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Beschädigte Kindheit in Schulzenhof

Strittmatter-Sohn las in Rheinsberg Beschädigte Kindheit in Schulzenhof

Für die vielen Fans der Strittmatter-Literatur muss der Schulzenhof eine Art Sehnsuchtsort gewesen sein. Für Erwin Berner, den ältesten Sohn von Erwin und Eva Strittmatter, war es ein „Alptraum in schöner Landschaft.“

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Erwin Berner signiert nach der Lesung seine Bücher.

Quelle: Frauke Herweg

Rheinsberg. Sie schlossen die Türen geräuschlos. Sie schlichen auf Zehenspitzen durch das Haus. Noch bevor der Vater sich an den Mittagstisch setzte, versuchten die Söhne abzuschätzen, welche Laune er wohl heute hatte. Das gemeinsame Essen mit Erwin Strittmatter dann – ein einziges Atemanhalten. Jeden Moment konnte die Söhne ein vernichtender Spruch treffen. „Man zählte im Stillen bis zehn“, erinnert sich Erwin Berner, der älteste Sohn von Erwin und Eva Strittmatter. „Dann erfolgte der Schuss.“

Erwin Berner war Erwin Strittmatter

hieß zunächst wie sein Vater Erwin Strittmatter. Später legte er sich jedoch den Künstlernamen Erwin Berner zu – nach dem Geburtsnamen seiner Urgroßmutter. Erst nach dem Tod seines Vaters 1994 bekannte sich Berner öffentlich zu seiner Herkunft.

brach er die Schule in Rheinsberg ab. Während seines Schauspielstudiums in Rostock übernahm er bereits erste Rollen. Nach der Wende spielte er unter anderem bei „Wolffs Revier“ oder bei „Für alle Fälle Stefanie“ mit. Berner lebt heute in Berlin, wo er vor allem als Lyriker und Autor arbeitet.

2001 hatte Berner die Ängste, die er im strengen „System Schulzenhof“ durchlitt, in zahlreichen Briefen einem in Zürich lebenden Freund geschildert. Jahre später ordnete er diese Briefe und Erinnerungen zu einem Buch – die „Erinnerungen an Schulzenhof“. Am Dienstag las er daraus vor etwa 150 Zuhörern in der Rheinsberger Remise. Einen passenderen Ort für die erste Lesung nach der Buchpräsentation auf der Leipziger Buchmesse hätte er sich kaum aussuchen können – in Rheinsberg ist er mal zur Schule gegangen. An die Prinzenstadt hat er zahlreiche Erinnerungen. Wenn auch keine schönen. „So widerstand mir Rheinsberg von Herzen“, schreibt er später.

Strittmatters Sohn liest in Rheinsberg

Gleich zu Beginn der Lesung macht der 1953 geborene Autor und Schauspieler klar, was sein Buch nicht sein soll – ein Enthüllungswerk. Über Schlagzeilen wie „Jetzt packt der Sohn aus“ hat Berner sich geärgert. „Alles Blödsinn.“ Berner wollte lediglich seine ganz subjektiven Erinnerungen an sein Elternhaus in Schulzenhof aufgeschrieben wissen. Seine Eltern verurteilen wollte er nicht.

Berner, Lederjacke und Wollpulli, liest schnell, er hastet durch den Text. Was die Zuhörer erfahren, ist bedrückend und schwer verdaulich. Wie auch seine Brüder Ilja, Jakob und Matthes hatte Erwin als junges Kind lange Zeit bei der Großmutter in Neuruppin verbringen müssen. Die Mutter besucht ihn. Oft sagt sie jedoch ab oder kommt nur kurz. „Der ungeduldige Ehemann wartete im Auto.“

Eva Strittmatter baut mit ihm eine Höhle unterm Tisch

Das kleine Kind Erwin sehnt sich nach seiner Mutter, die so „jung, schön, gütig“ ist. Einmal übernachtet sie in Neuruppin und baut mit ihrem Sohn eine Höhle unter dem Tisch. In einem seiner Briefe schildert der längst erwachsene Berner seine kurze Glückseligkeit. Die Abschiede von der Mutter jedoch sind immer verzweifelt. Berner rennt dem wegfahrenden Zug hinterher. „Wegen all der verzweifelten Abschiede möchte ich das Rheinsberger Tor noch heute in die Luft sprengen.“

Berner fälscht ein Zeugnis – in der Hoffnung, wegen passabler Noten auch nach Schulzenhof übersiedeln zu dürfen. Als er schließlich dort leben darf, muss er sich den Launen und dem unerbittlichen Regime seines Vaters unterordnen. Die Mutter, die den Söhnen durchaus liebevoll zugetan ist, vermag ihre Kinder nicht zu schützen. An einem Tag verspricht sie den Kindern weinend, dass sie sich vom Vater trennen wird. „Anderntags ist alles wie gewohnt.“

Verzweifelte Abschiede am Rheinsberger Tor

Schwer auszuhalten, wie verlassen sich dieses Kind gefühlt haben muss. In der Rheinsberger Schule glaubt Berner nicht mithalten zu können. „Gerne wäre ich unsichtbar gewesen“, erinnert er sich. „Der schulische Druck, der Druck im Elternhaus – nein, ich war ihm nicht gewachsen.“ Um dem Druck zu entgehen, versucht Berner Verbotenes. Er beginnt zu rauchen und zündelt am Waldrand. Als er in den Sommerferien in der Rheinsberger Buchhandlung arbeitet, stiehlt er dort Schallplatten. Mit 18 Jahren verlässt er Schulzenhof schließlich.

Für die vielen begeisterten Leser der Strittmatter-Literatur muss Schulzenhof eine Art Sehnsuchtsort gewesen sein. Berner erlebt ihn jedoch als einen „Albtraum in schöner Landschaft“. Wertschätzung, Respekt, Wohlwollen gegenüber den Söhnen scheint es auf Seiten des Vaters nicht gegeben zu haben. Das gesamte Leben auf dem Hof muss sich seinem schriftstellerischen Schaffen unterordnen. „Erst kommt die Arbeit, dann kommen die Freunde, dann die Kinder“, beschreibt Eva Strittmatter den familiären Kosmos.

Der Vater demütigt die Kinder

Dass der Vater die Kinder demütigt und die Mutter sie nicht ausreichend zu schützen vermag, hinterlässt bei Berner lebenslange Spuren. „Verlustangst beendete meine Lieben“, stellt der längst erwachsene Berner fest. Um andere nicht zu verletzen und sich selbst zu schützen, zieht er sich zurück.

Ob solche Wunden heilen können? Vermutlich nicht. Seinem Freund, den er in den Briefen mit „Herzchen“ anredet und der eine ähnlich angstvolle Kindheit gehabt haben muss, rät er ab, ein Gespräch mit der Mutter zu versuchen. Auch Strittmatter hat solche Gespräche später nicht versucht. Er glaube einfach nicht, auf diese Weise etwas erreichen zu können, argumentiert er vor dem Briefempfänger Herzchen.

Warum er bei aller Lieblosigkeit dennoch bei seinen Eltern habe sein wollen, fragt Berner am Ende der Rheinsberger Lesung. Es ist eine rhetorische Frage. „Wir alle“, sagt Berner im anschließenden Publikumsgespräch „leben eben in Widersprüchen.“

Von Frauke Herweg

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