ein Hort der Lebensfreude.

Es lag nicht an der Pflege, sondern an den baulichen Voraussetzungen, die das „Schloss“ bot. Schummriges Licht fiel durch bleiverglaste Fenster. Dunkle Wandtäfelungen und wuchtiges Mobiliar schienen die Bewohner schier zu erdrücken. Für Denise-Verena Ladewig war es das buchstäbliche kalte Wasser, in das sie sprang. Es bot ihr die Gelegenheit, sich in der Arbeit mit Menschen frei zu schwimmen. Sie ist nicht untergegangen, sondern hat wichtige Erfahrungen für ihr weiteres Leben gemacht.

Allerdings ging es ihr dann den größten Teil ihres bisherigen Berufszeit um Mütter und deren Nachwuchs. Sie war von Anbeginn bei dem 2008 vom Land initiierten Netzwerk „Gesunde Kinder“, in dem besonders die jungen Frauen Unterstützung bekamen, als Koordinatorin dabei. Sie qualifizierte sich zur Stillberaterin und außerdem zur Ausbilderin in der Ersten Hilfe.

Und wie war das doch gleich mit den Puppen? Den hässlichen, ungelenken, steifen? Die Meinung hat sich nicht geändert- Allerdings ist schon vor Jahren die Gewissheit gereift: Das muss man doch besser hinkriegen! Kann man es auch selber machen? Hinter diese Frage könnte Denise-Verena Ladewig auf jedem Fragebogen bei „Ja“ ihr Kreuz machen.

Es sollte alles nur ein Hobby bleiben

Dass sie zwischen Altenpflege, Qualifikationen zur Familienbetreuung und Netzwerkarbeit zu einer professionellen Puppenmutter wurde, begann mit einem Vorbereitungskurs in Berlin. Dann ging’s es los. Sie kaufte die erste Packung Modellene. Das ist ein knetbares Material, pastellfarbig zwischen blass und rosa. Aus diesem Klumpen formte sie den Prototyp einer Puppe. Die war nicht mehr als ein Vorprodukt. Das musste sich ein „Vollbad“ in einer Wanne voller Gips samt Untertauchen gefallen lassen. War der Gips ausgehärtet, wurde er in Form zweier Schalen vorsichtig auseinandergeklappt, das Original entnommen. Die zwei Teile als Ganzes ergaben dann den Hohlkörper, den die Puppenmacherin über einen Einfüllstutzen mit flüssigem Silikon füllte. Das bezog sie aus den USA. Was folgte, erinnerte an Trickfilme, in denen sich der liebe Gott mit Adam und Eva abmüht, um ihnen ein vorzeigbares Äußeres zu geben. Der Puppenkörper bekam seine Hautfarbe. Durch Haare-Stechen mit Spezialnadeln erhielt der Kopf einen Schopf. Augen einsetzen und Lippenpartie gestalten folgten.

Nach dieser Prozedur sah die Puppe einem echten Neugeborenen zum Verwechseln ähnlich. Etliche solcher Puppen kamen so nach aufwendiger Handarbeit zur Welt. Sie erregten Aufsehen, nicht nur bei den vier Ladewig-Kindern, heute zwischen 12 und 25 Jahre alt), sondern sie weckten auch Begehrlichkeiten in Berufsgruppen, die sich mit dem Mutter-Werden beschäftigen.

Das Internet spielte dabei eine wichtige Rolle. Es meldeten sich Hebammenschulen, Stillberaterinnen, Krankenhäuser, medizinischen Fachschulen. Das Interesse an Modellen, die beweglich waren und wahrhaftig kleinen Erdenbürgern glichen, wuchs deutschlandweit, aber auch in Österreich und in der Schweiz. Nun ließ sich jedes der Unikate – keine Puppe sah exakt so aus, wie ihre Vorgängerin – nicht immer leicht verkaufen. Der Preis lag zwischen 800 und 1200 Euro. Denise-Verena Ladewig – zehn 10 Jahre lang hatte sie ihr Hobby fast schon zum Beruf gemacht – sann über neue Herstellungsmethoden nach. Sie fand bald heraus, dass man Rohlinge für Rumpf, Kopf und Gliedmaßen bestellen kann. Der Formbau und das Gießen entfielen so. Der Verkaufspreis ließ sich auf 80 bis 150 Euro senken. Der Prozess, in dem einfühlsam, ja, künstlerisch die Ähnlichkeit mit Babys erzielt werden sollte, der war geblieben. Die 43-jährige hat viele Puppen hergestellt.

