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Bierbichler bekommt Fontane-Literaturpreis

Festakt in Neuruppin Bierbichler bekommt Fontane-Literaturpreis

Josef Bierbichlers Roman „Mittelreich“ ist nichts für Zartbesaitete. In teilweise derben Szenen schildert er die Entwicklung einer Bauernfamilie zwischen 1914 und 1984. Mit seinem Werk folge der Autor der Erzähltradition Fontanes, befand eine Jury-Kommission: Für seinen Roman erhält der Schauspieler und Autor in Neuruppin den Fontane-Literaturpreis.

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Josepf Bierbichler

Quelle: Imago

Neuruppin. Wenn man denkt, alles könne wieder gut werden, wird es richtig schlimm: Ohne jeden Ekel steigt der alte Knecht in Josef Bierbichlers Roman „Mittelreich“ in eine Jauchegrube, um ein Entenküken zu retten. Kurze Zeit später ist das Entlein tot – die Hofbewohner haben das gerettete Tier gewaschen, gewärmt und in den Kochtopf geworfen. Die bäuerliche Familie pflegt keine falschen Sentimentalitäten.

Für seinen 2011 erschienenen Roman „Mittelreich“ wird Schauspieler und Autor Josef Bierbichler am Donnerstagabend den Fontane-Literaturpreis der Stadt Neuruppin bekommen. Die Preisverleihung ist zugleich der Auftakt für die diesjährigen Fontane-Festspiele. Mit seinem Roman über Geschichte einer bayerischen Bauern- und Wirtsfamilie zwischen 1914 und 1984 folge Bierbichler der Erzähltradition Fontanes, heißt es in einer Begründung der Jury. Vor allem die zahlreichen Nebenfiguren – die Knechte, Mägde und Flüchtlinge, die nach dem Krieg in dem kleinen Dorf unterkommen – überzeugten die Jurymitglieder.

Bierbichler selbst lehnte ein Vorgespräch zur Preisvergabe ab. Wer Interviews zum Erscheinen des Romans vor fünf Jahren sieht, ahnt warum. Er hält sie wohl schlicht für unnötig. Ziemlich unlustig beantwortete er nach der Romanveröffentlichung die Fragen einer Journalistin vom Bayerischen Rundfunk. „Naturgewalt des deutschen Theater“ – solche Klischeezuschreibungen kann der 68-Jährige einfach nicht mehr hören. Unmissverständlich lässt er seine Interviewerin das spüren.

Fünf Jahre an einem Familienpanoptikum gefeilt

Von Schreibtheorien hält er auch nicht viel. „Beschäftigungstherapie für einen, der zu viel Zeit hat“ – so nannte er die Arbeit an seinem Roman. Das ist ziemlich lässig für einen, der dann doch fünf Jahre an seinem Familienpanoptikum feilte.

Wie eine seine Hauptfiguren auch stammt Bierbichler aus einer Bauern- und Wirtsfamilie. Ihm gehört heute ein bekanntes Ausflugslokal – Bierbichler selbst bewirtschaftet den familieneigenen Wald. Gegen die Vermutung zwischen Roman und Bierbichlers eigener Familie könne es biografische Parallelen geben, hat der Autor sich immer verwehrt. Sein eigener Erfahrungshorizont, sagt Bierbichler, eröffne lediglich den Raum für das Romangeschehen.

„Mittelreich“ ist nichts für Zartbesaitete

„Mittelreich“ ist nichts für Zartbesaitete. Der Pater missbraucht den Seewirtssohn im Internat, der Seewirtssohn ermordet den Pater schließlich bestialisch. Der Seewirt, der eigentlich Sänger werden wollte und dann doch die Gastwirtschaft übernahm, weiß sich beim Karneval nicht gegen eine Betrunkene im Hitlerkostüm zur Wehr zu setzen. Das ist kaum auszuhalten.

Sein ganzes Leben hadert er mit den Zwängen, die Gasthaus und bäuerliches Leben ihm auferlegten. „Verfluchtes Erbe, schreit er, verfluchter Zwang. Ich will der Knecht nicht sein, von diesem alten Krempel, den ihr verfluchten Ahnen hier gebündelt habt.“

In seinen stärksten Stellen wirft „Mittelreich“ einen gnadenlosen Blick auf die entstehende Wirtschaftswundergesellschaft. Das bäuerliche Leben beginnt sich aufzulösen, als die Städter, die es sich plötzlich leisten können, an das Seeufer drängen. Sie kaufen Grundstücke, um sie mit Wochenendhäusern zu bebauen. Auf den Seewiesen sonnen sich plötzlich „Nackerte“. Die ersten Mercedesse fahren durchs Dorf. Als schließlich alle Streuobstwiesen am See verkauft sind, sind die Herbstnachmittage, an denen die Bauern sich dort zum gemeinsamen Heumachen trafen, unwiederbringlich verloren.

Bierbichler selbst hat aus seiner „Abneigung gegen die Puffwerdung des Dorfes“ nie einen Hehl gemacht. Jedes Filmteam, das in seinem Lokal, auf seinem Grund drehen wolle, werde er vertreiben, kündigte Bierbichler einmal an. Vermutlich ist das keine leere Drohung.

Derbe Szenen und surreale Visionen wechseln sich ab

Aus zuvor bitterarmen Bauern werden in dem Roman „mittelreiche“ – daher der Name des Buches. Dem Seewirt selbst tut der neue Besitzstand nicht gut. Er sitzt in seinem frisch renovierten Haus und hadert mit der neuen Zeit. Die eigenen Kinder, die das Tischgebet und den Sonntagsgottesdienst verweigern, sind ihm fremd geworden.

Derbe Szenen und surreale Visionen wechseln sich in „Mittelreich“ ab. Der bayerische Thronfolger, der auf dem Hof des Seewirts unterkommt, wird verwurstet. Die streng gläubige Mare fährt nach ihrem Tod in den Himmel auf. Bierbichlers Roman ist ein buntes Szenenpanoptikum. Ein ostpreußisches Adelsfräulein, das sich im Krieg bis nach Bayern rettet, entpuppt sich als Hermaphrodit.

Streckenweise liest sich das ermüdend. Keine der „Mittelreich“-Figuren gibt wirklich Einblick in ihr Innenleben. Allerdings hat Bierbichler das auch nicht gewollt. „Die Leute“, so bekannte er einmal, „sind immer wieder gleich gewesen.“

Von Frauke Herweg

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