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Büßen und Beten in Wusterhausen

Religion Büßen und Beten in Wusterhausen

Seit 20 Jahren ist der Buß- und Bettag mit Ausnahme von Sachsen kein gesetzlicher Feiertag mehr, dennoch wird er auch in der Region weiterhin begangen. Für den Abend sind vielerorts Gottesdienste geplant, so auch in Wusterhausen. Und in Neuruppin haben einige Schüler sogar unterrichtsfrei.

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Dürers „betende Hände“ wurden aus der Kunst heraus zum Symbol für Gebete. Die Zeichnung war Studie für den Heller-Altar, wie am Apostel mittig rechts zu sehen.

Quelle: Wikipedia/Eva Kroecher

Wusterhausen. Mittwoch ist nicht gleich Mittwoch. Klar. Doch dieser Mittwoch, der 18. November, ist einer von denen, die besonders viele Fragen aufwerfen. Begonnen damit, dass mancher zunächst zweimal in den Kalender sehen muss: Ist der Buß- und Bettag nun ein Feiertag oder nicht? In Brandenburg nicht. Aber war das nicht mal anders?

1994 wurde beschlossen, den Buß- und Bettag als arbeitsfreien Tag mit Wirkung ab 1995 zu streichen. Die Pflegeversicherung war damals eingeführt worden. Ohne diesen Feiertag ließ sich die Mehrbelastung für die Arbeitgeber wegen der Beiträge ausgleichen – eben durch die Mehrarbeit der Arbeitnehmer.

„Es war wohl das einfachste, diesen Tag zu streichen, statt eines anderen“, sagt Wusterhausens Pfarrer Alexander Bothe, der amtierende Superintendent des Kirchenkreises Kyritz-Wusterhausen. Schließlich beziehe sich dieser Buß- und Bettag nicht auf ein biblisches Ereignis wie etwa Weihnachten, Ostern oder Pfingsten oder auf eine bestimmte Person, sondern er gleiche einem Thementag, einer allgemeinen Besinnung. Für Kirchenleute wie Bothe ist er deshalb trotzdem arbeitsintensiv. Am Abend, wenn ein Großteil der werktätigen Bevölkerung Zeit hat, gibt es vielerorts in der Region Gottesdienste.

Für Neuruppiner Schüler unterrichtsfrei

Am Vormittag gibt es diese mitunter aber auch noch, allen voran ab 9 Uhr in der Neuruppiner Klosterkirche. Dort werden die Schüler der Evangelischen Schule Neuruppin dabei sein. Sie haben am Buß- und Bettag traditionell schulfrei. „Unterrichtsfrei heißt das genau genommen. Schließlich soll den Schülern der Weg zum Gottesdienst möglich sein. Sie können ihn aber auch in ihrer Heimatgemeinde besuchen“, heißt es aus dem Gymnasium.

Weil das Einzugsgebiet des Schule weite Teile des Landkreises erfasst, wird auch Pfarrer Bothe am Abend bei seinem Gottesdienst in Wusterhausen ab 18 Uhr solche Schüler in der Kirche haben. Gleiches gilt für Neustadt-Köritz, wo der Gottesdienst um 18.30 Uhr beginnt, und für viele weitere Kirchen in der Region. Allerorten bieten diese Zusammenkünfte Gelegenheit zur gemeinschaftlichen Gewissensprüfung, wobei es nicht darum geht, tatsächlich zu büßen oder eine Art Strafe zu empfinden. „Es geht darum, sich allgemein zu besinnen, darüber nachzudenken, ob man für sein Handeln einstehen kann oder nicht“, so Bothe. Es geht dabei ums Umdenken, sich Gott zuzuwenden. So gilt dieser Mittwoch als ein Tag der Reue, Umkehr, Neuorientierung.

Während es in der katholische Kirche seit Jahrhunderten feste Buß- und Bettage gibt, gab es in der evangelische Kirche Dutzende verschiedene, bedingt auch von der Kleinstaaterei in den verschiedenen Territorien Deutschlands. Sie wurden in Notzeiten angesetzt, um die Bevölkerung bei Missständen, Gefahren oder Katastrophen zum Gebet aufzurufen.

