Volltextsuche über das Angebot:

18 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
Bierbrauer unter sich

Dessow Bierbrauer unter sich

Die Brauerei war einst der größte Arbeitgeber des Dorfes Dessow bei Wusterhausen. 1867 gegründet, war sie mal Privat-, mal Genossenschaftsbrauerei. 2009 wurden die Tore dicht gemacht. Aus Anlass des 150. Jahrestages der Gründung lädt die Brauerei jetzt zu einem Ehemaligentreffen ein.

Voriger Artikel
Zu teuer: Stadt sagt geplanten Straßenbau ab
Nächster Artikel
Neuigkeiten auf allen MAZ-Kanälen

Bodo und Horst Lieberenz (von links) hatten beide ihren Arbeitsplatz in der Brauerei.

Quelle: Wolfgang Hörmann

Dessow. Sie haben sich aufgereiht und schauen mit ernsten Mienen in die Kamera. Die Herren tragen Anzug und Krawatte. Für die erste Reihe – die sitzende – dürfte das die Arbeitskleidung gewesen sein. Den Männern dahinter hat Mutter zu Hause wohl den einzigen Sonntagsanzug ausbürsten müssen. Denn, was da auf den ersten Blick wie ein Männerchor aussieht, ist eine Betriebsbelegschaft, herausgeputzt für ein Jubiläumsfoto. Wir schreiben das Jahr 1937, in Dessow feiert man 25 Jahre Genossenschaftsbrauerei. „Die heutige Zusammensetzung von Geschäftsführung und Gefolgschaft“, steht unter dem Bild. Das Foto entstand damals für eine Broschüre.

Bodo Lieberenz hat das Heft im Internet ersteigert, „nicht unbedingt für Kleingeld“, wie er verrät. Es war ihm jeden Euro wert. Schließlich gehörte Bodo Lieberenz, der heute beim Fahrzeugbauer Hüffermann in Neustadt Schweißnähte zieht, 19 Jahre lang zur Belegschaft der Bierbrauer.

Die Braureigeschichte ist auch Familiengeschichte

Außerdem enthält das Foto in der Broschüre ein Stück Familiengeschichte. Denn es zeigt auch zwei Männer, die auf den feinen Bratenrock verzichten. Lässig sitzen sie mit Lederschürze und offenem Hemd auf der Motorhaube eines Lastautos. „Der da“, Bodos Zeigefinger findet den vorderen der beiden, „der da ist mein Opa Arthur. Er war Bierfahrer, erst mit Mercedes, dann mit MAN.“ Die kleine Geschichtsstunde findet in der Veranda eines Häuschens im Dessower Friedensweg statt. Es gehört Horst Lieberenz. Der Hausherr, Jahrgang 1934, hat bisher nur still zugehört.

Foto der Belegschaft aus dem Jahr 1937, in der ersten Reihe, sitzend, die Chefs

Foto der Belegschaft aus dem Jahr 1937, in der ersten Reihe, sitzend, die Chefs.

Quelle: Wolfgang Hörmann

Was sein Sohn erzählt, ist im nicht neu. Schließlich war Horst die zweite Lieberenz-Generation, die beim einst größten Arbeitgeber des Dorfes ihr Geld verdiente. Der 83-Jährige kennt jede Ecke hinterm eisernen Werktor. Wie sein Vater begann er als Kraftfahrer, war dann Schlosser und schließlich Maschinenmeister, verantwortlich für Kesselhaus und alles, was sich an Technik bewegen musste, damit Gerstensaft in die Flaschen kam.

Horst Lieberenz hatte ab 1952 in Kyritz Autoschlosser gelernt. Als die Brauerei vor seiner Haustür einen eigenen Fuhrpark aufbaute, gehörte er zu jenen, die Niederlassungen in Rheinsberg, Havelberg oder Kyritz auf Achse belieferte, „für eine Mark und fuffzehn Stundenlohn“. Lieberenz hat nichts vergessen von seinem Berufsleben, zuerst in der Schlossbrauerei, ab 1972 in einem volkseigenen Betrieb.

Die Dessower wurden Teil des Braukombinates Potsdam

Die Dessower gehörten irgendwann zum Braukombinat Potsdam. Das änderte zunächst nichts daran, dass Malzlieferungen und Kohlen immer noch per Eisenbahn auf dem kleinen Dessower Bahnhof ankamen und dann schnellstens entladen werden mussten, auch von den Schlossern. Lange Standzeiten der Waggons verursachten Kosten. Am Willen der Bierbrauer und an ihrem Fleiß lag es nicht, dass das Unternehmen nach der Wende ins Wanken kam. Auf dem hart umkämpften Biermarkt hatten die Dörfler im Wettbewerb mit den Großbrauereien schlechte Karten.

„Wir konnten 12 000 Flaschen pro Stunde abfüllen. Und dafür brauchte es 15 Leute. Es haperte an allen Ecken, mal beim Flaschenwaschen, dann beim Etikettieren. Ergebnis und Aufwand standen in keinem gesunden Verhältnis“, erinnert sich der Senior. Ob das Bier schmeckte, mochte jeder Gaumen anders beurteilen. Aber es hielt sich nur kurz, wurde schnell trübe und konnte sich mit den neuen Marken aus den alten Bundesländern nicht messen. Der Absatz stockte. Mitarbeiter vom Außendienst versuchten mit allen Mitteln, die Käufer bei der Stange zu halten. Auch mit unkonventionellen Methoden. „Wir sind mit Lkw und kompletter Zapfanlage nach Neuruppin gefahren, haben uns mitten in der Stadt aufgebaut und ausgeschenkt“, erinnert sich Bodo Lieberenz an solche Einsätze. „Wir sind auch noch da“, sollte das heißen. Die Mehrheit übersah es geflissentlich.

Die Rettung nahte in Form von Oettinger

Tatsächlich nahte die Rettung des Unternehmens erst mit der Übernahme durch die Oettinger Brauerei 1992. Von da an ging es aufwärts. Jetzt hatten die Schlosser um Maschinenmeister Horst Lieberenz alle Hände voll zu tun. Der gesamte Produktionsprozess wurde modernisiert. „Eine Abfüllanlage hab’ ich mit meinen Männern in Wuppertal ab-, und in Dessow wieder aufgebaut. Die schaffte schon 38 000 Flaschen in einer Stunde. Endlich kriegten wir auch, was die Konkurrenz längst besaß, den dringend benötigten Pasteurisiertunnel. Der kam aus der Nähe von Erfurt. Damit ließ sich das Bier haltbarer machen.“

Es wurden gute Jahre mit den „Oettingern“. Deshalb verstand auch keiner, warum 2009 Schluss sein sollte. Dabei hatte sich das Ende zunehmend abgezeichnet. Der Konzern setzte mittelfristig seine Strategie der kostenoptimierten Produktion in wenigen großen Braustätten fort. Neben Dessow traf die Schließung auch Pritzwalk. Es hieß, man wolle stattdessen den Standort Schwerin für die Herstellung von einer Million Hektoliter pro Jahr ausbauen. Tatsächlich wurden 16 Millionen Euro in die Schweriner Schlossbrauerei investiert, um die Kapazitäten von 500 000 auf zunächst 650 000 Hektoliter Bier zu erweitern. Die geplante weitere Investition fand dann aber nicht mehr in Schwerin, sondern in Braunschweig statt.

Die Schließung war ein Schlag in die Magengrube

Für die Dessower Bierbrauer war die Schließung ein Schlag in die Magengrupe. Manche haben sich bis heute nicht davon erholt. Als der Kehraus-Lastzug 2009 die Firma verlassen hatte – zuletzt war in Dessow nur noch abgefüllt worden – hing ein Kranz am eiserne Tor. Dem „letzten Gruß“ an eine lange Tradition folgte die Demontage von Anlagen, was so mancher mit Tränen in den Augen verfolgte. Einige Ehemalige halten sich bis heute an das, was sie sich damals schworen: das Gelände ihres oft jahrzehntelangen Wirkens nie wieder zu betreten. Andere sind daran gegangen, etwas dafür zu tun, was mal war, vorm Vergessen zu bewahren. Der dörfliche Förderverein um Eckhard Dürr (der allerdings nie in der Brauerei arbeitete), Margret Peters, Helga Posniak, Lothar Stampehl und Wilfried Schröder gehören dazu. Oettinger unterstützt sie dabei.

So entstand das kleine Brauereimuseum, gibt es Führungen und Feste wie zuletzt anlässlich des Jubiläums „100 Jahre Dampfmaschine“. Dass der Zusammenhalt nicht ganz verloren geht, darum kümmert man sich auch. Dem Ehemaligen-Treffen von vor fünf Jahren soll nun eine Neuauflage folgen. Die Brauerei Dessow wäre in diesem Jahr 150 Jahre alt geworden. Für die Feier gibt es schon über 100 Anmeldungen. Ob Horst Lieberenz hingeht, lässt er offen. Die Beine wollen nicht mehr so recht.

Das Wiedersehen ist für Sonnabend, 17. Juni, von 14 bis 20 Uhr im Brauereimuseum geplant. Weitere Infos gibt es bei Helga Posniak (033974/5 04 00) oder Margret Peters (0162/8 22 80 67).

Von Wolfgang Hörmann

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Ostprignitz-Ruppin
MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg