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Brandenburgerin wird Pfarrerin in Russland

Aljona Hofmann aus Kyritz übernimmt Auslandspfarrstelle in Moskau Brandenburgerin wird Pfarrerin in Russland

Aljona Hofmann aus Kyritz wird die neue deutsche Auslandspfarrerin in Moskau. Nach ihrem Abschiedsgottesdienst verlässt sie im August die Region damit für sechs Jahre. Warum sie das macht, und wohin später sie zurückkehren könnte, verrät sie im MAZ-Gespräch.

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Aljona Hofmann weilt noch bis zum Umzug im August in ihrem Kyritzer Büro.

Quelle: Matthias Anke

Kyritz. Das Stellenangebot für das Auslandspfarramt der Deutschen Evangelischen Gemeinde in Moskau hatte sie im Kirchlichen Amtsblatt gelesen und zunächst nur zur Kenntnis genommen – mehr nicht. Doch jetzt steht Aljona Hofmann aus Kyritz kurz vor ihrer Abreise als die neue deutsche Auslandspfarrerin in Moskau.

MAZ: Frau Hofmann, Sie schreiben in ihrem jüngsten Gemeindebrief, dass Sie und Ihre Familie in den zwölf Jahren als Kyritzer Pfarrerin „tiefe Wurzeln geschlagen“ haben. Dennoch verabschieden Sie sich nach Moskau. Wie passt das zusammen?

Aljona Hofmann: Bevor ich hierher kam, hatte ich schon neun Jahre lang in Berlin Wurzeln geschlagen. Doch ich musste loslassen, um meinen ersten Pfarrdienst mit voller Verantwortung hier beginnen zu können. Nun werde ich die Kraft aufbringen, erneut loszulassen, denn leicht ist es eben nicht. Ich plante meinen Weggang ja nicht.

Wie kam es dazu?

Hofmann: Ich erfuhr Anfang des Jahres über einen Kollegen zufällig von der entsprechenden Stellenausschreibung und hatte mich dafür zunächst nicht weiter interessiert. Aber es gibt irgendwann eben Punkte im Leben, an denen man sich fragt: Was kommt jetzt noch? Für eine andere Pfarrstelle in Brandenburg könnte ich solche Kraft nicht aufbringen, dafür ging es mir in Kyritz zu gut. Nun hat Moskau aber einen sehr hohen Reiz für mich. Von dort aus lässt sich beispielsweise die für uns selbstverständliche Heimat aus der Distanz betrachten. Vor allen Dingen aber passt es familiär gerade ganz gut. Also stellte ich mir angesichts einer solchen Möglichkeit die Frage: Wann, wenn nicht jetzt?

Was ist damit gemeint, dass es familiär passt?

Hofmann: Mein Mann ist Lehrer, er kann also an einer deutschen Schule unterrichten. Unser jüngster Sohn geht in die dritte Klasse, so dass der Wechsel für ihn funktionieren dürfte. Und unser älterer Sohn hat sein Abi geschafft und will studieren. Er bleibt hier.

Deutsche Auslandspfarrstellen

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ist mit rund 120 sogenannten Auslandsgemeinden weltweit verbunden.

In Russland gibt es neben der Emmaus-Gemeinde in Moskau noch Pfarrstellen in Sankt Petersburg, Kaliningrad, Wladiwostok und Samara.

Die Kirche ist damit Ansprechpartner in zahlreichen Ländern weltweit für Christen, die etwa für einige Jahre mit oder ohne Familie im Ausland leben oder auf Urlaubsreise sind. Laut der EKD heißt es: „Sie werden sehen: Ihre Kirche ist in ganz vielen Ländern unserer Erde schon für Sie da und lädt Sie ein zum Gottesdienst, zum Gespräch über andere Religionen und Kultur und auch zur Geselligkeit im Gemeindeleben vor Ort.“

Es heißt, Frau Hofmann ist der russischen Sprache ohnehin längst mächtig. Was hat es damit auf sich?

Hofmann: Na, ja. Ich werde in einer Woche zu einem Sprachkurs nach Sankt Petersburg fahren, sonst käme ich mit meinem Russisch allein bestimmt nicht zurecht. Ich wurde zwar nordöstlich von Moskau geboren und lebte bis zum Alter von sieben Jahren mit meinen Eltern in der Ukraine in Mariupol. Dann zogen wir nach Deutschland. Apropos Wurzeln: Der Schritt ist jetzt also auch wieder einer zurück zu meinen eigenen.

Mariupol war doch voriges Jahr erst von den sogenannten prorussischen Rebellen umkämpft. Mit welchen Gedanken gehen Sie da jetzt nach Moskau?

Hofmann: Ich musste schon oft daran denken, was heute wohl wäre, wenn wir Mariupol damals nicht verlassen hätten. Andererseits kann ich mir gut vorstellen, als deutsche Pfarrerin in Moskau nicht völlig unbeobachtet zu bleiben. Als ich mich dort vor einigen Wochen vorstellte, war auch der deutsche Botschafter dabei. Wir stehen also in Kontakt, schon allein, weil die Gottesdienste in Räumen der Botschaft stattfinden werden, allerdings ohne weitere Mitarbeiter und auch ohne Kantor. Dafür gibt es aber einen Pianisten.

Welche Aufgaben haben Sie?

Hofmann: Hauptsächlich halte ich Gottesdienste ab, betreue Konfirmanden, und ich gebe an der deutschen Schule wöchentlich acht Stunden Religionsunterricht. Um Taufen, Eheschließungen oder Beerdigungen wird es wohl weniger gehen.

Wie viele deutsche Kirchgänger gibt es in Moskau?

Hofmann: Es sind wohl an die 100. Weil es aber eine Freiwilligkeitskirche ist, man nicht wie bei uns über das Melderegister erfasst wird, kommen entsprechend mehr Leute zum Gottesdienst. In Kyritz stehen ja etwa 1500 Gemeindeglieder auf dem Papier. In die Kirche gehen jedoch nur um die 30 bis 40 regelmäßig. Ich denke aber, in Moskau bedeutet ihre Kirche für die dort lebenden Deutschen Heimat. Sie suchen in der Fremde das Vertraute.

Womöglich wird Ihnen nach sechs Jahren Brandenburg ebenso etwas fremd sein.

Hofmann: Vielleicht. Das Leben hier geht ja weiter. Ich werde aber ganz genau verfolgen, was in Kyritz geschieht. Das ist dank Internet sicherlich einfach.

Das klingt, als wäre eine Rückkehr hierher möglich.

Hofmann: Als Pfarrerin wird das aber nichts, auch wenn ich wollte. Man geht zwar zurück in die Landeskirche, aus der man kam. Doch hier wird es jemand Neues geben. Meine Stelle wird ja jetzt ausgeschrieben.

Was wird Ihre letzte Amtshandlung hier sein?

Hofmann: Das sind am 9. August die Gottesdienste in Gantikow und Kyritz. Dass mein Abschiedsgottesdienst schon diesen Sonntag sein wird, ging aus Zeitgründen nicht anders.

Ist denn ein Nachfolger wenigstens in Sicht? Können Sie dafür etwas tun? Oder nach Ihnen die Sintflut?

Hofmann: Ich sage nicht, nach mir die Sintflut, sondern lasse Sascha Gebauer, unseren weiteren Pfarrer fürs Stadtgebiet, hier nicht mit allem allein und versuche ihn gerade bei Bürokram noch so weit wie möglich zu helfen. Ob dann zum 1. September jemand gefunden ist, weiß ich nicht. Um so mehr hoffe ich, dass Sascha Gebauer noch lange bleibt. Sein regulärer zweijähriger Entsendungsdienst endet schließlich im Herbst. Zudem ist meine bisherige Stelle attraktiv, weil sie zu 100 Prozent Pfarrstelle ist. Und was mich beruhigt: Wir haben sehr selbstständige Gemeindekirchenräte. Ich musste nicht überall Vorsitzende sein, die ich automatisch gewesen wäre, wenn sich vor Ort keiner engagiert hätte.

Es scheint, als würden immer mehr Pfarrer ihre Stellen nicht mehr bis in alle Ewigkeit behalten. Es wird immer häufiger gewechselt. Siehe jetzt auch das Pfarrerpaar Fröhling aus Neustadt. Woran liegt das?

Hofmann: Gemeindepfarrstellen werden seit 2004 immer nur für zehn Jahre vergeben. Das hat seine Vorteile. Jeder Pfarrer spricht unterschiedliche Menschen an. Nachteil ist dafür, dass Wurzeln gekappt werden, aufgebaute Beziehungen enden. Daher gehe ich mit einem lachenden, aber auch sehr weinenden Auge. Einige meiner Gantikower hatten schon gedacht, ich werde es auch sein, die sie einst begräbt. Wiederum andere sagten, ich wäre wie eine Freundin, Schwester oder gar Tochter für sie geworden. Es gab viele so berührende Momente.

Und auch mal Ärger?

Hofmann: Ja, geärgert hatte ich mich wegen der doch sehr heftigen Debatte um einen kirchlichen Träger für die neue Kita in der Stadt.

Was wird aus der Seelsorge an der KMG-Klinik, mit der Sie ja erst vor einem Jahr begannen?

Hofmann: Mein Stellvertreter aus Sieversdorf, Lars Haake, wird das so nur zu einem Teil fortsetzen können. Auch deshalb hoffe ich auf eine baldige Nachfolge. Ich wünsche das der Gemeinde sehr.

Zur Person

Aljona Hofmann ist 44 Jahre alt, verheiratet und Mutter zweier Söhne.

Geboren wurde sie nordöstlich von Moskau. Sie lebte mit ihren Eltern dann aber in der Ukraine in Mariupol. Im Alter von sieben Jahren zogen sie nach Neustadt. Nach dem Abitur in Neuruppin begann Aljona Hofmann in Rostock Theologie zu studieren. Einige Semester absolvierte sie in Wien, bevor sie 1994 nach Berlin zog und dort im Dom predigte.

Die von ihr dann vor nunmehr zwölf Jahren übernommene Pfarrstelle in Kyritz wurde nach der Entsendungszeit in Berlin ihre erste mit voller Verantwortung. Zuständig war sie für Kyritz, Gantikow, Drewen und seit 2011 auch für die Mechower Kirchengemeinde.

Der Abschiedsgottesdienst diesen Sonntag, 28. Juni, ab 14 Uhr in der Sankt Marienkirche in Kyritz gilt als sogenannte Entpflichtung. Der Kyritz-Wusterhausener Superintendent Alexander Bothe nimmt sie vor.

Von Matthias Anke

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