Besondere Beachtung in diesem Jahr angesichts der Flüchtlingskrise

Angesichts solchen Ursprungs findet der diesjährige Buß- und Bettag besondere Beachtung: „Die vielen tausend Menschen, die derzeit auf der Flucht vor Hunger, Terror und Verfolgung sind und die unter anderem Zuflucht in Deutschland suchen, führen uns vor Augen, wie viel Gewalt und Ungerechtigkeit es in der Welt gibt“, erklärte der Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche Deutschlands, Heinrich Bedford-Strohm. Dieser 18.  November könne ein Datum sein, „an dem wir uns verpflichten, dass wir dieses Unrecht nicht länger gewillt sind hinzunehmen“.

Schon die sogenannte Friedensdekade, die in diesem Jahr unter der Überschrift „Grenzerfahrungen“ steht, bezog sich darauf. Diese kirchliche Aktion gibt es seit den 1980er Jahren. In Gemeinschaft wird zehn Tage lang über den Frieden nachgedacht, miteinander geredet und gebetet. Die Dekade endet traditionell mit dem Buß- und Bettag.

Der geschichtliche und biblische Hintergrund

Gemeinsame Bußzeiten soll es schon in der Antike gegeben haben.

Auch in Bibeltexten finden sich Assoziationen, etwa die Geschichte von Jona, der von Gott nach Ninive geschickt wird, um der Stadt ihren Untergang zu verkünden.

Darin heißt es: „Es sind noch vierzig Tage, so wird Ninive untergehen. Da glaubten die Leute von Ninive an Gott und ließen ein Fasten ausrufen und zogen alle, groß und klein, den Sack zur Buße an. Und als das vor den König von Ninive kam, stand er auf von seinem Thron und legte seinen Purpur ab und hüllte sich in den Sack und setzte sich in die Asche und ließ ausrufen und sagen in Ninive als Befehl des Königs und seiner Gewaltigen: Es sollen weder Mensch noch Vieh, weder Rinder noch Schafe Nahrung zu sich nehmen, und man soll sie nicht weiden noch Wasser trinken lassen; und sie sollen sich in den Sack hüllen, Menschen und Vieh, und zu Gott rufen mit Macht. Und ein jeder bekehre sich von seinem bösen Wege und vom Frevel seiner Hände! Wer weiß? Vielleicht lässt Gott es sich gereuen und wendet sich ab von seinem grimmigen Zorn, dass wir nicht verderben. Als aber Gott ihr Tun sah, wie sie sich bekehrten von ihrem bösen Wege, reute ihn das Übel, das er ihnen angekündigt hatte, und tat’s nicht.“

Bußzeiten gelten fortan als „fürbittendes Eintreten der Kirche für die Schuld der Gläubigen vor Gott“. Die Kirche soll zudem an Bußtagen eine Art „Wächterfunktion den Sünden der Zeit gegenüber“ ausüben. Dem einzelnen sollen sie dazu dienen, sein Gewissen vor Gott zu prüfen.

Im Mittelalter gab es zweierlei Bußtage: bei Bedarf von der Obrigkeit angeordnete, um Unheil abzuwenden, und jene nach kirchlicher Ordnung. So wurde ein erster Bettag auf kaiserliche Anordnung hin 1532 wegen einer „Türkengefahr“ in Straßburg angesetzt.

Zum gesetzlichen Feiertag wurde er erstmals im Jahr 1934. Nur in der DDR schaffte man ihn dann Mitte der 1960er Jahre ab – bis zur Wiedervereinigung. Dass es stets ein Mittwoch ist, wurde bereits Ende des 19. Jahrhunderts festgelegt, als sich die evangelischen Kirchenleitungen einen gemeinsamen Tag wünschten. Es wurde schließlich der Mittwoch vor dem letzten Sonntag im Kirchenjahr, dem Totensonntag beziehungsweise Ewigkeitssonntag. Elf Tage sind es damit stets bis zum ersten Advent von diesem Buß- und Bettag an, einem Mittwoch, der eben nicht nur irgendeiner ist.

Von Matthias Anke

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