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Ostprignitz-Ruppin Bodo Wartke im Stadtgarten
Lokales Ostprignitz-Ruppin Bodo Wartke im Stadtgarten
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16:20 09.02.2017
Es swingt, es rockt, es rapt: Bodo Wartke mixt mit seiner Bühnenpartnerin vergnügt verschiedenste Musik-Genres. Quelle: Regine Buddeke
Neuruppin

Stehlampe, Garderobenständer, Sessel, Flügel: die Bühne strahlt heimelige Gemütlichkeit aus. Nichts deutet auf das kommende Erdbeben hin, mit dem Bodo Wartke im Laufe der nächsten zweieinhalb Stunden den Saal erschüttern wird – und die Zwerchfelle der Zuschauer im nahezu ausverkauften Neuruppiner Stadtgarten, die am Mittwoch Wartkes neues Programm „Was wenn doch“ hören wollen und den Klavierkabarettisten stürmisch begrüßen.

Es ist schon lange her, dass er zuletzt hier war, sagt er. Aber er denke stets gern daran zurück – immer wenn er einen Feuerlöscher sehe – bekennt der Mann mit dem sympathisch-jungenhaften Lächeln. In Weste und Anzug entspricht er so ganz und gar dem Klischee von Schwiegermutters Liebling. Und dazu spielt er noch Klavier wie ein junger Gott.

Die erste Klavierballade ist ein Liebeslied, wie viele seiner Stücke, und bei jedem einzelnen fragt man sich: Ist er ein Poet? Ein Sänger? Er ist alles in hoher Perfektion: seine Verse sind perfekt gereimt, fernab vom Kitsch und gut empfunden – mit Sprachverliebtheit schüttelt er sie scheinbar mühelos aus dem Ärmel – genau wie sein Klavierspiel, das durch alle Genres eilt und jeden Song umrahmt wie Gold den Edelstein. Mal frech, mal melancholisch, mal ironisch, mal fatalistisch besingt er die Tücken des Lebens: etwa in „Ménage à trois“. Die Anzahl seiner Gliedmaßen sei nun mal begrenzt, singt er verschmitzt und „Ich halt da nicht Schritt, bei der Liebe zu dritt.“ Wobei das Wort Schritt halten da eine ganz neue Bedeutung bekäme. Gelächter einmal mehr in den Reihen. Das auch nicht abnimmt, als bei „Avec plaisier“ seine Bühnenpartnerin Melanie Haupt mit aufs Podium kommt und Bodo Wartke sie als „Kavalier-Kavallerie“ umgarnt.

Bodo Wartke plaudert mit dem Publikum. Quelle: Regine Buddeke

Ob man Musik studieren müsse, um Klavierkabarettist zu werden, frage man ihn oft. Klares Nein, erklärt er. Er habe zwei Studiengänge erfolgreich abgebrochen: Zuerst Physik nach zwei Semestern – „netto wars nur eins“, grinst er. Später Musik auf Lehramt – da habe er zehn Semester durchgehalten. Klavierkabarettist sei er nicht wegen sondern trotz des Studiums geworden. Und das, obwohl seine Eltern, beide Ärzte, von ihm ganz anderes erwartet hätten. „Künstler will er werden? Ist er schwul?“, persifliert er eine gedachte Szene zwischen seinem Vater und einem Arzt-Kollegen. „Dabei hat mir meine Mutter das Klavier geschenkt“, ereifert er sich und bricht eine musikalische Lanze dafür, dass jeder beruflich das tun solle, was ihm Spaß mache, nicht was von ihm erwartet wird. Die Welt wäre um so vieles besser, so das Resümee des Songs „Das falsche Pferd“. Und alle im Saal sind froh, dass Bodo Wartke just das getan hat.

Dass er durchs Studium gelernt habe, korrekt zu interpretieren sei nett – aber „unkorrekt ist geiler“, grient er und singt ein Lied über eine Verehrerin, die ihn während seiner Bemühungen, Bach zu spielen, heimgesucht habe. Sie hatte ein Faible für alle Musikstudenten, all seine Kommilitonen kannten sie. Es sei eine schmerzliche Verbindung gewesen, sie habe immer gereizt reagiert, ihm das Klavierspiel mit permanenter Stichelei verleidet und ihn dann verlassen:

. Weiter gehts eloquent und süffig, mit „Blues, baby, blues“: Er haucht, er knurrt, er schmettert. Und erzählt Anekdötchen aus dem Alltag eines Dichters, den die Ideen immer im unpassenden Moment finden, etwa in der Sauna, wo niemand einen Stift dabei hat.

Am Klavier macht ihm so schnell keiner was vor – locker leicht umrahmt er seine feinsinnigen Texte. Quelle: Regine Buddeke


„Meine Erwartungen sind voll erfüllt“, schwärmt die Zuhörerin Luise Wenk, die erst seit neuestem Bodo-Wartke-Fan ist. „Die Texte sind toll,und er bringt sie mit so fröhlicher Lockerheit rüber. Und sein Klavierspiel ist beeindruckend.“

Nach der Pause legt Bodo Wartke noch einen Zahn zu: als Vorschau auf die Fortsetzung seines Einmann-Stücks „Ödipus“ gibt er mit Melanie Haupt eine griechische Tragödienparodie auf Theseus – die als Fadenspiel der Ariadne für viele Lacher sorgt. „Er schiffte sich ein“, donnert Wartke. „Eine ganz große Heldentat“, höhnt Haupt. „Hoffentlich stand der Wind gut.“

Mit der Koloratur-Arie der Königin der Nacht, deren Text er zuvor breit-genüsslich zerpflückt, erntet er Beifallsstürme. Die „sinnlose Aneinanderreihung von Vokalen“ verwandelt er nach eigenem Gusto in „Hölle, Hölle, Hölle“-Schreie und Ziegengemecker. Dann geht’s weiter mit Herz-Schmerz-Liebeslust und Frust. Bodo Wartke tut das immer so, dass man sich wohlig räkeln möchte in seinen Noten.

Duett mit Melanie Haupt: „Avec plaisier“. Quelle: Regine Buddeke

Hart-bittere Töne indes schlägt er an mit „Nicht in meinem Namen“. „Wenn ich ein Gott wär“, beginnt er und zählt dann auf, was alles nicht in seinem Namen geschieht: Flucht und Vertreibung, Unterdrückung, Krieg, Völkermord. Und nimmt dabei aktuellen Bezug: „Wenn ihr euch daran ergötzt und weidet, wie ihr öffentlich Menschen die Köpfe abschneidet“, singt er und spart auch Lastwagen in Menschenmengen nicht aus. Das Publikum applaudiert laut. Und will am Ende mehr. Bodo Wartke lässt sich nicht lange bitten und zelebriert mit Melanie Haupt ein augenzwinkerndes deutsch-französisches Duett, bei dem sie lasziv über den ganzen Flügel robbt und er sie mit einem Potpourri des Gesamtkonzerts abspeist. Das Bonbon zum Schluss ist ein Gangsta-Rap: eine musikalische Beschwerde gegen Motten, Mücken, Zecken und Co. Die Pointe: „Irgendwann fangen wir an, Insekten zu essen. Dann seid ihr dran!“

Von Regine Buddeke

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