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Barockes Herrenhaus hat neue Besitzer

Lohm Barockes Herrenhaus hat neue Besitzer

Ein Londoner Architektenpaar will in Lohm ein barockes Herrenhaus sanieren und sich so einen Landsitz schaffen. Für das altehrwürdige Gebäude ist es ein Segen, dass es in die Hände von zwei Fachleuten kommt.

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Saskia und Jonas Lencer mit ihren Kindern Hannah und Jasper, die neuen Besitzer von Lohm I.

Quelle: Renate Zunke

Lohm. Gleich mit zwei barocken Herrenhäusern kann Lohm aufwarten. Denn das kleine Dorf war bis 1945 der Rittergutssitz des alten Adelsgeschlechts derer von Kröcher. Sie bewirtschafteten mehr als 600 Jahre die Flächen zwischen den Flüssen Havel und Dosse. Es waren die Brüder Heinrich und Jordan von Kröcher, die Markgraf Ludwig I. von Brandenburg 1337 mit den Dörfern Lohm und Dreetz belehnte. Bis 1945 blieben die Kröchers ununterbrochen als Guts- und Patronatsherren mit der Geschichte von Lohm verbunden und bewohnten hier im Spätmittelalter zeitweise mehrere Rittersitze, von denen sich im Verlaufe des 18. Jahrhunderts die Anteile Lohm I und Lohm II mit jeweils einem Rittersitz dauerhaft etablierten und auf denen dann eigenständige Wohnhöfe mit entsprechenden Bauten entstanden.

Das Herrenhaus befindet sich hinter der Kirche

Das Lohm I genannte Herrenhaus befindet sich hinter der Kirche am Ende des Dorfes. Mit ihm schufen sich 1737 Georg Vollrath von Kröcher und Sophie Charlotte von Winterfeld ihr herrschaftliches Domizil. Der Baumeister des rechteckigen, zweigeschossigen Putzbaus mit Walmdach und beidseitigen Anbauten ist unbekannt. Von der einstigen Größe und Ausstattung des Gutes Lohm I sprechen die vielen Gebäude, die sich einst auf dem gutseigenen Gelände befanden. Davon existiert heute neben dem Herrenhaus noch die ehemalige Wagenremise, die zu einem Einfamilienhaus umgebaut wurde. Die letzte Besitzerin von Lohm I, Ella von Kröcher, wurde 1947 während der Zeit der Bodenreform enteignet und aus Lohm ausgewiesen. Seinerzeit spielten sich im Herrenhaus tragische und traurige Szenen ab, weiß man noch heute im Dorf zu berichten.

Haus, Stallungen und der dazugehörige Park wurden zunächst drei Neubauern zugewiesen, wechselten dann nochmals die Besitzer. Das Herrenhaus mit Anbauten, im Gemeindebesitz, wurde immer wieder von neuen Mietern bewohnt. So nutzten Schulklassen, ein Kindergarten, eine Arztpraxis und ein Friseur das Haus. Bis heute ist es Domizil des Jugendclubs. In den Anbauten befinden sich Mietwohnungen. Eine Sanierung des Hauses ist dringend notwendig.

Wolf Dietrich von Winterfeld (r) war Generalmusikdirektor am Mainzer Theater

Wolf Dietrich von Winterfeld (r.) war Generalmusikdirektor am Mainzer Theater.

Quelle: Privat

Die steht kurz bevor, denn die Gemeinde hat das geschichtsträchtige Gebäude verkauft. Neue Besitzer von Lohm I sind Jonas und Saskia Lencer. Beide sind von Beruf Architekten und leben mit ihren zweijährigen Zwillingen Hannah und Jasper in London. Dass ihr Interesse an dem Lohmer Herrenhaus geweckt wurde, hat eine besondere Geschichte.

Elisabeth Lencer, die Mutter von Jonas Lencer, hatte eine Tante, die mit Wolf Dietrich von Winterfeld verheiratet war. Er gehörte zu den von Winterfelds, die im Besitz des benachbarten Neuendorf waren und 1945 ebenfalls enteignet wurden. Da war Wolf Dietrich 30 Jahre alt. In Westdeutschland schuf er sich eine neue Existenz. Am Mainzer Theater wirkte er als Generalmusikdirektor. Seine Frau Elisabeth arbeitete hier als Fotografin. Das Ehepaar hielt zu DDR-Zeiten Verbindung zur Kyritzer Verwandtschaft der ehemaligen Kinderfrau von Wolf Dietrich von Winterfeld.

Eine Urgroßtante von Neustadts Bürgermeisterin Sabine Ehrlich

Das war Helene Kulp aus Koppenbrück, eine Urgroßtante von Neustadts Bürgermeisterin Sabine Ehrlich. Sie erzählt: „Seine Dankbarkeit und Verbundenheit bezeugte Wolf Dietrich von Winterfeld seiner einstigen Kinderfrau, indem er die Rentnerin Anfang der 1970er Jahre nach Westdeutschland holte und ihr im Altersheim bis zum Lebensende eine sorgenfreie Zeit ermöglichte.“ Wolf Dietrich von Winterfeld starb 1978 und hinterließ keine Kinder.

„Ersatzkinder“ des Ehepaares von Winterfeld waren immer Nichte Elisabeth Lencer und ihre Geschwister. Elisabeth Lencer, die jetzt als Ärztin im Oldenburgischen Hude lebt, wuchs auf einem Gut im Ammerland auf. Deshalb war auch Sohn Jonas mit dem Landleben sehr vertraut. Er erzählt: „Ich arbeitete sehr gern mit dem Großvater im Wald.“ Und auch seine Frau Saskia ist von Kindheit auf mit dem Landleben verbunden, das ihr jetzt in London fehlt. Sie sagt: „Ich weiß noch gar nicht, wie ich meine Zwillinge in der Großstadt aufziehen soll.“ Denn so wie sie und ihr Mann aufwuchsen – Haustür auf und raus ins Freie – sollten es eigentlich auch Hannah und Jasper. In der Großstadt London ist das natürlich nicht möglich. Aber es fand sich eine Lösung, diesen Zustand zu ändern, und den Kindern wenigstens zeitweise das ungebundene Landleben zu ermöglichen.

Ein Ankerplatz in der Heimat der Vorfahren

Denn im Jahr 2014 konnten nach einem Gerichtsurteil die Erben der enteigneten Gutsbesitzer zehn Prozent ihrer einstigen Flächen zurückkaufen, was Elisabeth Lencer als Erbin derer von Winterfeld aus Neuendorf in Anspruch nahm. Das Land ist nun verpachtet, doch ein Ankerplatz in der Heimat der Vorfahren fehlte. „Da passte es perfekt, dass Lohm I zum Verkauf stand“, sagt Sohn Jonas Lencer. Damit können wir uns in Deutschland einen Standort schaffen, wo wir mit den Kindern zeitweise leben können.

Für das altehrwürdige Gebäude ist es auf jeden Fall ein Segen, dass es in die Hände von zwei Fachleuten kommt. Zusätzlich zu ihrem Architekturstudium hat Saskia Lencer 2004 in Berlin ein Denkmalpflege-Studium absolviert. Und so haben die Eheleute auch gute Kontakte, wenn es um fachliche Kompetenz bei der Bewertung der jetzigen Gebäudesubstanz und der zukünftigen denkmalgerechten Sanierung geht.

Sachverständiger nimmt Schäden unter die Lupe

Als die beiden „Londoner“ Mitte April für eine Woche mit ihren Kindern und Mutter Elisabeth Lencer in Lohm Quartier bezogen, erledigten sie nicht nur Behördengänge. Mithilfe eines Sachverständigen für Gebäudeschäden wurde der bauliche Zustand des zukünftigen Besitzes genau unter die Lupe genommen. Dabei kam unter anderem zum Vorschein, dass das Haus erst einen gelben, dann einen blauen, dann wieder einen gelben Anstrich erhielt. Sowieso werden Jonas und Saskia Lencer behutsam restaurieren. Zurzeit begrüßen sie jedes Detail, was im Ursprungszustand zum Vorschein kommt, wie zum Beispiel die alten Sandsteinplatten im Eingangsbereich oder der ehemalige Parkettboden, der unter dem Linoleum am Verschimmeln war.

Weil zu DDR-Zeiten Baumaterial immer knapp war, ist vieles noch im Originalzustand erhalten. Darüber freuen sich die neuen Besitzer sehr. Sie wollen in diesem Jahr die Planung abschließen und 2017 mit der Fassaden-Restaurierung beginnen. „Der Putz der Seitenflügel muss abgeschlagen werden. Das Fachwerk darunter ist wahrscheinlich marode“, sagt Saskia Lencer und meint außerdem: „Im Inneren ist aber alles so erhalten, dass es erst einmal nicht weiter verfällt.“ Es gibt vermietete Wohnungen in den Anbauten. Und der Jugendclub, der zurzeit ebenfalls noch im Schloss untergebracht ist, soll erst einmal bleiben, wird sich aber raummäßig verkleinern.

Von Renate Zunke

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