Auftraggeber mit Sonderwünschen

Dabei auch solche nach Sonderwünschen der Auftraggeber, zum Beispiel Frühchen oder weiter entwickelte Neugeborene, sogar mit Fontanelle oder Down-Syndrom. Es gab auch Privataufträge. An zwei erinnert sie sich sofort. Ein älteres Paar wollte vor den Traualtar treten. Sie brachte einen erwachsenen Sohn mit in die Beziehung, der sich mit dem Mann ihr Wahl super verstand. Keine Spur von Fremdelei. Sie waren sich vom ersten Tag an gut. „Für ein eigenes Baby ist es für uns zu spät“, bedauerte die Braut in spe. „Aber ich will meine beiden Männer überraschen. Können Sie mir nicht nach einem alten Foto meines Sohnes eine Puppe mit seinem Aussehen von damals machen?“ Für Denise-Verena Ladewig bedeutete der Wunsch eine neue Herausforderung, die sie meisterte. Am Tag der Hochzeit stahl eine Wiege mit kleinem „Neugeborenen“ dem Paar fast die Show.

Es flossen Tränen des Glücks für das Gefühl, Vollkommenheit genießen zu können. Ein anderes Mal ist es dazu allerdings nicht gekommen. „Ganz selten hatte ich bei einem Auftrag Vorbehalte. Diesmal aber schon. Eine Kundin kam mit dem Wunsch zu mir, eine Puppe zu bekommen, die atmen sollte und deren Herz sie schlagen hören wollte. Technisch gibt es dafür Möglichkeiten, mir aber war die Frau irgendwie gruselig“, erinnerte sich Frau Ladewig. Ja, wenn das nur mit dem Pullern hinzukriegen gewesen wäre, wie einst bei ihrem Kai, damit hätte sie es aufgenommen. So aber blieb da so ein unangenehmes Bauchgefühl. Die Puppenmacherin lehnte ab und war sich hinter sicher, das Richtige getan zu haben.

Neue Aufgaben

Denise-Verena Ladewig ist landkreisweit bekannt maßgeblich aus dem Netzwerk „Gesunde Kinder“ seit dem Jahr 2008. Ihr liegt besonders die Unterstützung junger Frauen am Herzen, wofür sie sich auch zur Stillberaterin qualifizieren ließ. Außerdem ist sie Ausbilderin in der Ersten Hilfe.

Voriges Jahr wandte sich Denise-Verena Ladewig einer neuen Aufgabe zu: Sie baute in Wusterhausen das dort im Sommer eröffnete Familienzentrum „Mittendrin“ mit auf. Die Awo, das DRK und die Volkssolidarität taten sich auf Anregung des Landkreises für diese Einrichtung zusammen, um jungen Familien und Alleinerziehenden ein Rundum-Angebot an Beratung und Erfahrungsaustausch zu unterbreiten. In der Räumlichkeit direkt an der Kirche haben Kinder auf gut 150 Quadratmetern nun Gelegenheit zum Toben, während ihre Eltern mit den Mitarbeitern, mit anderen Familien oder mit externen Experten ins Gespräch kommen. Hinzu kommt eine enge Zusammenarbeit mit dem Jugend- und Betreuungsamt, dem Kinderschutz, mit anderen Familienzentren, Kitas, Schulen oder auch Kinderärzten.

Seit Jahresbeginn hat sich Denise-Verena Ladewig nun wieder einer neuen Aufgabe angenommen. Sie arbeitet jetzt für den Träger JNWB, die Jugendhilfe Nordwestbrandenburg. Damit bleibt sie auch weiterhin der Jugendhilfe in der Region treu.

Von Wolfgang Hörmann

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Ostprignitz-Ruppin

Sollte Rauchen im Auto verboten werden, wenn Kinder dabei sind?

57811e88-cc1d-11e5-9fb5-3858ea6ed044
Babys aus Oberhavel (6)

Babys aus Oberhavel, Januar/Februar 2016

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg