Volltextsuche über das Angebot:

6 ° / 5 ° heiter

Navigation:
Besuch bei Wittstocker Brieftaubenzüchtern

Prignitz-Bote Kyritz Besuch bei Wittstocker Brieftaubenzüchtern

Ohne Kompass und Landkarte finden Brieftauben ihren Weg nach Hause. Mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von mehr als 100 Stundenkilometern fliegen sie zurück in ihren Schlag. Wenn eine Taube nicht ankommt, ist die Gefahr groß, dass der Habicht sie geholt hat.

Voriger Artikel
Friedenspanzer rollte in Karwe
Nächster Artikel
Ganz Berlitt im Festumzug

Für die Wettflüge müssen die Tauben täglich trainieren.

Quelle: Cornelia Felsch

Wittstock. Es ist gutes Flugwetter – nicht zu heiß und nicht zu feucht. Brigitte Eggert schaut ihren Tauben nach, die gerade ihren Schlag verlassen haben. „Es ist einfach schön, die Vögel zu beobachten, wenn sie in die Lüfte steigen. Ich könnte das stundenlang tun“, sagt sie und schaut sichtlich zufrieden auf die hinausdrängende Vogelschar. Jeden Tag trainiert die Wittstocker Brieftaubenzüchterin morgens und abends mit ihren Tieren, wenn es das Wetter erlaubt.

Die Fähigkeit der Brieftauben, sich ohne Kompass und Landkarte über Hunderte von Kilometern zu orientieren, um von jedem Punkt aus den heimatlichen Schlag wieder zu finden, hat die Menschen schon immer fasziniert. Brigitte Eggert hat es vor vier Jahren erwischt. Sie ist durch ihren Lebensgefährten zu diesem Hobby gekommen. Jetzt in den Frühjahr- und Sommermonaten finden zahlreiche Wettkämpfe statt, wofür die Tauben regelmäßig trainieren müssen, denn bei diesen Ausscheiden legen sie Entfernungen von mehreren hundert Kilometern zurück. Bei den Wettflügen sollen die Tauben möglichst schnell in ihren heimischen Schlag zurück kehren. Über ein elektronisches System werden die mit Ringen gekennzeichneten Tauben beim Ein- und Ausflug registriert, nach dem Wettflug werden die Daten an ein Rechenzentrum übergeben.

„Am vergangenen Wochenende waren wir mit unseren Tauben in Bünde, in Nordrhein-Westfalen“, erzählt Hermann Seelig, der Vorsitzende der Reisevereinigung „Prignitzbote Kyritz“. Bis nach Wittstock beträgt die Entfernung 262 Kilometer Luftlinie. Um 8.25 Uhr starteten die Tauben in Bünde, um 10.58 Uhr war die erste Taube zurück in ihrem Schlag. Die Durchschnittsgeschwindigkeit betrug 108 Kilometer pro Stunde. „Dabei sind natürlich die Flugbedingungen entscheidend“, sagt Hermann Seelig. „Bei Gegenwind liegt die Fluggeschwindigkeit zwischen 70 und 80 Kilometer pro Stunde. Aber bei gutem Flugwetter sind die Tauben oft schon zu Hause, wenn wir mit unserem Auto hier ankommen.“

Die Tauben werden mit einem Speziallastwagen zum Starter-Ort transportiert. Gegen Vorwürfe von Tierschützern bezüglich der Zustände in den Transportern wehrt sich Hermann Seelig. „Die Metallboxen, in die die Tauben gesetzt werden, sind mit Tränken ausgestattet, so dass die Tiere regelmäßig Flüssigkeit aufnehmen können“, sagt er und öffnet die Seitenwände des Wagens. „Nach jedem Transport werden Boxen gesäubert und die Pappen, die den Kot auffangen, werden entfernt.“ Der Chef der Reisevereinigung ist sichtlich stolz auf das Fahrzeug. „Es ist ein teures Hobby“, sagt er. „Der Wagen muss gekauft und unterhalten werden, hinzu kommen Reisekosten und Beiträge.“

Auch gute Brieftauben haben ihren Preis. Wertvolle Zuchttiere können durchaus mehrere tausend Euro kosten. Brieftauben sind für die Halter Hochleistungssportler, die gutes, energiereiches Futter benötigen, um lange Flugstrecken zurück legen zu können. Das Super-Exklusivfutter, das Harry Niemann seinen Tauben verabreicht, setzt sich aus vielen Komponenten zusammen: Aus Mais, Dari (eine Hirseart), Weizen Soja, Reis, Haferkerne, Hanf, Gerste, Sonnenblumenkerne sowie Kardi, den Samen von gemüse-Artischocken. Für seine 300 Tauben ist dem Liebenthaler Züchter nichts zu schade. „Meine 300 Tauben kenne ich alle persönlich“, sagt der 60-Jährige, der bereits mit acht Jahren die ersten Tauben besaß. Für sein Hobby opfert er jede freie Minute. Um so tragischer ist es für ihn, wenn die Tiere von ihrem Flug nicht zurück kehren.

„Etwa 30 bis 40 Tauben holen sich die Greifvögel im Jahr, das ist eine Katastrophe“, sagt Harry Niemann. „Am schlimmsten sind die Wanderfalken.“ Seine Züchterkollegen Hermann Seelig und Dieter Knup stimmen ihm zu. Auch sie haben steigende Verluste zu beklagen. „Die Zahl der Greifvögel hat enorm zugenommen. Früher gab es hier Rebhühner, Fasanen und Wildhasen“, sagt Harry Niemann und zeigt auf die Wiese hinter seinem Grundstück. „Jetzt, wo es kaum noch Niederwild gibt, holen sie sich meine Tauben.“ In den vergangenen zwei Monaten waren es bereits 17 Stück. „Unter einigen Habichtsnestern haben wir schon über 100 Fußringe von Tauben gefunden“, sagt der Taubenhalter wütend.

Mit diesem Problem stehen die Ostprignitzer Züchter nicht allein. In fast allen Regionen Deutschlands beklagen die Züchter zunehmende Übergriffe von Greifvögeln. Von Projekten zur Wiederansiedlung der Baumbrüterpopulation des Wanderfalken halten die Brieftaubenzüchter nichts, denn sie sorgen sich um den Bestand ihrer Reisetauben und wünschen sich mehr Dialoge mit anderen Interessengruppen, wie dem Naturschutzbund.

Die Tatsache, dass Tauben als Ratten der Lüfte angesehen werden ärgert Hermann Seelig. „Wenn Tauben zur Plage werden, dann gibt es die Möglichkeit, sich mit uns zusammen zu setzen. Wir können die Tiere gezielt wegfangen“, sagt der Chef der Reisevereinigung. Zu schaffen macht den Brieftaubenzüchtern auch die Tatsache, dass sie „langsam aussterben“. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts hat sich die Mitgliederzahl im Verband Deutscher Brieftaubenzüchter auf knapp 40 000 halbiert. Der Altersdurchschnitt der Züchter liegt bei 65 Jahren, denn das zeitintensive Hobby kommt für Jugendliche kaum noch infrage.

Von Cornelia Felsch

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Ostprignitz-Ruppin

Die olympischen Spiele werden künftig nicht mehr bei ARD und ZDF übertragen - eine gute Entscheidung?

57811e88-cc1d-11e5-9fb5-3858ea6ed044
Babys aus Oberhavel (6)

Babys aus Oberhavel, Januar/Februar 2016

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg